Ersteindruck: Steam Deck

Nach etwa einem Monat Zeit und Dutzenden damit ausprobierten Titeln fühle ich mich erstmals soweit, meine Eindrücke vom Steam Deck mitzuteilen: zwei Aspekte vorweg, die mich im Vorfeld beschäftigten (mir ein klein wenig Sorge bereitet haben).

Erstens: Proton (Windows-Spiele über Linux) funktioniert ähnlich gut wie die mirakulöse Rückwärtskompatibilität auf der Xbox. Es unterstützt zwar (noch) kein Raytracing, fühlt sich aber auch nicht wie ein Emulator an – wenn über Foren etc. nicht eindeutig klar ist dass etwas nicht läuft sollte es zumindest ausprobiert werden. Valve hat die offizielle Kompatibilität sehr streng ausgelegt, obwohl auch da fragwürdige Beispiele existieren, aber dass etwas „nicht unterstützt“ wird heißt noch lange nicht dass es nicht läuft: „Grid 2“ zum Beispiel brachte ich relativ schnell hin, die Nicht-Unterstützung mag ebenfalls daran liegen dass es aus offenbar lizenzrechtlichen Gründen schon vor langer Zeit vom Markt genommen wurde. „Outcast 1.1“, einer meiner absoluten persönlichen Favoriten, wurde auch für „nicht unterstützt“ erklärt, ist mit Abstrichen aber dennoch (inoffiziell) spielbar: für nur die offizielle „spielbar“-Einstufung (gegenüber der höchsten „verifiziert“) reichen dabei schon vernachlässigbare Schwierigkeiten wie zu kleine Schriftarten oder dass gelegentlich die virtuelle Tastatur manuell zugeschaltet werden braucht. Sämtliche Tastenkürzel sind (über die Controller-Tasten) schnell aufrufbar und es existiert auch eine wirklich narrensichere Hilfe dafür: wer bereits Erfahrungen mit dem Steam-Controller sammeln konnte wird sich damit sowieso schnell heimisch fühlen, das Deck ist gegenüber diesem aber allein ergonomisch eine enorme Weiterentwicklung. Für meine Switch-Konsolen verwende ich seit einiger Zeit meist einen teuren Haptik-Adapter von HORI (Split Pad Pro): das Deck ist noch besser und verfügt nun, anders als der Steam Controller der diese nur simulieren konnte, über eine echte Vibrationsfunktion.

Zweitens: Big Picture (von Valve – das für Fernseher, etwa über Steam Link als In-House Streaming, Konsolen imitiert und ich nun überhaupt nicht leiden kann) kommt am Deck nicht zum Einsatz! Stattdessen wurde eine dritte Oberfläche gefunden, die automatisch startet und sich tatsächlich wie eine Konsole anfühlt. Dass man eigentlich einen PC mit Linux drauf in Händen hält kann damit sofort vergessen werden: ich kann nur empfehlen so wenig wie möglich mit dem Linux im Hintergrund zu tun zu haben. Über Knoppix sammelte ich zwar schon vor vielen Jahren Linux-Erfahrungen, aber von der Firmware bis zu sonstigen Updates wird hier alles über die Deck-Oberfläche geregelt. Und sollte stattdessen lieber der Desktop-Modus angewählt werden muss Steam darüber hinaus scheinbar sowieso neu starten: wird Linux also mental „vergessen“, steht einer Konsolenerfahrung von Valve eigentlich nichts mehr im Weg – so wie sie bei den Steam Machines zu wünschen gewesen wäre. Es bleibt zu hoffen, dass diese Partnerschaft mit AMD so erfolgreich sein wird, dass sich Valve dadurch vielleicht doch noch überlegt auch eine Proton-Box zu bauen und damit PS5 sowie Series X Konkurrenz macht – denn wie ich noch erzählen werde ist trotz aller Stärke (das Deck wird selbst dem Switch-Nachfolger vermutlich weit voraus sein) die mangelhafte Leistung die größte Einschränkung welche ich dem Gerät zuschreiben kann.

Ich verwende den Linux-Desktop nur um über mehrere Speichergeräte hinweg meine installierten Titel im Überblick zu behalten. Denn erstmals seit der PlayStation Portable steht hier Hot-Swapping von (Micro-SD-)Karten nichts mehr im Weg: Vita, DS und Switch können das ja leider alle nicht.

Wo ich schließlich schon bei einem nächsten „Mythos“ zum Gerät angelangt wäre, dass nämlich auf die teuren SSD-Versionen verzichtet werden könne und die Micro-SDs fast gleichschnell sind: wer es wie ich nicht aufschrauben möchte (meine SSD-Erfahrungen mit der PS5 letztes Jahr haben mir gereicht), aber den Inhalt der Karten ohne neuerliche Downloads variieren und Spiele verschieben will, wird um eine SSD nicht herumkommen, da das Steam Deck weder (ex)FAT noch NTFS als Dateisysteme unterstützt sondern auf einem eigenen (ext4 für Linux) basiert, das weder Mac noch Windows so einfach lesen können. Es ist gar nicht so leicht (ohne einen externen Bildschirm oder einen Adapter für eine Maus, das Deck verfügt über keinerlei Ständer) externe Dateien angenehm auf das Gerät zu bekommen, oder es überhaupt wie einen herkömmlichen PC zu bedienen (!) zumal die Trackpads eben eher wie der Steam Controller und keine Notebook-Trackpads funktionieren. Anders als bei etwa Android-basierten Geräten sind hier jegliche Dateimanager für eine externe Handhabung der SD-Karten völlig unbrauchbar – da ich kein Techniker bin kann ich leider nicht sagen, ob sich das einmal ändern könnte und es für das Deck einmal eine eigene Lösung geben wird (da diese für das Linux-Format insgesamt augenscheinlich nicht existiert gehe ich nicht davon aus). Ich habe deshalb umständlich mittels Adapter nur eine Mod installiert, jene für „Alien Isolation“ die das Alien entfernt und das Spiel so wesentlich leichter gestaltet, das hat mir schon gereicht: im Endeffekt gelang es mir ohne (potentiell teure) Tools zum Laufen zu bekommen nur über E-Mail (!). Eine Alternative wären lediglich Cloud-Dienste wie OneDrive von Microsoft. Das alles macht das Deck ironischer Weise zu einem hermetisch abgeriegelten System für mich (und damit Konsolen noch ähnlicher).

