Oeffentlichkeit und Unverstaendnis

Bei der WELT beweist die Autorin Kathrin Spoerr unfreiwillig, dass Auseinandersetzungsbereitschaft einen keineswegs aufgeschlosseneren Blick auf inkriminierte Videospielinhalte zeitigen wird, wenn vorhandene Vorurteile am Ende noch zu bestaetigten Ressentiments werden. Der Journalist Tim Rittmann war es glaub ich, der mal meinte, dass nur wer sich mit den Games beschaeftigt hat diese auch ablehnen duerfe.
So what? Folge ich Spoerrs Text werden das viele sein, sehr viele, ich bin geneigt zu sagen fast alle der heutigen „KritikerInnen”: und Spoerr belegt wohl auch (ebenfalls eher unfreiwillig), dass kein Selbstversuch sozusagen bessere Eindruecke vermitteln wird wenn der Zugang schon weiterhin nicht stimmt: oder weshalb sollte sie ihre Kinder ueberhaupt ein Ab–18–Spiel spielen lassen (wollen). Warum wird die Narration des Titels auf ein paar stereotypische Allgemeinplaetze reduziert und der Rest beschreibt Genre-Konventionen pornografisch mit noch deutschtuemelnden Assoziationen (Siegfried): was soll daran ueberhaupt spezifisch „Crysis 2“ sein, das mittlerweile so skandalisierte deutsche Spiel von Anfang 2011? Das Spiel um welches es in dem Artikel geht, sowie: ich habe auch eine Mutter und die mag noch so manchen indizierten Film, ihr Lieblingsfilm ist „Predator“.
Nicht alle Muetter sind so – ich bin auch Christ, dennoch koennte ich von der Partei „Die Christen“ hierzulande kaum weiter entfernt sein in meinem Denken –
Was ist das bloss fuer eine Vereinnahmung von Menschen: auch in einer Bildunterschrift wo es heisst, dass „die Oeffentlichkeit“ den Titel negativ sehen wuerde, so als ob sein Gamer-Publikum in keiner Oeffentlichkeit waere.
Was ist da bloss alles vorhanden: von Nikotin-belasteter Gebrauchtware angefangen – ich habe in meinem Leben noch nie geraucht und dies auch nicht vor – Kette rauchen und Gaming vertraegt sich meiner Einschaetzung nach schon koerperlich kaum.

„Alles“ und „nichts“?

Am Ende heisst es sie haette das Spiel nicht verstanden, sie wollte „fuer alles“ eine Rechnung haben und ein Haendler haette dabei „nichts“ verstanden. Ja, so kann Verachtung auch ausgedrueckt werden ohne diese extra formulieren zu brauchen – sie haette auf die Frage ob ihre Erfahrung mit „Crysis 2“ schoen gewesen waere „nichts“ sagen koennen… Bitte, welche Verstaendigung soll so noch gewonnen werden?
Mein Vater meinte gestern zu mir, dass es noch Zeit braeuchte (bis das Medium akzeptierter werden wuerde). Meine Antwort: 40 Jahre gibt es das jetzt schon. Nein, das wird nichts mehr – so jedenfalls nicht, so ist und bleibt die Situation prekaer. Zum Verzweifeln. Und von der teilweise selbst mit angegriffenen Paedagogik/Medienwissenschaft, wo immer gern so schoen getan wird, hoert man in diesen Tagen zu alledem mal wieder gleich gar nichts.

