Filmkritik – „16/67: 20. September“ (1967)

Instinkt und Natur ***** 9/10 Exkrementen

Der „20. September“ ist wohl der berühmteste Film von Kurt Kren. Ich finde ihn zwar nicht ganz so beeindruckend wie „20/68: Schatzi“, einem 16mm-Film aus dem darauffolgenden Jahr der mit den für Kren typischen Bildverfremdungen einen SS-Offizier vor Leichenbergen in scheinbarer Bewegung zeigt – nur um diese Szene in einer blassen Fotografie als „Realität“ aufzulösen -, aber der „20. September“ ist zumindest Krens notwendigster Film.
Der „20. September“ zeigt Günter Brus beim Essen, Trinken und Verrichten seiner Notdurft in für Kren wiederum typischer schneller Schnittfolge, die durchaus schon an viel spätere Musikvideos erinnern kann. Besonders die Notdurft wird darin als ein expliziter Prozess von Entstehen und Werden aus dem menschlichen Körper exemplifiziert.
Der Film zeigt damit sowohl die Genese eines Tabus, als auch ein gewissermaßen Maximum an „Action“ und „Unterhaltung“ ohne dabei sich oder andere zu penetrieren oder gar noch offensiver einen vorherigen Zustand zu verletzen. Gleichzeitig dürfte er von diesen beiden Begriffen in ihrer gewöhnlichen Verwendung naturgemäß kaum weiter entfernt sein – von sich heraus: der „20. September“ „schockiert“ demnach schließlich auch nur mit Alltag. Wenn die Leute ihre Notdurft verrichten sehen sie für gewöhnlich nicht was dabei genau geschieht, womöglich nicht einmal was damit eigentlich (alles) passiert, in die sichtbare Welt oder zum Vorschein kam – während die Gastronomie dafür in der Welt allgegenwärtig ist. Aber das ist eben nur eine Seite davon, das „Gute“ und „Schöne“, das Essen und Trinken. Und Leben ist nunmal doch mehr – wesentlich mehr: zumal der Film auch keine „kranke“ Situation zeigt, sondern im Gegenteil im besten Sinne sogar nur „gesunde Normalität“. Er fokussiert sich auch nicht auf die Notdurft, und plakativiert diese, sondern stellte sie durchaus in einen Kontext restlicher Vorgänge und Handlungen. Der „Schock“ garantiert weder eine implizite „Erotik“, noch resultiert er aus einer asexuellen „Nacktheit“ – zumal er nicht einmal in der Welt der marginalisierten „Pornografie“ vielfach heute noch einen Platz hätte. Selbst die allermeisten Tubes, welche das zu 20% „pornographische“ Internet auf Amateurbasis und/oder Werbung heute unsicher machen, würden solche Bilder zulassen. Und gerade angesichts offizialisierter Kultur wie gegenwärtig „Amour“, die Pflege und Gefühle zu einer bourgeouisen Sensation stilisiert, wird der „20. September“ aus meiner Sicht als Mensch mit Behinderung aktueller und wichtiger denn je.

Rating 9.0

Der Film von Kurt Kren, entstanden in Zusammenarbeit mit Günter Brus als „Günther Brus“, ist dankenswerter Weise sowohl auf UbuWEB (kostenlos) als auch MUBI (gegen Gebühr und in vielleicht etwas besserer Qualität) für eine breite Öffentlichkeit zu sichten.

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