Nur die Leistung könnte halt insgesamt (noch) besser sein: obwohl ich das Deck spontan zu meinem momentan liebsten Gerät erheben möchte, so ersetzt es dennoch keine „vollwertige“ Konsole wie die Switch komplett. Das API einer Konsole kann einfach kein PC erreichen – und hier kommt eben noch ein Proton-Layer, das heißt es gibt sogar verschiedene, hinzu. Deshalb fallen Ergebnisse auch höchst unterschiedlich aus. Und manches vermeintliche Highlight für das Deck stellte sich am Ende als keines heraus.

Von „Horizon Zero Dawn“ (verifiziert) wurde ich etwa sehr enttäuscht: da die PS4-Version für PS5 mittlerweile einen 60fps-Patch erhielt werde ich diese „Handheld-Version“ zwar sozusagen „behalten“, aber selbst für 30fps auf dem Deck musste ich viele Abstriche hinnehmen. Und das obwohl „Death Stranding“, das ebenfalls auf der Decima-Engine von Guerilla Games basiert, viel besser läuft und „Horizon Zero Dawn“ am Desktop nunmehr eigentlich ziemlich genügsam ist (sowie – im Unterschied zum PS5-Nachfolger „Forbidden West“ – in hohen Auflösungen nicht nach viel aussieht). Ein Erbe der ursprünglich schlechten Portierung?

Manche ältere Titel wie „Tomb Raider“ (2013) sind auch überhaupt nicht zu empfehlen, obwohl sie angeblich „spielbar“ wären. Durch die Oberfläche kann ich von Experimenten „daneben“ grundsätzlich nur abraten – das zerstört aus meiner Sicht die komplette Erfahrung. Weiters gilt grundsätzlich: fast wichtiger als die Frage ob etwas „offiziell“ unterstützt wird ist, ob ein Titel die Steam Cloud nutzt. Ohne die Cloud kann das Spiel nämlich nur eingeschränkt verwendet werden – jedenfalls wenn das andere Dateisystem berücksichtigt werden sollte und Spiele weiterhin zusätzlich auf anderen Geräten genutzt werden möchten.

Schon im Vorfeld ging ich deshalb dazu über eine ganze Reihe älterer Titel auszuwählen und nur mehr auf das Deck als Altenteil auszulagern und bei Missgefallen dort dann überhaupt nicht mehr zu spielen (etwa weil ich sie sowieso noch für „echte“ Konsolen habe). Eine Alternative bleibt lediglich einzelne Titel sich nur für das Deck zuzulegen und sich allein damit zufrieden zu geben: ich habe das jetzt erst in einem Fall gemacht – bei „Nightmare Reaper“ das vorsichtshalber vorher noch aus dem Early Access entlassen wurde – ganz wohl fühle ich mich damit allerdings nicht, die Cloud ist dort aber auch dabei.

Ein wenig erinnert mich diese Situation an die Original Xbox: jedenfalls ohne Modding war es dort nur mit der Memory Unit möglich Spielstände von der gigantisch überdimensionierten Festplatte zu sichern, die Einheit erreicht heutzutage schwindelerregende Preise am Gebrauchtmarkt. 2020 gab mein Gerät von 2002 jedoch durch einen Stromschlag den Geist auf, musste mir deshalb Ersatz besorgen und ich hatte nur eine Einheit mit 8MB für Backups vorbereitet – vieles war für die Ewigkeit verloren.

Schlechtere Ports von Konsolen, wie etwa „Onechanbara Origin“ als ein weiterer meiner privaten Favoriten, müssen auf einem zweiten PC vorher ohnehin für das Deck erst konfiguriert werden bevor sie genutzt werden können, da sie Einstellungen für höhere Auflösungen auf das Deck mit übernehmen und dadurch dort unbrauchbar werden (1080p als bereits höhere Auflösung doch zu einem Mindeststandard geworden ist). Im Idealfall ist es nämlich so, dass die Steam Cloud wirklich nur Spielstände global verwendet.

Bleibt ein Wort zum vielgescholtenen Bildschirm: obwohl ich letztes Jahr das Glück hatte eine OLED-Switch zu ergattern – und auch sonst auf OLED schwöre – finde ich diesen (in der kleinen und mittleren Version ohne Entspiegelung) völlig in Ordnung. Die Farbpracht darauf mehr als ausreichend, nur die Helligkeit könnte für einen Nicht-OLED im Freien besser sein. Apropos Freies: ein enormes Problem stellt in diesem Frühjahr der Blütenstaub dar und die Lüftung ist auf dem Deck doch zentral, ähnlich der eines Laptops mit potenter Grafiklösung. Bleibt zu hoffen, dass der Blütenstaub keinen Schaden verursacht und Valve solche Umwelteinflüsse in das außerordentliche Design mit einbezogen hat.

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Filmempfehlung: „Proxima“ (2019)

***** Astronautinnen als Mütter

Eva Green brilliert als Astronautin und Mutter: mit Sandra Hüller (Brownian Movement), Lars Eidinger (Babylon Berlin) und Matt Dillon (The House That Jack Built) in den Nebenrollen erstaunlich besetzt hebt sich der europäische Film wohltuend vom amerikanischen Einheitsbrei um den Weltenraum befahrende Frauen ab indem nicht deren Karrieren oder „Leistungen“ im Vordergrund zu finden sind, Schmarren von dem es in den letzten Jahren ja mehr als genug gab, sondern der Mensch!
Im Zentrum steht die schwierige Trennung von Mutter und Tochter während der Ausbildung: diese ist betont realistisch gehalten, schildert eindrucksvoll und glaubwürdig entsprechende Zustände bei der ESA und (vor dem 24.2.22) Roskosmos. Inklusive dem einen oder anderen poetischen Anflug: ein wahrhaft schön fotografierter und ergreifend souveräner Film.
Nur wer sich eine filmische Reise ins All erwartet kann enttäuscht sein: der Film endet mit dem Start der Rakete.

Filmkritik: eingereicht auf Amazon.de (als Jürgen Mayer bei der deutschsprachigen BD) und eingetragen in der OFDb (Pyri).

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Die ESA, FIFA und die Zukunft der öffentlichen Wahrnehmung von Videospielen

Der Verlust der FIFA-Lizenz bei Electronic Arts (EA) hat es hier in der Steiermark gestern sogar in den Sportteil (!) der Kleinen Zeitung geschafft: kenntnisreich wird darüber berichtet wie „FIFA 07“ erstmals den Spieler vom Ball trennte.