Was sind da auch fuer kulturelle Welten am Werk, welche Bezuege zu etablierteren Ausdrucksformen: wie kommt diese Autorin etwa bloss darauf in „Crysis“ gleich einen „Guten“ in der Spielwelt auszumachen und damit Verhaeltnisse zu Beginn (sowohl in der Spielwelt als auch in ihrem Text) festzulegen. Zur Nanotechnologie und dessen moralischem Dilemma schweigt sie voellig, sie sagt auch nichts zu dessen Suizid und erklaert etwa nicht, dass der Protagonist daraufhin dauerhaft in dessen Schuld steht. Ebenso gibt es keine handfesten Informationen zu den ganzen Referenzen die 9/11-Erinnerungskultur betreffend, welche einem in dem Spiel beinahe wie die Faust aufs Auge gedrueckt, regelrecht aufgedraengt werden. Stellenweise halte ich „Crysis 2“ sogar fuer eine Mischung aus „World Trade Center“ und „Contagion“ – nein, dafuer gibt es immer nur den pornografischen Blick auf die ganze „Gewalt“ im Spiel, diese schon uebliche sublime Empoerung selbst in simpelsten Beschreibungen. Was fuer ein Jammer, was fuer ein Elend der Ignoranz und Ueberheblichkeit – eigentlich nichts als Eitelkeiten, sich nicht erniedrigen zu wollen, die Haende (selbst) schmutzig zu machen, mit unliebsamen Entscheidungen konfrontiert zu werden, sondern sich lieber in theatralischer Zurueckhaltung zu ueben, Reduktion und Realismen statt Fantasie und Offensiven.
Ob sich die gute Frau fuer diese diffamierende Farce, fuer diese beleidigende Denunziation da nun noch fuer Fotos mit Kunstblut beschmiert hat um zu unterstreichen was sie sich – als Mutter – mit „Crysis 2“ Schreckliches angetan hat – wie es im VDVC-Forum heisst -, einen Schrecken der mindestens Hunderttausenden wie mir weltweit doch zumindest zusagt, spielt bei der vorhandenen Anhaeufung infamer Zutaten von Perfidie praktisch keine Rolle mehr.

„Der Almrausch“ ist im Urlaub *

Update: die fraglichen Bilder der Autorin sind mittlerweile (unter anderem) auf „Stigma Videospiele“ wieder aufgetaucht.
Dort wird an dem Artikel (ansonsten) scheinbar nur wenig ausgesetzt – mir unverstaendlich: mir ist es lieber es wird sichtbar geschimpft und die Karten werden offen gelegt, anstatt zu meinen eine Ablehnung von Konventionen ueber deren blosse Demonstration im Rahmen eines Experiments zeigen zu koennen. Das zementiert doch ohnehin schon festgefahrene Diskurse nur zusaetzlich, und ein anderes Sprechen wird so noch mehr erschwert bis letztlich unmoeglich gemacht, wenn gar niemand mehr weiss woran er bei solchen Eindruecken wie von dieser Autorin ist.
Noch so ein Kulturkonflikt – und genasou funktioniert doch (leider) auch schon viele Nutzungs- und Wirkungsforschung. Ueber eben solche Herangehensweisen…

Nachtrag: was der Artikel fuer mich bewiesen hat ist, dass etwas Ungeheuerliches oder Abscheuliches an unerwuenschten Medieninhalten auch ausgedrueckt werden kann ohne es zu erklaeren – ist das vermeintliche Publikum allgemein genug gehalten und stimmt auch eine entsprechende Oeffentlichkeit. Mag sein, dass oberflaechliche Texte in der Videospielpresse oft auch nicht viel anders aussehen, doch was dort als normal gilt wird woanders vielleicht schon gerade das Verwerfliche sein. Da gibt es keine so gewoehnlichen Shooter – nichts Solides daran, wenn schon nichts Ausgezeichnetes. Da ist das was im Gaming eben ueblich ist oft genug sicherlich genau das Problem und die Gaming-Presse halt unkritisch, „abgestumpft“ usw.

Dazu noch ein Kommentar im VDVC-Forum (20. Mai).
21. Mai: Kommentar bei „Stigma Videospiele“ –
‚@buzzti
Ja, was soll überhaupt Gewalt sein: sobald eine Kraft auf etwas einwirkt kann man schon von Gewalt sprechen. Das betrifft etwa auch Umweltphänomene oder Biologisches wie ein Unwetter oder eine Geburt. Das Bemerkenswerte an diesen Leuten ist aus meiner Sicht, dass sie zwar immer gern auf Statistiken als Grundlagen ihrer Arbeit, und für ihre Anliegen, verweisen, am Ende aber doch immer wieder nur auf moralische Definitionen oder Forderungen zurückkommen.
Nur wird die Sache mit dieser Stellungnahme wieder gegessen sein, soll heißen: die Leute um Geisler werden darauf vermutlich nicht reagieren, weil es mir in dessen Kreisen üblich erscheint das beflissentlich zu ignorieren, wenn sie es überhaupt schonmal registriert haben. Vielleicht wird sich mal, hier oder sonst wo, kurz über diese Mediengewalt-Stellungnahme empört, aber ein Aufschrei ist da in den letzten Jahren praktisch nie gekommen – selbst nach dem “Kölner Aufruf” gab es nur ein, zwei Gegen-Stellungnahmen von angegriffenen MedienpädagogInnen, wobei die Taktik der Radikalsten, also von “Mediengewalt” oder “Sichtwechsel”, dabei ja ebenso über- wie durchschaubar ist: sobald jemand wie der Geisler von Studien mit anderen Ergebnissen spricht, wird eben diesen Studien der Vorwurf gemacht werden manipuliert worden zu sein, von der Industrie gekauft.
Und wenn es da jetzt wirklich mal zu einem offenen “Wissenschaftsstreit” kommen würde, hätten die – ich sage jetzt mal – Liberaleren auch personell keine guten Karten. Man braucht ja nur zu schauen WER, ganz aktuell wieder im Jahr – soweit ist 2012 schon vorgeschritten -, “Clash of Realities” zum Beispiel bezahlt: das könnte dann schnell in eine Schlammschlacht ausarten, die im Einzelfall durchaus vor Gericht enden könnte. Aber Namen werden meistens – vorsorglich – gar nicht genannt: nur ein Sprechen gestaltet sich so auch als überaus schwierig für mich.

