‚Was hat „Panzer Corps“ falsch gemacht?‘

Ergänzung: ‚Und was wird einem britischen Verlag wie Slitherine, der erst kürzlich eine neue Games-Kooperation mit dem US-Astronauten Buzz Aldrin bekanntgegeben hat, hier diesbezüglich eben eigentlich vorgeworfen?
Welche Vorstellung von Geschichtsschreibung, geschweige denn deren fiktionaler Aufarbeitung, oder gar von Erinnerungskultur: worauf fußen die Vorwürfe des Politologen, auch anderer AutorInnen wie etwa einem Pöppinghege, wenn es um „Realität“ oder eine angeblich verkürzte, das heißt verfälschte Darstellung von Geschichte in Videospielen geht. Auf welchen Geschichtstheorien basieren diese Vorwürfe – was ist mit Historismus, den Ansprüchen von Universalität, indirekter Zensur, einer Erzählung von Geschichte. Welche Anmaßungen und Überheblichkeiten werden da schonmal vorgenommen: ja, „Panzer Corps“ macht aus dem Germanofaschismus glücklicher Weise keinen Hehl – es tut nicht so wie viele andere Spiele als wäre man dort einfach „deutsch“, was auch immer das eigentlich sein soll. Und wäre vielleicht halt unter irgendeinem „Kanzler“ wie in der zensierten deutschen Version des Actionspiels „Saboteur“ Panzerkommandant: nein. Es macht aus seinen politischen Implikationen keinen Hehl und obwohl es zwar keinen Rassismus um „Lebensräume“ thematisiert, verschweigt es auch nicht dass dort absolut verwerfliche Weltherrschaftspläne abgrundtief böser Menschen verfolgt werden. Doch anscheinend will gerade über diese Bosheit hier nichts gehört werden, wäre das womöglich noch viel zu eindimensional – aber was heißt diese „Kritik“ wiederum, relativiert diese „Kritik“ perfider Weise nicht weit eher den unbeschreiblichen Terror und den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus bis hin zur industriellen Vernichtung von Millionen? Die Frage welche ich mir hier und anderswo jedenfalls stelle, wenn es um diese aus meiner Sicht stets nichts weiter als ungeheuerlichen Infamien gegenüber unliebsamen Videospielinhalten geht, ist: weshalb scheinen die Nazis überhaupt unbedingt als „Gute“ in Videospielen interpretiert werden zu wollen, denn anders als etwa der Klassiker „Panzer General“ hört „Panzer Corps“ auch nicht auf nachdem man darin die Ostküste erreicht hat (kein antisemitischer Code sondern die geografische Realität) und kann etwa jenseits des Atlantiks von Europa aus gesehen auch den US-Mittelwesten und schließlich Kalifornien erobern.
In anderen Klassikern wie „Civilization“ kann ich mich als „deutscher“ Herrscher theoretisch auch von „Friedrich“ in „Adolf“ umbenennen und die Welt erobern: wenn dann müsste die hier vorgetragene moralische Gewalt das gesamte Genre betreffen. In „Call to Power“ gab es auch eigene Spieleinheiten die Menschen versklavten, neben dem „Faschisten“, „Anwalt“ und einem Fernseher. Und ich interpretiere auch die kontemporäre westliche Seite in Videospielen wie „Modern Warfare“ keineswegs unbedingt als „Gute“ die etwa gegen fiktive „böse“ Russen antreten würden.
Was dabei vor allem nicht gefragt wird: welche Fantasie bedient so ein Spiel wie „Panzer Corps“, ob Menschen zu versklaven oder Panzerzüge zu befehligen. Sklavenhalter zu sein ist glücklicher Weise kein Berufsbild (mehr) beim Militär, Panzerkommandant oder General dafür sehr wohl, und „Panzer Corps“ allein deshalb auch kein „Slavery – The Game“.