Fast dreißig Jahre erschien jedes Jahr ein neues „FIFA“: 1994 erstmals für den PC (noch für MS-DOS) auf drei Disketten am Ständer neben mir (später auch auf CD-ROM) und angefangen mit „FIFA 96“ Ende 1995 dann eben mindestens einmal jährlich (wenn die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer anstand bis zuletzt 2018 in Russland sogar alle vier Jahre zweimal).

Nun wird der Deal mit der FIFA heuer auslaufen, aber „FIFA 23“ soll noch (regulär) erscheinen: meinen Informationen von vor ein paar Monaten zufolge (Time Stamp) wusste EA nicht, ob sie unter diesen Umständen am 1. Jänner 2023 „FIFA 23“ noch verkaufen dürfen – doch das dürfte mittlerweile geklärt sein. Obwohl momentan bereits mit „FIFA 22“ soweit ich weiß erstmals ein „FIFA“ Bestandteil des PlayStation Plus-Monats wurde, die „digitalen“ Produkte umbenannt und die immer weniger relevanten, physischen Retail-Regale auch leergeräumt werden könnten (bzw. wie damals bei der Russland-WM Verpackungen einfach ausgetauscht), wenn schon die Server zu Jahresende nicht runtergefahren werden sollten – ich wäre da jedenfalls vorsichtig.

Das Schicksal der FIFA im Videospielbereich folgt damit zumindest vorübergehend jenem der Schulen im nordamerikanischen College-Sport: College-Sportspiele (ohnedies primär nur für den US-amerikanischen Markt entwickelt) hat EA daraufhin gar nicht mehr produziert – mit entsprechenden Stars weiterhin am Cover könnte sich der neue Name „Football Club“ hier international aber auch relativ schnell wieder etablieren. Nur bei der „besten“ Alternative welche die FIFA ab dem nächsten Jahr (selbst?) anbieten möchte bin ich skeptisch: ich gehe davon aus, dass es sich dabei zunächst praktisch nur um ein billiges Mobilspiel handeln können wird und auch Konami darin nicht involviert ist.

So sehr ich „eFootball 2022“ ursprünglich mochte: die „Rettung“ für die desaströse öffentliche Wahrnehmung des Gratis-Nachfolgers von „Pro Evolution Soccer“ ist Konami gründlich misslungen, das Warten auf die (weiterhin kostenlose) „Vollversion“ nun im Frühjahr hat sich für mich keinesfalls gelohnt und die spielerische Neuerung hatte mit ihren brutalen Remplern aus meiner Sicht mehr mit Wrestling als Fußball zu tun. Zudem wurde darin mit Fixpreisen das Prinzip der Sammelkarten praktisch pervertiert, anscheinend um einer Regulierung Richtung Glücksspiel in manchen europäischen Ländern auszuweichen. Abgesehen davon wird Konami keineswegs in der Lage sein die Gelüste der FIFA finanziell zu befriedigen.

Das ist jedoch nicht die einzige Zeitenwende in der Videospielindustrie 2022, denn obwohl die Pandemie im Westen (vorübergehend) vernachlässigbar erscheint wird es heuer nach 2020 wieder keine E3 geben. Die Messe in Los Angeles als das traditionelle Zentrum des kommerziellen Videospieljahres hatte in den letzten Jahren enorm an Rückhalt verloren. Immer mehr Firmen kehrten ihr den Rücken, oder kochten stattdessen lieber ihr eigenes (Marketing-)Süppchen. Diverse Feierlichkeiten stehen ab nächster Woche, beginnend mit einem Showcase des kleinen aber feinen Publishers 505 am 17. Mai, zwar wieder auf dem Programm (und wenigstens eine traditionelle Pressekonferenz obendrein, jene des quasi neuen Super-Konzerns Microsoft am 12. Juni), aber halt keinen dazu passenden Rahmen mehr.

Der Wedbush-Analyst Michael Pachter sieht in dem Verzicht auf die E3, vorangetrieben vor allem durch Sony, in erster Linie ein politisches Problem: Pachter, der zu jenen US-Demokraten zählt die Gewerkschaften kritisch gegenüber stehen (zumindest in hochbezahlten Kreativindustrien), hält einen starken Branchenverband für unabdingbar um das Medium gegenüber dem Gesetzgeber entsprechend positionieren zu können. Lebhaft berichtet er von einem Treffen mit einer Schar junger ParteifunktionärInnen, denen die Stellung der Industrie in den USA erst gegenwärtig gemacht werden brauchte: das Umfeld der E3 bot dazu die ideale Gelegenheit.

Und bedroht wird die Entfaltung der Branche aus seiner Sicht momentan offenbar weniger mit inhaltlichen Bedenken, sondern durch die starke Opposition gegenüber den milliardenschweren Übernahmen. Ich stimme dem zu: das Unternehmen von Geoff Keighley kann dafür kein Ersatz sein. Keighley informiert keine breite Öffentlichkeit. Zumal er in den letzten Jahren pikanterweise über einen Vertrag mit dem deutschen (!) Branchenverband (respektive Koelnmesse) verfügte und seit 2019 die Gamescom-Eröffnung moderiert hat bzw. in seine Ökosphäre von Sendungen mit hinein übertrug: Keighley sollte sich mit der ESA wirklich einigen.

Die ESA, also die Entertainment Software Association (nicht die europäische Weltraumagentur) als E3-Ausrichter- und US-Branchenverband könnte ohne E3 ähnlich an Bedeutung verlieren wie die ECA (Verbraucherverband) und EMA (Handelsverband) in ihren jeweiligen Bereichen davor: in den Nullerjahren, das heißt bevor gewaltdarstellende Videospiele in den USA als „protected speech“ anerkannt wurden, wurde rund um das Medium nämlich viel mehr „Politik gemacht“. Gamepolitics.com war bis Anfang Dezember 2010 dafür die erste Anlaufstelle, inklusive namhafter Figuren als Sprachrohre in der Öffentlichkeit – wie Hal Halpin.

Im letzten Jahrzehnt gingen die Hersteller jedoch dazu über besseres eigenes Marketing in jedem Fall vorzuziehen. Darüber hinaus ließ der „digitale“ Verkauf von Lizenzen den physischen Handel ums Überleben kämpfen und die ominösen „Verbraucher“ wurden vielfach gleich zu Chauvinisten, Sexisten und Rassisten abgestempelt (oftmals von denselben Firmen deren Titel sie für diese vormals noch gewinnbringend „konsumiert“ hatten – somit böse Zungen ungestraft behaupten konnten, dass erstmals deutlicher wurde welcher Bodensatz der Menschheit eigentlich spielte und „Gegner“ von Videospielen deshalb vorerst nicht mehr benötigt wurden). Die damit einhergehende Verbreiterung des Mediums veränderte auf alle Fälle Spiele und Spieler.

