Filmkritik – „Lincoln“ (2012)

Demokratie, Politik und Geist, oder: der Glaube an die Kraft der Menschheit **** 8/10 Verfassungszusätzen

Wie lassen sich Dinge verändern, wenn Menschlichkeit zu bewahren auf dem Spiel steht? Oder als politisches Projekt eines Strebens nach Ausgleich (zwischen verfeindeten Geschwistern) und Gleichheit (zwischen allen Menschen) überhaupt erst einmal erreicht werden sollte?
Nach Trailern befürchtete ich das Schlimmste: eine Hagiographie, geschaffen von den dafür Verantwortlichen unter dem Eindruck einer politischen Nähe zur gegenwärtigen Macht – auch abzulesen an den späteren Golden-Globe- und Oscar-Zeremonien mit Bill Clinton und der aktuellen First Lady. Ein Klüngel-Film. Dabei wäre es tatsächlich längst an der Zeit gerade den Säulenheiligen der US-Geschichte zu stürzen. Statt seiner „Leistungen“ und „Erfolge“ mal dessen Rassismen, fragwürdigen Nationalismen und Opportunismen zur Schau zu stellen. Anstatt immer nur „Ideale“ über die sich doch niemand so ganz sicher sein kann, die wiederzugeben historisch eindeutig falsch ist, oder Menschen bloß in die Irre führt –
Nun, zumindest das war nicht zu erwarten und tut „Lincoln“ auch nicht, doch „Lincoln“ ist glücklicher Weise ebenfalls nicht wirklich ein Film über Abraham Lincoln geworden. Zynisch möchte ich fast sagen: wer mehr über die historische Figur des Präsidenten erfahren möchte, wäre wirklich fast mit diesem „Vampirjäger“-Film den es da draußen auch gibt besser beraten.
Nun denn: nein, „Lincoln“ ist nicht gleich „Lincoln“.

Und es ist erstaunlicher Weise der erste Spielberg-Film der seinem Publikum mal ordentlich viel Raum zum Denken gibt, der ihnen nichts vorkaut oder serviert, auch wenn es vorher schon mal in sicherer Weise unter künstlerische Freiheit gestellt wurde, sondern der auch mal einfach so aus der Geistesgeschichte zitiert – für Spielbergs zweite Lehrstunde in Sachen Demokratie, nach „Saving Private Ryan“ (1998).
Denn dieser „Lincoln“ wirkt auf mich fast identisch, wie eine ältere Ausgabe nur, zu dem Lehrer den Tom Hanks darin mimte. Selbst Daniel Day Lewis scheint das Method Acting nicht zu übertreiben und liefert eine Performance ab die mehr von schwerer Weisheit als „Würdigung“ zeugt, wenn schon nicht „Kritik“. Dieser Lincoln ist sehr verschroben – wirklich mehr wie Yoda als sonst jemand.
Doch leider haben die Verantwortlichen, neben Spielberg allen voran Tony Kushner (Angels in America), versäumt dies mitzuteilen und predigen selbst eine vorgeblich realistische Darstellung Lincolns, welche sie damit angeblich erreichen wollten, zu präsentieren.
Was für eine Schande –

Nein: dieser „Lincoln“ hat viel mehr mit dem Auto das nach dem Menschen benannt wurde gemein, als mit der Person oder deren Zeitumstände – steht doch dazu! Ihr habt „Lincoln“ bloß als Vehikel für Eure Ideen verwendet, und daran ist auch nichts Verwerfliches, denn Eure Ideen sind ganz großartig und wunderbar. Lincoln ist bei Euch nur ein Aufhänger, eine personelle Chiffre – angelegt als Verständigungscode der allgemein bekannt ist. Na und?
Denn genauso wenig wie Spike Lee „Django Unchained“ als Film über die Sklaverei richtig versteht, ist „Lincoln“ als Film über diesen historischen Lincoln zu begreifen nicht in Ordnung. Und das schadet der Perzeption dieses Films aus meiner Sicht ungemein –

