Weiterer Kommentar zu Anita Sarkeesian

Im VDVC-Forum: ‚Ich sehe mir das nicht mehr an. Was sie im ersten zu Nintendo gesagt hat fand ich gut, richtig und wichtig – dort werden teilweise unerträglich konservative bis reaktionäre Standpunkte vertreten -, aber sonst ist sie wohl doch unverzeihlich fantasienegativ für mich – ähnlich wie Frau Anhut – und dabei auch vor allem auf unliebsame Oberflächen wie eben (sie) empörende Darstellungen aus, das heißt ohne jegliche Selbstreflexion und immer nur Andere(s) verachtend bis beschimpfend. Und wie sie da in fremde, alternative Sexualitäten abseits (klein)bürgerlicher Normen eingreift, womöglich ohne dies zu merken, finde ich einfach nur unerträglich. Ihr einziger positiver Bezugpunkt bleibt aus meiner Sicht ein nebulöser Realismus, eine schwammige Idee von Normalität und richtigem Leben – scheint jedenfalls nichts anderes zu sein – was ich als Mensch mit Behinderung naturgemäß schon nicht teilen kann, beleidigend bis regelrecht abstoßend und diskriminierend finde(n muss). Doch leider springt gerade im deutschsprachigen Raum genau darauf eine Presse in ihren eigenen Abgrenzungsbemühungen und in bedenklicher Weise an, zumindest versuchsweise. Die greift mit ihrer Schminke und ihrer Mode auch synkratisch voll brutal darauf zu – womöglich bis zu Gesundheit und Hygiene – und hat dabei auch überhaupt kein relativierendes Körpergefühl in meinen Augen, grenzt andauernd nur aus und gibt völlig unbewusst irgendwelche Normen überaus gewalttätig vor. Das ist im besten Fall indiskret, mindestens untergriffig, wahrscheinlich aber noch viel schlimmer, denn die Leute welche sie meint haben bei ihr überhaupt keine Stimme, kein Aussehen, keine Plattform, sind kein geschmückter Talking Head wie sie selbst. Diejenigen welche vielleicht auf Hilfe in ihrem Alltag angewiesen sind und ein klein wenig anderes Leben über Videospiele in ihren Alltag, ihre Freizeit oder ihren Urlaub bringen wollen, die existieren bei der überhaupt nicht. All jene die sich etwa vielleicht nicht einmal selbst kleiden, an- und ausziehen. Und tut mir leid, aber bei solchen Personen hört sich für mich einfach alles auf – als erstes jegliche Demokratie, aller demokratischer Zustand. Die erinnert mich nur an Julia Louis-Dreyfus die in ihrer Comedy nichts mit Rollstühlen zu tun haben will.
Das obige „Fakten“-Gegenvideo hat mich gleich am Anfang ziemlich geärgert, war (auch) erst das zweite glaub ich, also habe ich es gleich ausgemacht: ich denke beide schenken sich ideologisch nicht viel. Der Antifeminismus ist wie üblich vulgär sexistisch und hat vom Feminismus in meinen Augen überhaupt keine Ahnung, glaubt etwa Sarkeesian sei die einzige Feministin auf der Welt. Sarkeesian wiederum gibt ihre Sichtweisen als die einzig richtigen aus und lässt scheinbar doch nichts anderes gelten – nicht einmal andere Feminismen. Da äußert sich für mich lediglich ein von komplizierten Minderwertigkeitsgefühlen getragener Selbsthass, bei dem nur die anderen vielleicht noch halt die Unreifen wären – also diese nur allzu bekannte TäterInnen-Opfer-Umkehrung. Dass ihre eigenen Körperideale weibliche Körper nichts anderes als fetischisieren, biologisieren und eigentlich sogar auch erst sexualisieren (!) – sowie dabei die kapitalistischen, bürgerlich-patriarchalen Konstruktionen erst mit aufbauen – fällt ihr nicht einmal auf. Also wie sehr sie sich selbst, wenn ich an Kickstarter denke schon wie ein Bankkonto, sozusagen objektiviert, also aus ihrer vorgeblich humanistischen Sicht „objektifiziert“ – nicht nur bis hin zu ihrer Stimme als Ausdruck, sondern bei der Form ihrer Videos auch bis hin zu ihrem eigenen Körper als zumindest Wahr- und Warenzeichen dessen. Wahrscheinlich bekommt sie auch deshalb neben den ganzen Sexismen soviel Unterstützung von Männern, weil die Leute ja nicht ganz blöd sind (hoffentlich), und dahinter das Kalkül eines die Männer-Dominanz bewahren wollenden Opportunismus steht. Nach dem Motto: wenn wir deren Anliegen und ihre Auffassung von Feminismus unterstützen sind wir (sic!) als angeblich Aufgeschlossene auf der sicheren Seite der (nur vermeintlich offenen) Gesellschaft… Ähnlich wie bei anderen dogmatischen LinkspopulistInnen, etwa Michael Moore, werden daraufhin alle die nicht für sie sind als gegen sie gebrandmarkt. Und dieses „Fakten“-Video fällt da auch voll drauf rein –
Mich erinnert das persönlich an rechte KatholikInnen die mir sagen wollen, oder sogar vorschreiben, was meine Religion (alles) zu bedeuten hätte, zu sein (und was nicht) – ganz ähnlich geht es mir dabei jedenfalls: Frau Sarkeesian will über mein Geschlecht und meine Sexualität bestimmen, selbst ungemein patriarchal. Ganz einfach auch weil sie immer nur patriarchale Muster (re)zitiert. Keine Ahnung was das eigentlich bringen soll, außer Aufmerksamkeit bei gleichgesinnten ChauvinistInnen und deren Konzeptionen von („Selbst“-)“Kritik“, Sozialität etc. zu heischen.‘