Angefeuert durch entsprechende Blasen in sozialen Medien scheint heutzutage innerhalb der Branche stattdessen der Glaube „in der Mitte der Gesellschaft“ längst angekommen zu sein bei weitem zu überwiegen: „Kritik“ von innen heraus, wie jene an Arbeitsbedingungen, dominiert und führte mittlerweile sogar zur Herausbildung eigener Gewerkschaften, während die Konzerne als solche durch entsprechendes, auf „awareness“ bedachtes und politisch korrektes Marketing meinen ihre öffentliche Wahrnehmung allein selbst bestimmen zu können.

Eine aus meiner Sicht naturgemäß überaus trügerische Haltung und Form der Selbsttäuschung: nur durch offensive Kommunikation mit anderen, welche mit Videospielen nun gar nichts zu tun oder am Hut hätten, kann sich das Medium weiterentwickeln. Nicht durch „soziale“ Selbstreferenz – und eingebildete, amplifizierte Übernahme von Vorgängen und Eindrücken aus dem Rest der Gesellschaft. Die zweifellos immer noch vorhandene Ablehnung des Mediums als solches (einerseits als negativ gedachte „Gefahr“, andererseits als Zeitvergeudung) auf diese Weise bloß verstärkt werden, sowie am Ende ausschließlich dieser Ablehnung (sich damit gemeinmachend) zugestimmt.

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Neue Rezension: „Price of Power“ (ongoing game)

Patreon/Steam. Da die folgende Rezension von mir auf Steam, obwohl sie positiv ist, aufgrund einiger Kritik und Referenzen besonders gefährdet ist vom Autor des Spiels „The Pandaman“ gelöscht zu werden – wie AutorInnen das auch immer bewerkstelligen können – veröffentliche ich sie hier (wie üblich) aus Sicherheitsgründen ein zweites Mal:

‚Again, don’t let yourself fool you by the negative reviews present here – claiming there may be not enough „lewd“ content: as I’ve written in other reviews before, most reviews are misleading. Please don’t trust any review aggregator. If you don’t trust me either, judge for yourselves.
This title is as pornographic as all the other adult visual novels (AVN). It just starts at a slower pace.
Ok, „Price of Power“ also somehow claims to be nicer than other AVN: it actually fails being that by getting into your typical sex scenes much too soon.

All of the sexual activities I’ve seen so far are very unimaginative to begin with. Yes, they may be non-violent but that’s it: sexuality can be much more than that.
All of the body images are your typical model types. Especially the male character looks and feels very tame but everything is presented from his perspective. As if his feelings and thoughts would be that interesting… Only the character of the main female romantic interest is more fleshed out.
As there’s a strong emphasis on emotional and philosophical overtones most of it is not very well written. It considerably lacks humor too: I did not encounter one funny line (!). The tone is overwhelmingly serious and melodramatic. Perhaps I expected too much: the prose itself is not worth reading. I suggest you skip most of it.
Unfortunately that can be said for the majority of the genre – even outside AVN. While the best examples let you invest a lot I truly think even the products coming out of Sekai Project translations are manipulating people emotionally and are not that good from a literary standpoint. Western interactive fiction easily achieved much better results early on without trying to manipulate the reader too much.

„Price of Power“ certainly also tries exactly that but it just simulates something like empathy. This manipulation even begins by presenting a certain setting: at first glance, „Price of Power“ looks like (high) fantasy fare. Yes, there are fantasy creatures in it but by presenting its philosophical ideas there’s much more of a sci-fi element to all of it. Consciousness – subjective experiences (qualia) – tend to get reflected by a neutral entity of the male protagonist that’s manifested as another character and is presented as someone who looks like an android. So there is a strong materialist approach to everything. All in all very unimaginative and confusing at times: no, every supernatural element seems getting avoided but it certainly looks like exactly that: hocus-pocus.

This title was hailed on a YouTube channel which claims to be „sex-positive“: don’t trust people who speak in these terms.
I use the term myself. Sometimes.
Yet the term of sex-positivity is for the most part meaningless. In my experience, most of the people who think of themselves as „sex-positive“ acutally do have a problem with their own sexuality and are very judgemental when it comes to the sexualities of other people.

What really stands out here is the lighting: you see, this may be the by far best-lit AVN I’ve ever seen. The true highlight of the game lies in its depiction of nature. While the production values of those games are usually very low, what’s here in terms of visual composition s really very good. Especially regarding day and night.
The music is mostly ok but some cues in certain scenes are dead wrong. So if you’re really interested in the slow development of sexual relations and don’t need pornographic content (or typical male characters which means – warning: the word gets censored by steam – large penises), I suggest you play the even excellently written „A Summer’s End – Hong Kong 1986“ from a company called Oracle and Bone instead. And if you like it more rough, just play both titles of PhillyGames.
Yet „Price of Power“ certainly is interesting and may be very well worth to click through once (while usually considering all the different choices) – even when the 30 (!) planned chapters are finished.‘

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Neues zur Embracer Group

Kommentar: ‚Habe mir die Liste jetzt zwar nicht durchgesehen, aber anscheinend handelt es sich um sämtliche Eidos-Marken. Das war ein britischer Publisher den Square-Enix einst übernommen hatte: also sie haben keine ihrer „eigenen“ japanischen Sachen verkauft…

Wie „Dragon Quest“ von Enix und „Final Fantasy“ vom alten Square(soft). Hintergrund dürfte der Erfolg von „Final Fantasy XIV“ sein, der ihnen offenbar zu Kopfe stieg. Und dass dieses Erbe eher lästig wurde, sowie wenig Erfolg versprach (dafür viele „Fans“ hat die Druck in Richtung Neues machen)…
Stattdessen probieren sie jedoch lieber ganze IPs wie „Forspoken“ aus.
Wobei Embracer sich seit dem Aufkauf der THQ-Überreste fast sämtliche brach liegenden Traditionsmarken einverleibt. Sie lassen auch überall etwas dafür entwickeln, nur halt nicht im AAA-Bereich. Das kann ohne Gier sowohl genügsam-solide (wie „Elex“) als auch fragwürdig sein (wie das „Gothic“-Remake aus Spanien). Also vom Niveau und vor allem der Finanzierung her: große Skepsis.‘

