Die Sensation folgt auf das Tabu

Heute Abend wird in den USA die penultimative Episode der dritten Staffel von „Game of Thrones“ ausgestrahlt werden. Und wie schon in den beiden vorangegangenen Seasons dürfte diese als eindeutiger Höhepunkt der Saison gestaltet sein, auch wenn diesmal kein Spektakel inszeniert worden ist.
In den letzten Tagen sind allerdings wieder Stimmen gegen die Darstellungsweisen entblößter Körper in der Sendung laut geworden (etwa über New York Daily News). Und tatsächlich haben Kabel-Fernsehserien wie „Game of Thrones“ dahingehend ein Problem: Kabel-Fernsehsender haben das Nacktheitstabu in den letzten beiden Jahrzehnten zunehmend aus der Welt geschafft, schon soweit dass selbst im Network-Television mittlerweile konkret über eine Lockerung der Verhältnisse nachgedacht wird. Andererseits hat das Kabelfernsehen das Tabu für gewöhnlich lediglich durch die Sensation ersetzt, welche einen natürlichen Umgang mit Nacktheit immer noch verhindert und eigentlich weiterhin auf den alten Traditionen beruht.

Denn der nackte menschliche Körper ist auch international weiterhin hochgradig umkämpftes Gebiet: Femen setzen ihn politisch ein, während entblößte Männerbrüste in der westlichen Welt sexistischer Weise tendenziell immer noch als eher unbedenklich gelten. Wie mir gesagt wurde wäre ein Mann mit Bikinioberteil eine Abstrusität sondergleichen –
Bei Kindern hat das Verhüllungsgebot in eben diesen zwei Jahrzehnten dafür sogar noch drastisch zugenommen, da auch deren Körper zunehmend sexualisiert worden sind – und da nur im negativen Sinn, um sie vor sexuellen Blicken zu schützen
Schließlich könnte überall ein Pädophiler lauern – die Fremdenfeindlichkeit ist zusammen mit dem Sicherheitsgedanken gesellschaftlich überbordend geworden: das heißt wenn der kleine „Superman“ in diesem Sommer zum dritten Mal neu in den Kinos landet, wird er zum zweiten Mal wieder nicht nackt sein dürfen.

Letzte Folge dachte ich für eine gewisse Zeit: endlich ist es ihnen einmal gelungen eine Beiläufigkeit zu erreichen wie sie im europäischen Kino selbstverständlich ist, dort (noch) auch nicht unbedingt Kinder betrifft („Innocence“, „Der Baader Meinhof Komplex“) – nur um am Ende umso enttäuschter darüber zu sein, dass sie sie letztlich doch wieder sexualisiert hatten.
Bei Nacktheit scheint es immer wieder nur zwei Alternativen zur Verhüllung zu geben: entweder die asexuelle Körperpräsenz als Vorstellung gestählter Gesundheit, wie im Naturismus des Nationalsozialismus, oder als antierotisch bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein weitgehend durchideologisierter anderer „Freikörperkultur“. Oder eben die Nacktheit als gewissermaßen „Vorspiel“ zur, oder Teil von, Sexualität.
Und der puritanische Geist der US-Fernsehserien wird, ob nackt oder nicht, vor allem vom Gedanken an (eine Möglichkeit von) Sexualität bestimmt, sowie gibt es – da auch ein patriarchales Publikum heteronormativ ausgemacht wird – erheblich mehr nackte Frauen als Männer. Ungezwungener sexueller Ausdruck wird sich dort deshalb so schnell gar keiner finden lassen, da etwa eine Serie die sich vornehmlich wirklich nur an heterosexuelle Männer richten würde allein schon über ein demoskopisches Gießkannenprinzip das heute bereits Frauenkörper bloß sakralisiert sehen möchte und sich über angebliche Einseitigkeiten empört, verhindert werden würde. Das Publikum bleibt nämlich bestimmt: ob es nun die Perversen sind, vor denen die Kinder zu schützen, oder die Patriarchen welche sich der Frauen bemächtigen – sämtliche Objektivierungen werden in Opferrollen gedrängt und ein dritter Weg, jener der Nacktheit UND Sexualität als natürlichen Teil des Lebens komplementiert und damit eine gesellschaftliche Situation in erster Linie kommentiert, erscheint mir so mehr denn je ausgeschlossen. Stattdessen wird leider lieber weiterhin eine Konnotation mit Reife-Mängeln (siehe Saturday Night Live) betrieben werden – was ich überaus schade finde.
Denn ohne einen imaginierten (Nachwuchs-)Patriarchen gäbe es überhaupt keine objektifizierbaren Frauen, könnten sich diese in einem absurd-sexualfeindlichen Spiel nur gegenseitig die Blicke verstellen (wollen). Misstrauischer Weise. Die unerwünschten Objekte gibt es nur solange Männer keine Frauen sein dürfen, solange über Geschlechterkonstruktionen Gewalt ausgeübt wird, und solange die Heterosexualität im Publikum als gegebene Größe angenommen (und tendenziell verachtet) bleibt.

Update 27. Mai: „Game of Thrones“ pausierte gestern. Die vorletzte Folge wird erst am 2. Juni ausgestrahlt werden.

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