Ich finde ja vor allem eines äußerst schwach: mich hat nach der Nominierung die Auszeichnung von “Crysis 2″ schon überrascht. Es war doch eine Trotzreaktion, die damit mal erfolgt ist – doch was macht man jetzt: die Zeitungen gehen mit Leuten wie Geisler nicht gerade zimperlich um, “Mediengewalt” gibt eine Gegen-Stellungnahme ab, wenn schon nicht das KFN, doch die universitären Spitzenleute schweigen (weiter).
Es soll wohl auch alles verhallen, bis wieder etwas Neues skandalisiert wird – ein öffentlich kritischer Umgang mit “Mediengewalt.eu” etc. bleibt ein Wunschtraum von mir, lieber wird zugedeckt, Sand verronnen.
Bei “Mediengewalt” sind ja auch teilweise habilitierte Erziehungswissenschafter organisiert, doch die meiste Arbeit machen dort außeruniversitäre Sonderlinge, nicht viel mehr als bewahrpädagogische, friedensbewegte AktivistInnen aus dem in Deutschland übermächtigen linksbürgerlichen politischen Spektrum. Mit den zentralen FeindInnenbildern von einem böswilligen, menschenfressenden Kapital und kriegerischem Amerika, wenn schon nicht zusätzlich ausgestattet mit einem latent antisemitischen Unterbau – passend zum etwaig stolz getragenen PalästinenserInnentuch. Traditionell biophil und technophob: man ist dort zwar oft für die Befreiung Unterdrückter, doch unterscheidet – die Gamer und ihr “Call of Duty” als Massenfreude sind bestenfalls Ausdruck verirrter Seelen, aufgekauft von einer malevolenten Industrie, Menschen die nicht so leben wie gelebt werden soll, aus deren Sicht. Die unterdrücken sie selbst wohl nur allzu gern – in ihrer Ablehnung von “Gewalt”, denn das was sie gegen deren Kultur fordern wird, ob offen Verbote oder bloß (anderen) Druck, ja nie als das vorgestellt was es aus meiner Sicht zweifellos immer ist, nämlich strukturelle Gewalt.
Gamer, Games und Gaming werden so wieder allein gelassen: warum? Meine These lautet ja, vor allem deshalb, weil insgeheim kaum jemand der vermeintlich Aufgeschlosseneren wirklich anders über viele Games denkt als die “Mediengewalt”-Leute. Amerikas “andere (Gewalt-)Kultur” lehnen auch die ab. Selbst wie mir scheint die meisten Gamer in Deutschland. Einen “Crysis” mögen auch die vielleicht über einen gewissen Lokalpatriotismus noch, aber der Hass gegen “Call of Duty” den ich wahrnehme ist teilweise auch von Gamer-Seite immens. Es gibt diesbezüglich gar keine andere Tradition in Deutschland: schon um 1980 wurde diesbezüglich von einer “Arkanhaltung” gegen Fantasien in der damaligen Bundesrepublik gesprochen, dass allein die bloße Vermutung von “Wirkungen” ausreicht um Maßnahmen dagegen politisch erfolgreich zu fordern ist für mich ebenfalls Ausdruck davon -‚

Über pyri

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