Videospiel-Kritik: „Medal of Honor – Warfighter“ (2012)

Eine nicht mehr feierliche Gefahr 9/10 Grenzüberschreitungen *****

„Medal of Honor – Warfighter“ rangiert auf meiner Shortlist für 2012 ganz weit oben. Und als AAA-Titel so auch gleich neben Perlen wie „To the Moon“ und „The Unfinished Swan“.
Nach „Medal of Honor: Allied Assault“, „Call of Duty 4“, dem ersten Teil von 2010, „Homefront“ sowie „Battlefield 3“ für mich ebenfalls die neue Referenz in der Action-Abteilung des Kriegsspiel-Genres: „Warfighter“ handelt dabei von gefährlichen Männern die mit gefährlichem Gerät gefährliche Dinge tun. Über Geräusche wie ich sie seit dem Tonschnitt von Ridley Scott’s letztem Meisterwerk „Black Hawk Down“ nicht mehr gehört habe: sicher können auf den aktuellen Konsolen damit auch einige Probleme vernommen werden, noch mehr als bei dem Frostbite 2 von „Battlefield 3“, zumal das Gameplay wohl immer noch jede Menge Bugs aufweist, aber zumindest die PS3-Version stemmt das Ganze technisch einigermaßen erträglich.
Es ist auch längst nicht so schlimm wie zu Anfang bei „Need for Speed – The Run“.

„Warfighter“ geht dabei inhaltlich einen denkbar entgegengesetzten Weg zu „Spec Ops: The Line“: anstatt von Relativierungen oder eines Lamentos das Soldaten mitleidig-abwertend und damit seinerseits negativ und vermeintlich überlegen als Kranke, Kaputte, Gestörte oder Beschädigte im Rahmen eines Normdenkens hinstellt, präsentiert es Menschen welche aus dem eingebildeten „Krieg gegen die Störung“ durchaus gestärkt hervorgehen können. Wenn sie ihre „Einsätze“ denn sozusagen überlebt haben. Samt deren Familien, Frauen und Kindern.
„Warfighter“ konfrontiert mit gegenwärtig rekrutiertem Militär, unsympathischem Proletariat – in Form menschelnder Bärte – jenseits von Banketten, diplomatischen Anlässen oder sonstigen offiziellen Veranstaltungen wie Spendenaufrufen, und verlagert kein Geschehen auf irgendwelche fiktiven Südseeinseln oder nahe stilisierter Auftragsmörder. Also „Spielplätze“ welche ein dementsprechender Chauvinismus noch goutieren mag. Nein: „Warfighter“ konfrontiert stattdessen mit einer Welt die es so eigentlich nicht geben dürfte. Auch in keinem Videospiel.
Wo Zynismus Pause hat und der ganze Spott und Hohn auf eine von Zurückhaltung geprägte Oberflächenwelt gerichtet ist – ein Videospiel wie der Aerosmith-Song „Eat The Rich“, interpretiert durch Linkin Park. Im Konsumkampf von angeblicher Authentizität gegen Massenkultur. Immerwährend – vor allem aber von der deutschen Seite einer Mainstream-„Kritik“.