Update, Replik vom 30. Mai: ‚prinzipiell würde mich, gerade als Feminist, mal interessieren was Du mit „feministischen Blogs“ eigentlich meinst. Ausgehend von Gleichgesinnten auf der Twitter-Sphäre? Wann sprichst Du von einem „feministischen Blog“ – was macht das für Dich aus. Ab wann identifizierst Du einen Blog so?
Ich glaube nämlich nicht, dass diese Definitionen der Frauen- oder Post-Gender-Bewegung auch nur annähernd gerecht werden. Denn obwohl sie in der Gaming-Presse bereitwillig aufgenommen wurde, im Mainstream vorhandene Ressentiments so wohl noch verstärken konnte, ist aus Anita Sarkeesian etwa auch noch keine berühmte Theoretikerin daraus geworden, sondern sie bleibt vorerst nur eine politische Aktivistin die da auf einer seit den Siebziger Jahren existenten Welle halt gegen dieses neue Medium nun mit schwimmt. Also wie alt ist die eigentlich (auch) – jedenfalls älter als sie selbst… Und ich würde jedenfalls keinen Blog taxfrei als „feministisch“ bezeichnen nur weil er die eigene Gruppe (gesellschaftlich) überhöht, nur weil sich da über Twitter oder sonst wo Gleichgesinnte zusammengefunden haben und irgendwo einen Mob gegen Leute wie Tara Strong, James Gunn oder Goichi Suda gebildet. Vielleicht zusammen mit wertkonservativen, Brille-tragenden Aktivisten von Disney. In einer unheiligen Allianz wie zwischen „Kölner Aufruf“ und CSU. Genauso wenig wie ich eine Einrichtung die sich gegen irgendwelche Großkonzerne richtet „sozialistisch“ nennen würde, die gegen Lebensmittelkonzerne vorgehen „ökologisch“, oder Leute die einen Pelzhandel beschmieren wollen „tierfreundlich“.
Entschuldigung, aber das ist nicht nur eine Vereinnahmung von „Frauen“ sondern bestimmt auch noch über die Geschlechter und Sexualitäten aller anderen Menschen die es sonst auf der Welt gibt ebenfalls fremd. Und Verwirrung kommt da, siehe ihr erstes jetzt veröffentlichtes Video, nur am Rande vor – zumal sie selbst mit ihrem Auftreten ja auch einer stereotypen Frauenrolle entspricht. Nur ihr Selbstbildnis, das „kritisiert“ sie natürlich nicht –
Der Feminismus hat verschiedene Wellen und Strömungen längst hinter sich. Die bilderfeindliche vulgo euphemistisch „imaginationskritische“ Bewegung wird dabei für gewöhnlich der zweiten größeren zugeordnet. Mittlerweile gibt es aber auch eine dritte (seit um 1990, spätestens seit „Gender Trouble“, deutsch 1991) und vielleicht sogar schon eine vierte die von „Männer-“ und „Frauenbildern“, also das wovon da immer strikt ausgegangen wird, überhaupt nicht mehr sprechen würde und möchte. Der es eher um eine Aufhebung von Geschlechter geht, darum dass dieser Faktor in der Politik keine Rolle mehr spielt – also das glatte Gegenteil von dem was Sarkeesian da mit ihren Übergriffen auf Fantasien vielfach tut – die mittlerweile politisch mit Schlagwörtern wie Neutralität auch Fuß fassen konnte, über Mainstreaming etc. Wo die biologische Herkunft hoffentlich keine entscheidende Rolle mehr spielt.
Und ich frage das gerade auch weil Du, offenbar ganz bewusst, in diesem Zusammenhang ebenfalls über Traumatisierte sprichst. Mir ist vor allem das ehrlich gesagt sehr suspekt. Da werden doch Frauen bereits zu „kranken Opfern“ stilisiert welche von der Männerwelt schon längst kaputt gemacht worden wären. Oder?‘