Zunächst bietet sich der Vergleich mit anderen Spielberg-Filmen an: vor allem „Amistad“, das ein paar Jahrzehnte vorher spielt und tatsächlich mehr den Abolitionismus behandelt. Mit dem Rassismus aus der „Farbe Lila“ kann „Lincoln“ sowieso nichts zu tun haben, da der zeitlich schonmal nicht zusammenpassen würde. Hier muss es demnach immer mehr um Naturrecht und Religion gehen –
Spielberg war dabei nie ein bildungsbürgerlicher Agitator oder Indoktrinator, dem es um irgendwelche „Fakten“ und deren Vermittlung ging, oder anders ausgedrückt geht es ihm halt um keine Heuchelei von Authentizität wie leider so vielen aus dem alten Europa.
Die teilweise harsche Rezeption von KollegInnen wie Kate Masur in der New York Times, auch Eric Foner äußerte sich ähnlich, operieren deshalb ihrerseits vor allem mit Unterstellungen gegen die Kreativen und deren Realismus. Wie ich schon schrieb leider nicht ganz unbegründet, aber als Ideenstück interpretiert wird der Film dadurch nicht angemessen analysiert und ein dermaßen barsches Vorgehen dem Film so auch keinesfalls gerecht. Sicher wirkt die schwarze Passivität in dem Film befremdlich – gerade auch gegenüber einem „Amistad“, hier gibt es keinen Theodore Joadson -, aber genau diese wird einem politischen Handlungsspielraum womöglich noch gerechter als es die mangelhafte Historizität im Hauptcharakter tut, also der vereinnahmenden Figur Lincolns. Darüber hinaus hätte dann auch Thaddeus Stevens (Tommy Lee Jones) autokratisch(er) beschrieben werden müssen. Und wahrscheinlich ist die letzte halbe Stunde dramaturgisch überhastet, um die Ermordung des Präsidenten zu initiieren, doch genau diese Zeit ist dem Film auch schon von Anfang an vorangestellt worden. Dass „Lincoln“ ein Hintergrundwissen um diese letzten Monate in dessen Leben so gewissermaßen bereits voraussetzte sollte darum alles zusammen auch für eine internationale Öffentlichkeit in diesem vernetzten 21. Jahrhundert nicht zuviel sein – in welcher Breite die Zielgruppe für diesen Film auch immer ausgemacht wird.

Allerdings vereint „Lincoln“ dabei auch das Schlechteste und Beste bei Spielberg. Ambivalent ist zunächst der Einsatz von sehr erbaulicher Musik. Doch gerade John Williams hat wohl selten so unzeitgemäß wie für diesen Film gewirkt. Er verleiht ihm eine altmodische Aura die er eigentlich gar nicht verdient hat. Dafür fällt die teilweise äußerst originelle Kameraführung wieder positiv auf und aus – noch nie habe ich bei Spielberg so wunderbare Blickwinkel beobachtet, denn meistens waren seine vorangegangenen Filme eher von einer Weite der Aufnahmen Janusz Kaminskis, als wie hier von ungemeinen Details bestimmt – wie wenn sich die kleine Sally Field in einer weiteren Mutterrolle nach dem „Spider-Man“-Reboot aus dem letzten Sommer an ihren Mann schmiegt. Aber auch nur in den Phasen zwischen welchen der an seiner Welt zeitweise doch arg zweifelnde Patriarch nicht droht sie wegsperren zu lassen.
Und schließlich ist Spielberg zwar kein politischer Manipulator, aber ein ungemein gekonnter emotionaler. Und „Lincoln“ dürfte sein emotional manipulativster Film seit „E.T.“ (1982) sein – mit Alltäglichkeiten schmeichelt er um jede auch noch so winzige Kleinigkeit und schubst dabei teilweise gehörig Gefühlsdusel wie mich. Wegen der fehlenden Historizität wollte ich diesem „Historiendrama“ ursprünglich nur einen Stern geben, höchstens zwei, dann doch wieder drei – zwischendurch übermannte er mich gar zur Höchstnote von fünf, während dem ich mir wünschte dass wenn es diesen Lincoln als historische Figur schon nicht wirklich gegeben hat, diesen netten Mann der so viele kluge Sachen sagt und sogar sympathisch wirkt wenn er seinem Sohn eine Ohrfeige gibt, dann wäre es doch wenigstens auf alle Fälle besser gewesen, er wäre wirklich der „Lincoln“ aller „Lincoln“ gewesen –
Also der echte und einzig wahr(haftig)e… „Saving Private Ryan“ war ein Anfang, doch mit „Lincoln“ hat Spielberg nämlich bewiesen, dass er auch spirituell sein kann. Vielleichts liegts am mittlerweile doch forgeschrittenen Alter, wo halt nicht nur der Starrsinn sondern ebenfalls die Weisheit zunehmen sollen.
Ich freu mich hernach jetzt jedenfalls schon sehr auf die „Halo“-Fernsehserie, wo ich gerade das als das Um und Auf betrachte: Spiritualität. Oder, wie mir Barack Obama zuletzt zugeschrieben hat: „faith“ – den Glauben an die Kraft der Menschheit.

Rating 8.0

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