Replik: ‚So schlimm wird es schon nicht werden und ich glaub auch, dass Konami irgendwie zurückkehren möchte: für Square-Enix war

eher die fehlgeschlagene Kooperation mit Disney (Marvel) im Westen die rote Linie (zusätzlich zum weiterhin erfolgreichen „Kingdom Hearts“). „Guardians“ erhielt zwar gute Kritiken, wurde kurz nach dem Verkaufsstart aber ebenfalls schon deutlich reduziert angeboten
Nackte Verkaufszahlen sagen wohl grundsätzlich nicht mehr soviel aus und in traditionellen Titeln/Vertriebswegen steckt in der Branche halt nur noch verhältnismäßig wenig Geld drin: Embracer gilt dabei als Medienkonzern der sich in der Industrie in Richtung Nischen anders aufstellt als andere große (also eher so wie „Devolver“ agiert), aber irgendeinen kommerziellen Erfolg werden sie bzw. die (schwedische?) Bank welche diese Milliardenunternehmungen (Abenteuer) trägt auch brauchen‘

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Neuer Kommentar #6

Zu (staatlichem) russischem Boulevard-Fernsehen. Ich bemühe mich weiterhin nach Kräften zu fürchten ohne Angst zu haben: ‚Danke. Nun glaube ich es zu wissen: der Sinn einer Glosse erschließt sich mir deshalb nicht so ganz weil sie wie Twitter Gefahr läuft sich zu verkürzen. So wie die Leute hier nur den letzten Satz zu lesen scheinen – doch im Unterschied zum Aphorismus

wird hier der Anspruch gestellt Zusammenhänge zu bemerken. Das kann nicht gut gehen: schön, dass Herr Rauscher dieselben Medien rezipiert hat wie ich, aber ich frage mich: mit welcher Begründung kommt er zu diesen komplett gegenteiligen Schlussfolgerungen?

Um Siegfried Kracauer zu entlehnen: was weiß Herr Rau was ich nicht weiß? Ja, mit Wahnsinn kann keine Verhandlungsbasis bestehen, aber ich sehe auch keinen einzigen Grund ihn nicht ernst zu nehmen.

Darüber hinaus wird es schon einen Grund geben weshalb sich dieses Fernseh-Boulevard als Potenz des Berlusconi-Italien hauseigen aufgebaut wurde – mit all seinem abscheulichen Geschrei, seinen brutalen „Experten“ und objektifizierten Moderatorinnen. Wer hält sich so etwas… Abgesehen davon 1/2

2/2 wer es aushält? Also sollte es danach „irgendwie irgendwo“ noch Strom und das Netz geben kann dieser Text wie in „Lobgesang auf Leibowitz“ als Artefakt gefunden werden… Mit dem Wissen dass den Leuten der Vorwelt zwar alles bekannt war, aber die

Wahrnehmungen so unterschiedlich gewesen sind und divergent ausfielen, so dass die andere Seite wie hier im Forum als krasse Minderheit in überaus aggressiver Form beständig überstimmt worden war.

Dabei wurde erst heute breitenwirksam bekannt, dass sich selbst der Papst bereits seit Mitte März vergebens um einen Termin bei Putin bemüht hatte: wäre schön würde eine veritable Friedensbewegung noch existent sein, denn nun – mit dem Damoklesschwertes eines Doomsday über alles und jeden im nur allzu gern ignorierten Hintergrund – sie wirklich dringend gebraucht werden.

Durch Pershing II & Co. mag nämlich keine reale Bedrohung ausgegangen sein, zumal dieser „Irrsinn“ damals nicht wirklich präsent gewesen ist und keine Atommacht so unberechenbar.‘

1984 II: Illustration vom genau 23. Feber 2022 von hier, als die Welt noch „in Ordnung“ und andere Sorgen angebracht waren
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Neuer Kommentar #5

Beim Standard. Zu Deutschland: ‚Nein: der 92-jährige Habermas hat etwa ebenfalls von moralischer Erpressung gesprochen. Erpresst wird sich hier wenn, dann gegenseitig – bis die Bomben fallen. Und es zu spät ist – vielleicht schon heute in einer Woche kann alles aus und vorbei sein.

Selbstgerechtigkeit kann dabei überall festgestellt werden und ist ebenfalls keine Frage nachgewachsener Generationen. Andere Gesellschaften funktionieren nur etwas anders und tragen auch nicht diese historische Bürde: deshalb wurde D auch kein ständiges Mitglied im Sicherheitsrat (Zitat von Jünger-Kenner Helmut Kohl: „nicht in alle Händel der Welt einmischen müssen“) und verfügt über keine (eigenen) Bomben (die D – siehe Frankreich – um einiges ärmer gemacht hätten), obwohl es sich dabei um die größte Volkswirtschaft Europas handelt
Ich meine dass trotz allem immer noch mit relativer Zurückhaltung (gepaart mit stets größer werdender Ratlosigkeit) vorgegangen wird, einige westliche Firmen (ohne Rampenlicht) in Russland weiterhin aktiv sind.‘

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Der Jimmy-Savile-Komplex, der Rundfunk und die Gemeinnützigkeit

Eigentlich hat es sehr lange gedauert bis nun von Netflix eine dieser (scheinbar) populären True-Crime-Dokus auch über ihn erschien, den Gottseibeiuns der populären Kultur aus Großbritannien schlechthin: Jimmy Savile, den Leibhaftigen.

Was tatsächlich niemandem auffiel?

In Anlehnung an „American Horror Story“ (AHS) von Ryan Murphy und Brad Falchuk nennt sich die schnittige Produktion „britisch“: wo AHS fiktional Genre-Mythen mit Zeit- und Kulturgeschichte verband, wird hier im ersten von zwei abendfüllenden Teilen 50 Jahre Großbritannien vor der Projektion eines exzentrischen Mannes telegen Revue passieren gelassen, der in längst vergangenen Inkarnationen von „Doctor Who“ ruhig dessen böser Vetter gewesen sein mochte.

Opfer von Savile kommen erst im zweiten Teil deutlich zu Wort, aber da auch nur kurz und wiederum zwischengeschnitten mit dem umfangreichen Archivmaterial das die Sendung auszeichnet. Alles andere als ein Defizit: den Überlebenden von Savile wird hier ausnahmsweise kein Gemeinplatz zugewiesen, sondern die absolute Unverhältnismäßigkeit ihrer Öffentlichkeit (im Vergleich zu seiner) ist geradezu der springende Punkt für das gesamte Unterfangen einer solchen Produktion.

Und da sich diesbezüglich wirklich nichts so einfach erzählt, geht diese Sendung für ihr Unterfangen auch besondere Wege: zunächst über das Mittel der Öffentlichkeit, sogar als ihr eigenes Thema. An Savile scheiden sich bekanntermaßen sämtliche Geister: die allermeisten werden mit dem Namen überhaupt nichts anfangen können. Jimmy Who?