Bei IDG: ‚Sie stellt sich in jedem Fall gegen Videospiele als sexuellen Ausdruck und übt dabei mittlerweile, annähernd so wie dereinst Anjin Anhut, ungeheure Gewalt auf andere Sexualitäten aus. Es ist Hypokrisie par excellence Körpernormen in Darstellungen Fremder zu „kritisieren“ und mit ihrem eigenen Auftreten gerade solche ebenfalls zu transportieren. Leistung, Kapital (Kickstarter) usw. Oder wie soll Sarkeesian schon über das Sexualleben anderer Menschen überhaupt Bescheid wissen? Das gar beurteilen können – auch mit welchem Gewissen?
Sie spricht doch nicht einmal über ihre eigene Erotik – wie soll sie da andere dahingehend beurteilen können? Also ich kann das nur immens beleidigend finden. Auch in diesem Artikel steht wieder kein Wort davon worum es da eigentlich geht, nämlich um Erotik und Sexualität – all das was hier für gewöhnlich unter Infantilität, mangelhafter Reife verortet wird, oder sowieso gleich unerwünscht ist. Nicht Stereotypien (allein).
Und dazu gehört leider auch fremdbestimmt über weitere Feminismen wieder Anderer (politisch) zu befinden, diesen jegliche Freiräume mit derlei Beschimpfungen und Verunglimpfungen nehmen zu wollen – Kommentare nach der Facon eines Konzerns wie Microsoft zu sperren, etc. Also weshalb beschäftigt sie sich nicht weiter mit Nintendo und Co., bleibt also bei der Sache, sondern geht auf eindeutig sexuelle Inhalte los? Ich gehe sogar soweit und sage: weshalb verletzt sie die Menschenwürde. Nicht nur in einem häufig sprachlosen Publikum, sondern wohl auch bei prominenten Kreativen. Also wo ist da etwa Euer deutsches Grundgesetz gegen derlei Aggressivität? Für Menschen wie mich?
Scheinbar ja nicht vorhanden, und das ist demnach auch nicht mit Autonomie oder einer anderen „Meinung“ mehr vertretbar – deren intolerante Haltung und Einstellungen gegen Autosexualität und Visualisierungen. Gerade als Mensch mit Behinderung kann ich das nur enorm diskriminierend finden was hier geschieht, wogegen Menschen wie ich hier völlig schutzlos ausgeliefert sind, mit welchen Körperbildern hier gegen andere operiert wird. Mit negativen Gefühlen bis hin zu offenem Hass – den sie dann vielleicht bloß wieder in eine TäterInnen-Opfer-Umkehrung zu verwandeln gedenkt. Wo dann die Anderen erneut die Aggressiven wären. Doch über das Sexualleben der Anderen gibt es nichts zu „diskutieren“ – das ist eine eklatante Verletzung der Privatsphäre Fremder. Und gerade dann das noch von einer willfährigen Presse wie hier bereitwillig und völlig unkritisch aufgenommen zu sehen. Ohne jeglichen Widerspruch. Ohne auch nur die geringste Möglichkeit ein zu sprechen –
Doch „Kritik“ ist nunmal keine Einbahnstraße: ich habe hier noch nie einen Artikel gelesen der dem andere als diese biologistischen Geschlechterkonstruktionen und damit verbundene Sozialitäten entgegen gestellt hätte – das existiert hier und anderswo in der Videospielpresse überhaupt nicht. Bei den Etablierten und Erfolgreichen. Im Gegenteil: wer Sarkeesian kritisiert würde mindestens keine Fähigkeit zur Selbstkritik besitzen, zumindest wehleidig sein oder wird halt gleich als Sexist (mit) beschimpft.‘

Weitere Replik dort, vom 30. Mai: ‚Das erste Video behandelt auch noch eher asexuelle Spiele. Dagegen erhebe ich ebenfalls keinen Einwand, sondern applaudiere dem sogar. Nur ist die konstruktive Kritik an Nintendo und Co. darin gleich wieder verhallt, falls sie überhaupt zu solchen Artikeln wie hier geführt hat. Nur die Destruktivismen gegen alternative Sexualitäten werden bereitwillig aufgenommen, journalistisch transportiert und ihnen plakativ breiter Raum eingeräumt – weil sie allein es sind welche die Dünkel eines „wir“ gegen Andere (mit) repräsentieren. Wo es dann etwa heißt, dass „wir“ solche Inhalte gar nicht „nötig“ hätten usw.‘

Und bei „Windmühlen? Zum Angriff!!!“: ‚Erschreckend finde ich eher mit welch pornografischem Blick da auf andere Sexualitäten Gewalt ausgeübt wird: das ist so als würde jemand Fremdes sich in einem BDSM-Studio über Handschellen empören, oder ein homophob Erzogener zum ersten Mal einen Christopher Street Day besuchen.
Nur die Ausdrucksformen und Sexualitäten welche Sarkeesian da, selbst heteronormativ, beschimpft, haben halt keine Lobby. Doch es ist nun einmal so, dass nicht sämtliche Videospiele für alle da sind, wobei mich interessieren würde weshalb ihre „Kritik“ an etwa „Zelda“, die sehr wohl mehr Menschen und auch schon viele Kinder betrifft, als nicht so wichtig erachtet wird wie anscheinend derlei empörte Ablehnungen und Diskriminierungen…‘

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3 Antworten zu Weiterer Kommentar zu Anita Sarkeesian

  1. Nick schreibt:

    Anjin Anhut ist glaube ich keine FRAU nur als bemerkung

  2. Nick schreibt:

    War auch nicht abwertend gemeint hab’s nur oft gehört.
    Generell find ich deine Beiträge sehr ehrlich und klasse.

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