Was ist bei „Panzer Corps“ demnach zu kritisieren: zu kritisieren ist zweifellos, dass es keine Alternative zu einer faschistischen Seite anbietet. Bei dem profunden deutschen Genre-Kenner Martin Deppe wurde in der Gamestar deshalb das Fehlen alliierter Kampagnen auch eindeutig als ein „Minus“ verbucht, mag sein dass Deppe dieses „Minus“ politisch-ideologisch dort noch zusätzlich hätte einordnen können – weshalb manche deutschen Genre-Fans sich dem Vernehmen nach schon gewundert haben weshalb das Spiel in Deutschland keine Jugendfreigabe bekam, so abstrakt es in seiner Gewaltdarstellung doch ist. Ja. Doch von welchem „Genre“ spreche ich hier eigentlich: nein, ich rede nicht über das „Genre“ Computerspiel, sondern explizit über Rundentaktik – mit eigenen Konventionen, Anforderungen, Erwartungshaltungen etc. Computerspiele sind wie Film oder Musik kein Genre, sondern bestehen wenn dann aus solchen: das wäre anders schonmal eine eklatante Reduktion dieser Ausdrucksform. Mag sein, dass aus der heutigen Sicht von Videospielen als Massenmedien gerade dieses Genre besonders obskurantistisch wirkt, zumal es jenseits von Facebook und Co. traditionell auch einigermaßen kompliziert ist, dennoch hat es eine lange Geschichte und Tradition im Computerspielbereich, mit Klassikern wie eben „Panzer General“.
Doch warum bietet „Panzer Corps“ diese Alternativen nicht an? Ich weiß auch nicht ob ich es deswegen spielen möchte. Doch genau so wie bei U-Boot-Spielen wird dies weit eher an technischen und keinen politischen Faszinationen liegen, oder gar einer „Faszination“ für nationalsozialistische Gewalt(herrschaft). Sondern am dargestellten militärischen Gerät, der Ausgangslage eines Angriffskriegs und eben des klaren Spielziels einer Weltherrschaft – nun kann man fragen: „Panzer Corps“ war zumindest für seine mittlerweile Nische wohl auch kommerziell kein schlechter Erfolg und hat diverse zusätzliche Veröffentlichungen bereits hervorgebracht, jedoch wieder ohne alliierte Kampagnen. Ja, mich schließen sie als Zielgruppe so wohl weiterhin aus, und das mag verdächtig erscheinen, doch kann das neben einer Grundanlage im Design auch weit eher mit Bequemlichkeit zu tun haben, sowie an noch anderen (geplanten) Veröffentlichungen liegen. Weiterhin sehe ich nämlich keinen Hinweis auf ideologisch fragwürdige Motive – und habe keinen Grund diese zu vermuten oder könnte deren Annahme deshalb mit meinem Gewissen vereinbaren. Bleiben also nur ästhetische Bedenken übrig.
Zweifellos wird es daneben auch jede Menge Rechtsextreme geben die so ein Spiel nicht als „Spiel“ sondern als Ausdruck ihrer politischen Gesinnung auffassen und mit ihren Überzeugungen missbrauchen. Diese Menschen und deren Gedankengänge werden mit anderen Medien aber auch nicht zu verhindern sein: ja so ein Spiel läuft Gefahr politisch instrumentalisiert zu werden, ebenso wie Spiele über Kreuzzüge religiös usw. Kolonien kolonialsitisch etc. Doch welche Themen könnten Videospiele möglicherweise sonst noch ansprechen? Bei einem diesbezüglich gegebenenfalls vorgenommenen Tauschhandel zwischen Freiheit und Sicherheit? Was geschieht hier eigentlich – wird hier dieses Spiel überhaupt als offen interpretierbares „Spiel“ wahrgenommen? Denn subversiv kann es doch auch nicht sein, wenn autoritäre Didaktik in Spielen – wie etwa über eine Rede von „Serious Games“ – mit Zeigefinger oder anderen Reduktionen und Relativierungen über einen ideologischen Realismus normativ eingebracht werden soll. Ich kann das ebenfalls nicht einmal als „kritisch“ akzeptieren, schon gar nicht als alleinige Form von „Kritik“, sondern nur selbst als induzierte politische Ideologie und aufgesetzte Moral kritisieren. Und ist so einem Spiel wie „Panzer Corps“ mit den Mitteln einer narrativen Rezension eigentlich gerecht beizukommen, oder passt da nicht viel eher weiterhin ein bloßer Produkttest wie ihn etwa ein Deppe vollzog? Wer schreibt die Geschichten von einem Spiel wie „Panzer Corps“ eigentlich: die Kreativen welche es ursprünglich mal hergestellt haben oder doch mehr seine eben noch vielen verschiedenen potentiellen SpielerInnen denen gegenüber so anders welche demokratische Geringschätzung entgegengebracht wird? Eine Unterschätzung die was impliziert? Das heißt am Ende: worum geht es in „Panzer Corps“ eigentlich, welche Geschichten kann es so schreiben – ich sage einmal, bloß als Beispiel – ums Benzin beschaffen. Und was kann es ideel, politisch, künstlerisch, humoristisch und ethisch-moralisch heißen wenn einem Panzerzug kurz vor dem Ziel in Malibu der Sprit ausgeht? Welche Situation wurde in einem Videospiel darüber erreicht, geschaffen, hergestellt?‘

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Eine Antwort zu ‚Was hat „Panzer Corps“ falsch gemacht?‘

  1. Theo schreibt:

    Und? Haben Sie sich das Spiel inzwischen angeschafft?

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