Was, lange vor den sozialen Medien, in der Natur von dessen Metier lag, dem broadcasting: Radio und (linearem) Fernsehen. Anders formuliert: nur wer nicht innerhalb der medialen Einflusssphäre aus Großbritannien lebte konnte sich dem Phänomen dieses Unterhaltungskünstlers entziehen. Anders als die Beatles, die Rolling Stones, „Lady Di“, sowie die Gestalt der Prinzen Charles und Philip, mit denen Savile assoziiert werden konnte, war Savile kein globales Ereignis. Die einzige die mit Savile im Bunde fehlte war dennoch „nur“ Elisabeth II. selbst (was über Johannes Paul II. im Beisein dieses Monsters naturgemäß nicht behauptet werden kann – was manche der üblichen Verdächtigen in ihrer „Kritik“ an der katholischen Kirche zweifellos höchst erfreuen dürfte).

Partiell betrifft das auch Sexualstraftäter, die daneben doch zu globaler Berühmtheit gelangten. Dass der Komiker Bill Cosby auch Pädagoge ist war etwa ebenfalls eher nur in den Staaten bekannt gewesen – wo seine mit Abstand größte Erfindung, die Figur des Stereotype zerschmetternden Fat Albert, seit den frühen 1970er Jahren reüssierte.

Das Verborgene bleibt nicht sichtbar (und ist trotzdem kein Geheimnis mehr)

Relativ früh heißt es in dem Dokumentarfilm jetzt bezeichnender Weise als einzige Selbstbeschreibung: Savile sei (in der Öffentlichkeit) eine Maschine gewesen, also nicht einmal ein waschechter Mensch. Das kann auch als Medienmaschinerie insgesamt aufgefasst werden: so lautstark Dinge auch gesagt wurden, so wenig ist dabei doch gesprochen worden. Über sein Privatleben war formal nichts bekannt – allein der Trailer zum Film nennt Savile per Zitat diesbezüglich zudem „öffentliches Eigentum“ und zementiert damit die Stoßrichtung: bei Kinderlosen und Unverheirateten konnte bis vor wenigen Jahrzehnten noch gemunkelt werden, dass sie dann in Wahrheit homosexuell waren, vor allem wenn es sich um Männer handelte – was mittlerweile praktisch wegfiel und zu einer allgemein verstandenen, neuen Bürgerlichkeit mit Müttern und Familienvätern an allen Orten und Stellen führte. Dankenswerter Weise strapaziert das der Film jedoch nicht allzu sehr, auch wenn er – aus zweifellos politischen Gründen – darauf nicht gesondert aufmerksam macht. Auf die Frage nach dessen Katholizität hätte jedoch durchaus noch näher eingegangen werden können, zumal die katholische Sexualmoral über das Maß der Koketterie mit Sexuellem, das da bei Savile öffentlich kaum hinausging, eine große Rolle zu spielen scheint. Ebenso wird sein Verhältnis zum tatsächlich verurteilten Sexualstraftäter Gary Glitter (das im zweiten Teil) höchstens angerissen: all diese Gefallsucht wäre überhaupt ein eigenes Thema Wert gewesen – wie sie mit den Wünschen, Träumen und Sehnsüchten einer britischen Öffentlichkeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammenfiel.

Sogar mit der „Provokation“ an sich: etwa Mony Python. Wie billig war es eigentlich sich ausgerechnet die katholische Kirche dort als „Zielscheibe“ auszusuchen, die „braven“ englischen Hausfrauen usw. Ja, wer in Großbritannien im 20. Jahrhundert katholisch gewesen ist war mitunter bereits so exzentrisch, dass er Mittelerde ersann. Und wenn Progressive in Deutschland heute Figuren wie Lisa Eckhart oder Dieter Nuhr schelten, dann ist das nicht nur weinerlich sondern hat leider auch Substanz: sich „passende“ Feindbilder auszusuchen ist oftmals leicht, sich (ganz bewusst) nicht richtig einordnen lassen können wollen auch. Einerseits Glamour oder Gediegenheit auszustrahlen, andererseits das Kabarett zum Bierzelt umfunktionieren und auf Schenkelklopfer zu zählen. So wie es halt auch vom Glam Rock zum Horror im Beichtstuhl nur ein Katzensprung sein kann.

Doch, ernsthaft (wenn auch ziemlich humorvoll) gefragt: was tat Jimmy Savile eigentlich beruflich? Heutzutage wird wegen den sozialen Medien zynisch bis „medienkritisch“ ja gerne behauptet, dass Leute berühmt seien obwohl sie nichts könnten. Ich dachte ja Savile sei in erster Linie ein Fernseh-Kinderonkel wie Michael Schanze gewesen, aber das stimmt augenscheinlich nicht: zunächst war er eher ein „DJ“, dann so etwas wie ein britischer Dieter Thomas Heck (der aber nun gar nicht singen konnte, aber dafür etwas schreiben – vor allem über sich selbst?). Nein, der Rundfunk und die Presse ermöglichten lange vor Tiktok & Co. durchaus solche Gestalten und Karrieren.

Vergleichbar mit Epstein, konservativer als Mick Jagger?

Epstein wirkte nach seinem Erscheinen in der Öffentlichkeit (und damit erst kurz vor seinem Tod) wie ein invertierter Waldo (oder Wally/Walter) von Martin Handford: nur brauchte er als Bestandteil vieler Bilder auf denen es vor Prominenten wimmelte nicht gesucht werden sondern war einfach da (wie reinkopiert), hatte in der Öffentlichkeit dabei aber überhaupt keine Stimme. Da er keine Interviews gab war er für diese bis zu seinem Skandal also praktisch nicht existent, obwohl Kontakte bestanden die offensichtlich vergleichbar waren mit jenen der berühmtesten Personen auf dieser Welt. Epstein war an sich jedoch höchst unscheinbar und unauffällig.

Savile hingegen konnte mit seiner (wechselnden) Haarpracht, seinen Brillen und dem eloquenten Gehabe so exzentrisch wirken, dass selbst ein blasser Michael Jackson daneben verschwunden wäre. Das Konzept der Wohltätigkeit ist bei beiden, Epstein und Savile, allerdings eine gemeinsame und überbordende Parallele die ihre Kontakte zu den Mächtigen in ihren jeweiligen, sich überschneidenden Welten erst konstituiert hatte. Auffallend bei Savile war in den langen 1980er Jahren ansonsten nur eines: wo sich alle die sich entweder für „progressiv“ hielten oder so „abnormal“ waren dass sie einfach (noch) nicht komplett „dazugehören“ konnten über die britische Regierung damals in Gram übten, schmiegte sich Savile wie kein zweiter völlig an die konservative Premierministerin Margaret Thatcher. Und allein diese Nähe hätte stutzig machen können: einerseits dermaßen sozial engagiert gewesen zu sein, andererseits so unpolitisch.