Sicher mag dabei Vieles – was Electronic Arts etwa in grandiosen CGI-Sequenzen präsentiert, die in jedem Fall Kinoqualität aufweisen – spießig bis konservativ wirken, aber die Verherrlichung protestantischer Strenge und einer kleinbürgerlichen Lehrermentalität stört schließlich auch keinen Streifen wie „Das weiße Band“ in seiner formalen Vollendung. Nein: mit dem Gezeigten politisch einverstanden braucht niemand sein, dennoch kann ich es mit meinem Gewissen nur konsequent nennen wenn das Spiel von der einzigen Seite über die es nicht nur über entsprechende Beratungen (welche vom US-Militär nachweislich eher diszipliniert als wie es bei der taz absurder Weise hieß gefördert wurden) Auskunft geben wird können, nicht abweicht. Ja: „Warfighter“ beschönigt im Einzelspiel eben nichts was heutzutage vielleicht unter „moderner Sicherheitspolitik“ euphemistisch verstanden wird, und präsentiert es als Aneinanderreihung von Tötungen mit überaus schwerem Gerät. Gerätschaften die von der kleinsten Pistole angefangen unheimliche Furcht einflößen können.
Dass die Obersten Landesjugendbehörden diesmal problemlos ihren Sanktus für zumindest Erwachsene erteilt haben liegt darüber hinaus in bedenklicher Weise an der Körperdarstellung von „Warfighter“, denn selbst die ungeheuerlichsten Granaten lassen diese ganz. Dort wo dieses „Medal of Honor“ eigentlich am problematischsten ist, soll heißen: wären Zivilbevölkerung und zerfetzte Leichen nach „Aktionen“ im Spiel verstärkt integriert worden hätten zumindest in Deutschland doch wieder nur die Behörden etwas dagegen gehabt. Bleibt die Frage danach welche „Kritik“ so eigentlich nur möglich sein soll, respektive andere verhindert wird –
Die Schusswaffen stehen dabei auch durchwegs im Zentrum des Spiels, das heißt auch wenn es keine Simulation ist, Ladehemmungen etc. keine Rolle spielen, wird über einen gewissen Realismus in der Darstellung vor allem eine Abhängigkeit durch deren Technik dargestellt: wo kann das Gewehr abgestellt werden, wie lange dauert es das Ding nachzuladen usw. So dynamisch Bewegungsabläufe sonst auch sein mögen. Dass es realitätsgetreue Abbildungen bis hin zu Läufen usw. gibt ist für dieses Unterfangen so kaum verwunderlich. Auch bei kleineren Typen von Gerät hatte ich bislang ständig den Eindruck dass die Männer vor allem eine Bürde tragen würden, nämlich ihre Waffen.

Das Mulitplayer ist der am meisten erweiterte Bereich im Spiel, und das hatte das Gameplay von 2010 auch bitter nötig, denn gern hätte ich damals länger gespielt, doch war sowohl an Karten als auch in der Charakterentwicklung einfach nicht viel da: das kompakte Spiel wurde deshalb durch eine großangelegte Provokation ersetzt, ein Gedanke der weiterhin angeregt wahrscheinlich am besten als „Weltmeisterschaft im Umbringen“ bezeichnet werden kann: gegenseitig – mit Schusswaffen…
Und ein deutlich drastischerer Kommentar zum sauberen Selbstverständnis des E-Sports als er in der „Global Offensive“-Ausgabe von CS vorgelegt wurde.
Die zuweilen originellen Modi wie ein Herzstück namens „Combat Mission“ sind dabei, Kompetitives mit Kooperativem verbindend, glücklicher Weise erhalten geblieben: zusätzlich gibt es gerade am Anfang wesentlich mehr zu entdecken als bei der Konkurrenz von Activision, oder auch nur in „Battlefield 3“. Manche Funktionen wirken über den auch auf Konsolen so vorgestellten „Origin“-Service wie eine Hommage an komplexere Windows-Shooter am PC.

Der Reihe nach werden darin Typen von Soldaten und Gewehren freigeschaltet und entspinnt sich ein internationales Geflecht westlicher Akteure in einem wahrhaft sinnlosen Konflikt der Naturkulissen und martialischen Energien, das heißt à la „The Thin Red Line“ vor allem als eine Bedrohung von Stille. Ein Konflikt der die ganzen postkolonialen und immer noch rassistischen Nord/Süd-Probleme auf dieser Welt schlagartig gewahr werden lassen kann. Auf den imposanten Hindukusch muss diesmal als Leinwand jedoch leider verzichtet werden.
Und wahrscheinlich war derlei Ideologiekritik, bei gänzlich anderen Vorstellungen davon, einfach viel zuviel: „Warfighter“ wurde von der internationalen Videospielpresse gnadenlos verrissen. Ein politisches Armutszeugnis für eine Situation in der offenbar nicht nur „Pathos“ oder Melodramatik, sondern gleich der ganze Ernst, zumindest ab einem gewissen Grad, aus populären Videospielen entfernt und in kontrollierbaren Lernumgebungen ausgelagert werden soll. Die wie ich sie wahrnehme ideologisch motivierte, kulturpolitische Schande sondergleichen –
Und als Sahnehäubchen gelang es EA, nach Vergleichen beim ersten Teil 2010, dem großen Froschkonzert zum Trotz sogar noch eine Marketing-Kooperation mit dem jüngsten Film von Kathyrn Bigelow an Land zu ziehen. Mehr kann ich mir jedenfalls nicht wünschen –

Rating 9.0

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