Kommunikation und Dysfunktion: Ersteindruck “Bientôt l’été”

Ja, bald ist Sommer…
Es gibt in meinem Leben wohl zwei Sportarten die ich nicht mehr lerne – die erste ist Baseball. Die zweite: Schach.
Und insofern sollte mich das Spiel schon vor Schwierigkeiten stellen, denn im Kern sollte “Bientôt l’été” doch eine Schachsimulation darstellen. Zumindest gibt es sich alle Mühe diesen Anschein zu wecken, denn so ganz habe ich noch nicht herausgefunden ob “Bientôt l’été” nur so tut als ob darin Schach gespielt werden würde.
Doch nicht nur Schach ist eine Verbindung zu anderen Spielen, auch die Kommunikationsbasis zweier fingierter Liebender erinnert an den Briefwechsel zwischen Griffin und Sabine bei Peter Gabriel, von 1998 (Ceremony of Innocence). Anders als dieser Titel ist die hiesige Fiktion jedoch wiederum eher eine die an „Journey“ (2012) erinnert.
Und eigentlich ist “Bientôt l’été” das erste Spiel, das zumindest ein wenig mit „Journey“ vergleichbar ist: hier wie dort dreht sich alles um banale Aufgaben die überraschende Kommunikationsmöglichkeiten ergeben sollen. Liebe war in „Journey“ dabei noch kein Thema, nicht einmal wirklich so etwas wie „Freundschaft“: eher flüchtige Bekanntschaften dominierten das Spielgeschehen vor dem Aha-Erlebnis am Ende, dahingehend wer da inkognito auf einer virtuellen Reise vorher alles getroffen wurde.

Das Reiseelement ist hier dabei eher begrenzt und keineswegs besonders exotisch. Es ist ein einfacher Strand, so wie er in vielen Endzeitsujets zum Sinnbild für das hoffnungsvollere Gegenstück zu einem Todestunnel geworden ist – ob bei Francois Ozon oder Marleen Gorris, J.J. Abrams und Damon Lindelof. Mit nur wenigen Versatzstücken.
Gespräche setzen sich idealer Weise aus dort gefundenen Wörtern zusammen, welche erst später eingesetzt werden sollen…
Diese Schachpartien ohne Sieg und Niederlage, oder was immer sie auch sein sollen, deuten dann jedes Mal einen heimeligen Rückzug an – jedenfalls Richtung Hotel. Musikalisch untermalt werden können diese optional durch diverse französische Schlager – von Hervé Villard bis Jeanne Moreau. Ein schwermütiges Chanson hab ich aus der Auswahl zumindest noch keines vernommen, wozu auch das ständig mögliche Rotwein trinken und paffen passt – die leichtlebige kleinbürgerliche Idylle eines selbstgefälligen Elysiums.
Ich sollte dabei wohl hinzufügen, dass das Spiel einen überaus heteronormativen Eindruck macht – in sämtlichen Simulationen wurde mir ein verschiedengeschlechtliches Gegenüber präsentiert. Es bestehen darin eben so gut wie keine Auswahlmöglichkeiten…
Die Farben des Spiels sind auffallend pastell, die Technik – wie schon bei „The Graveyard“ und weit ärger als bei „Fatale“ – verlangt nach einem Supercomputer. Einem solchen der scheitert, sollte ich wohl hinzufügen und meinen, denn das Multiplayer-Erlebnis des Spiels wird nirgendwo kaum je funktioniert haben: hinter “Bientôt l’été” steckt schließlich kein Konzern wie Sony, und dass etwas bei Valve gelandet ist sagt dahingehend wohl noch gar nichts, zumal der Hinweis auf eine Option der Kontaktaufnahme im Spiel selbst eher retro-charmant an uralte BTX-Zeiten erinnert.
Auch wenn mein Kunstbegriff natürlich ein anderer ist, ist die Frage von IGN’s Nathan Grayson im Titel seiner Rezension nicht ganz verkehrt: seit Jahr und Tag versucht Tale of Tales nun jetzt schon Prinzipien der darstellenden Kunst, vor allem aus Installationen, in die Welt von Videospielen zu übernehmen. Dabei gelingt es ihnen, wie ich meinen möchte, zwar immer wieder deren originäre Quintessenz aus Zeit und Raum, Körper und Bewegung, herzustellen, aber leider auch nicht mehr. Im Grunde sind all ihre Spiele bislang erweiterte Installationen gewesen, selbst der Wald aus ihrem Fast-Bildschirmschoner: die offizialisierte Kunst und deren Ästhetik, die Tale of Tales nun halt vertritt, musealisiert das Medium. Nichts weiter – so ehrlich sollte ich wohl schon sein, so sehr ich ihre Arbeiten auch schätze.

Orange Vorzeit, auch gern in Rosa

Wie läuft eine Session des Spiels demnach ab? Eher wie eine Séance sollte ich jetzt sagen: die „Simulationen“ mit dem Computer sind in einer Öffentlichkeit jedenfalls nicht gerade von (künstlicher) Intelligenz geprägt…
Einen Tipp und Kalauer für das Marketing hab ich dafür noch: zukünftigen Ausgaben von Laura Kipnis‘ Polemik „Against Love“ sollte unbedingt ein Steamcode für dieses Spiel beigelegt werden – zumindest den Hardcovern. Für ebenso Hartgesottene…

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