Klar, dass es dafür Gründe gegeben haben müsste – Gerüchte früher geäußert wurden für deren nachträgliche Veröffentlichung Jahrzehnte später etwa John Lydon von den Sex Pistols bei Piers Morgan applaudiert worden war.

Abgesehen von Opfern der Zensur und Repression, zu denen Savile mit seiner populären Kultur keinesfalls zählte, ist die Liste jener lang die Ehrungen ausschlugen. Ein Linker konnte Savile deshalb praktisch nicht gewesen sein, sondern nur einer dieser Schurken von denen Ken Loach einmal sprach.

Elton John: „Made in England“ (Einbettung untersagt, Bezug leider nicht von Vevo sondern nur direkt über den Künstler selbst)

Wie bei blonden Männern öfters der Fall scheint Savile über das halbe Jahrhundert indem er die britische Öffentlichkeit bewegte (oder enabelte diese Öffentlichkeit doch umgekehrt eher nur ihn?) kaum gealtert zu sein – jung wirkte er währenddessen aber zu keinem Zeitpunkt: als er in den 1960er Jahren erstmals breit in Erscheinung trat war er schon an die 40 und hatte Falten im Gesicht.

Die Darstellung von Netflix erinnert nun daran was nach dem visual turn alsbald über Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg wissenschaftlich verlautbart wurde, dass sie nämlich alle – bis auf nur ganz wenige Ausnahmen – nichts anderes als Propaganda gewesen seien: tatsächlich ist die Fülle an Material über Savile als Figur des öffentlichen Lebens in Großbritannien, als public persona, mehr als erstaunlich zu nennen. Und das Programm von Netflix schwelgt in genau diesen Bildern regelrecht, findet darin aber auch diejenigen Brüche welche als Hinweise auf jene Abgründe dahinter doch dienen mögen.

Deutungshoheit: manchmal war der Gärtner doch der Täter

Und da sich seit der „sexuellen Revolution“, während dieser Savile erstmals in Erscheinung trat, die Sexualmoral stark zurückverwandelt hat, hätte viel von dem was damit an Frivolität noch als gebührlich und relativ angemessenes Verhalten galt bereits (auch) als Missbrauch etikettiert werden können – darauf verzichtet die Dokumentation aber: zum einen da es bei diesen Auftritten im öffentlichen Raum keineswegs um Sex ging, zum anderen da Savile gegen Ende seiner Karriere mit Hilfe des berüchtigten Boulevards notdürftig als Ablenkung ein wildes Sexualleben selbst konstruiert hatte und dieses künstliche Image von seinen wahren Verbrechen unterschieden werden brauchte. Die (Marketing-)Aktion verzögerte oder verhinderte einerseits zwar höhere Ritterweihen für Savile, konnte andererseits jedoch nichts gegen die späteren Enthüllungen unternehmen. Und am Ende des ersten Teils steht schließlich sogar die Freiheit als solche auf dem Spiel, während von den Taten selbst derweil noch immer nichts erzählt wurde: wie kann so ein Mann, so ein Wohltäter, so frei sein und geehrt worden? In den letzten Szenen sind Tonbandaufnahmen zu hören in denen Savile alles abstreitet und Teil 2 beginnt dann auch in bestechender Weise mit der berühmten (Pseudo-)Fotografie des Monsters vom Loch Ness.

Freiheit ist hier tatsächlich der springendste Punkt: 2011 schrieb ich zu Harmony Korine über Freiheit als „Leben jenseits des Gewöhnlichen“ und meinte damit zwar auch absonderliche Gestalten die sich ihre Freiräume mitunter gewaltsam bewahrten, aber doch nicht damit anderen in erster Linie schaden wollten – auf Kosten der Freiheit anderer leben – was auch immer sie mit ihrer Freiheit und ihrem Egoismus bezweckten. Und wie ich politisch darlegen wollte ging es hier bei diesem Unterhaltungskünstler um keine Ideologie wie sie Ende der Siebziger Jahre durchaus verbreitet war, wonach etablierte Schutzalter nicht akzeptiert werden sollten und das Machtgefälle zwischen Kindern und Erwachsenen einfach geleugnet worden war – aufgrund „fehlgeleiteter“ Gleichmacherei.

Die Schilderung einer körperlichen Gefangennahme durch Savile während einer (katholischen) Messe gehört dann auch zu den ergreifendsten Beschreibungen welche ich in diesen Zusammenhängen je hörte: sie macht einerseits deutlich wie der sexualisierte Missbrauch entmenschlicht, andererseits wie unwesentlich die Geschlechtlichkeit in diesen Momenten des Grauens eigentlich empfunden werden wird. So sie denn endlich nur vorübergehen werden, vorbei sein.

Ja, über viele Vorwürfe seit #metoo kann leider diskutiert werden – wie ich in den letzten Jahren nicht müde wurde zu betonen: das meiste bleibt einer im Grunde stark veränderten Sexualmoral geschuldet, die Subjekte grundlegend viktimisiert hat und in der sich höchstens mit nebulösen Konstrukten, wie im BDSM-Bereich etwa „consensual non-consent“ (Metakonsens) noch beholfen werden kann: der Vertrag wird dabei zu einer theoretischen, aber unter Umständen sogar richtig praktikablen Form der Sexualität umfunktioniert – jedenfalls zu ihrer Grund- und Ausgangslage die jegliches Vertrauen, alle angenommene Zuneigung und Zuversicht im Grunde bereits längst ersetzt hat (so wie der Ehevertrag Misstrauen in ökonomischen Fragen gesetzlicher Beziehungen repräsentieren vermag). Ein Sexualpartner wurde damit in der Regel zum ständig potentiell Geschädigten, zumindest aber zu einer „gefährdeten“ Person erklärt.

Darum geht es hier aber nun wirklich nicht, zumal die Schutzalter im heterosexuellen Bereich einmal vor größtenteils über fünfzig Jahren gesenkt wurden und zwischenmenschliche Beziehungen als solche seitdem nicht verstärkt sanktioniert (sondern nur bestimmte Verhaltensweisen in ihnen): kurzum, das worum es hier geht ist wesentlich weniger Moden und einem aktuellen Sentiment unterworfen als vielmehr Gesetzeslagen die davon nicht berührt werden.

Was vom zweiten Teil der Savile-Sendung zu erwarten gewesen ist war eine ähnliche Schilderung wie bei den Vorgangsweisen Epsteins in der durchaus auch sehenswerten, aber doch eher konventionellen Netflix-Doku über diesen. Hier gibt das vorhandene Material allerdings weitaus mehr her als abstrakte Schlussfolgerungen über Reichtum, Privilegien und die Ausnutzung sozialer Schieflagen in der etablierten Gesellschaft zu ziehen (wie etwa die Imagination eines Schwellenlandes rund um Miami, wo bekanntlich auch Donald Trump wohnt), denn die Öffentlichkeit hat Savile gewissermaßen mitten in seine „Gelegenheiten“ hinein „gefeiert“: stellte der erste Teil Savile im Kontext seiner Stellung innerhalb der populären Kultur dar, geht der zweite von dessen Image als gemeinnützigen Wohltäter aus der genau daraus (aus der populären Kultur Großbritanniens seit den Swinging Sixties) wiederum resultierte. Und anders als in vergleichbaren Sendungen hat der so vorgestellte Täter hier, in dieser Umgebung seiner Taten, immer noch eine Stimme: all das macht die Produktion so bedrückend und kaum auszuhalten. Es ist als ob der Clown aus Stephen King’s „It“ Realität geworden wäre.

Die Kontinuität und Beständigkeit: an einer Stelle heißt es dort, dass sich erst die Welt um ihn hat ändern müssen um ihn (als Monster) zu finden respektive zu erkennen. Das könnte natürlich ein Topos, ein Gemeinplatz sein der in letzter Zeit (zusammen mit dem inflationär gebrauchten, fragwürdigen Begriff der „Überlebenden“ für Opfer sexualisierter Gewalt) nur billig wäre, meint hier aber auch wieder eher etwas anderes – nämlich die Frage wie sich so jemand nicht nur in die Nähe von Krankenhäusern etc. begeben konnte, wo er sich seine Opfer dort dann sozusagen „aussuchte“, sondern in deren Zentrum als Institutionen stellen (obwohl er dafür nun über gar keine Qualifikationen verfügte).

Nur allzu gerne wird diesbezüglich ja der „Fortschritt“ bemüht: erst eine „fortschrittlichere“ Gesellschaft hat, zum Beispiel angewendet auf die katholische Kirche, die schwarze Pädagogik „nachhaltig“ überwunden und ihre „perfiden“ Schandtaten aufdecken können. Doch was konstituiert das was immer noch für „gut“ befunden wird, wie etwa Gutes zu tun? Ein schriller Charakter der medial wirksam wird kennzeichnet schließlich die offene Gesellschaft: er war, meinetwegen auch ganz unpolitisch, vor den Sechziger Jahren im Westen in dieser Form nicht nicht nur unüblich sondern nicht denkbar und er ist es nun umso mehr (als solche Figur zu akzeptieren ohne zu „diskriminieren“). Zumindest als Repräsentation, denn die Frage nach Geschlecht oder Geschlechtlichkeit rückt an dieser Stelle zurecht völlig in den Hintergrund und alles dreht sich vielmehr um Institutionen und Medialisierungen von Eindrücken aus „günstigen“ Verbindungen, eben Charity (Wohltätigkeit, Gemeinnützigkeit, soziales Engagement – sogar die Zivilgesellschaft als solche kann dadurch in Frage gestellt werden).

Wer wird bzw. wurde in dieser Gesellschaft eigentlich bewundert? Wer genießt oder genoß hohes Ansehen? Und durch welches Verhalten?

Jedenfalls macht das alles die emotionale Savile-Doku zur ehrlichsten, ergiebigsten und wohl auch bewegendsten (mehrmals wurde ich wütend oder war den Tränen nahe) die ich seit der deutschen Produktion über Detlev Rohwedder gesehen habe.

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„Harvester“ (1996) nicht mehr indiziert!

Das US-amerikanische Avantgarde-Adventure „Harvester“ wurde mit Entscheidung Ende März (3) von der Liste jugendgefährdender Medien in Deutschland gestrichen. Vielen Dank für den Hinweis über Steam.

Zu der obskuren FMV-Produktion, angesiedelt irgendwo zwischen Troma und David Lynch, erschienen auf dem YouTube-Kanal eines Finnen, Lodge Level 4, bis vor ein paar Jahren regelmäßig umfangreiche und gut recherchierte Videos. Zudem wurde der Titel (international) als Download der Nightdive Studios neu veröffentlicht: GOG, Steam. Nachlese: 2014 (die Informationslage zur Indizierung war stets eher dürftig – es dürfte aber demnach dann, wie von Schnittberichte behauptet, vor 25 Jahren doch tatsächlich indiziert worden sein obwohl es in Deutschland nicht veröffentlicht wurde), mit Rest.

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Zu „Teenage Queen“ (1988)

Comment: ‚I’m fascinated by this genre as long as I can remember. And unfortunately this could have been its pinnacle – especially regarding the heavy usage of her eyes to convey typical poker tension and emotions in full screen cuts between any moment (something cinematic that was very unusual at the time and only titles like „Another World“ could back then achieve). Aside of video the genre did not evolve over time which is a real shame because it could consist of intimate human communication in a nutshell.

It’s so sad but no one producing all of those erotic titles for Patreon or Steam seems anywhere near interested in recapturing that spirit: this also may have been the only strip poker game in which you lose for the first time the same progress (the next picture) is shown as if you would have won: there’s a logic behind that because the game always depends on presenting you another image creating a wonderful loop.

Aesthetically, this Atari ST version is quite different from the Amiga in its color tones. There was a (censored) playthrough on the Amiga released in 2018 here on YouTube which shows that very well: the whole game only consists of twelve images (including the final one where it is revealed that she’s a robot). The constant chuckles and repeating sound (voice) samples can get very annoying at times, also the fact that there’s no music – otherwise this is in my opinion THE perfect video game. While it certainly helps that it’s by the way great pornopraphy too.

Theoretically speaking: being minimalist without any foray into reductionism (like so many titles relying on representation and political attitudes) – aside the aforementioned gameplay loop. From an artistic standpoint it therefore reminds me of the minimalist adventure game Stranded (2014) which on the outside looks like a second „The Dig“ (1995) but is actually something totally different: it achieves a lot by delivering so little. Perhaps even eternity.‘

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