„Leben“

Neues auf der Wikipedia: ‚Und welche „Auffassungen“ gibt dieser Artikel dann wieder? Wo ist hier auch nur ein Funken Kritik an diesen Definitionen und Distinktionen, Ab- und Ausgrenzungen der WHO zu finden? Außer in einem Nebensatz. Oder was sollen bitte „Abänderungen“ dabei bringen, wenn das grundsätzliche Gedankengut und die dementsprechende Geisteshaltung doch (gleichzeitig) erhalten bleiben sollen?
Kulturelle Implikationen kommen hier praktisch überhaupt nicht vor. Der gesamte Gegenstand des Artikels, sein eigentliches Thema, wird auf Medizin (!) reduziert.
Es wird mit keinem Wort eine potentielle Stigmatisierung erklärt, nur einmal erwähnt. Und falls tatsächlich hier selbst anerkannte SexualwissenschafterInnen kein Problem erkennen frage ich mich wie naturalistisch diese eigentlich (wieder) geworden sind. Nekrophilie findet sich etwa ausschließlich bei Leichenschändungen moralisch wieder. Kein Wort wird über Menschen verloren, welche etwa Schlafende anziehend finden – der gesamte „Dornröschen“-Mythos ist vollständig ausgeblendet. Der Text besteht von A bis Z aus pathologischen Zuständen oder eben Pathologisierungen.
Ebenso wie weit verbreitete Körperfetische keine Berücksichtigung finden – etwa der Fußfetischismus, weil er ja diesen medizinischen Definitionen nach „unbelebten Objekten“ nicht entspricht -, dort ausgeklammert werden. Doch von der spätestens nach DSM-5 deutlich gemachten Unterscheidung in Hinblick auf Leidensdruck bei den Betroffenen und ethisch der Goldenen Regel (in Hinblick auf Andere) fehlt in der Erklärung ebenso jegliche Spur. Wie überhaupt von sämtlichen Freiräumen abseits einer Reproduktionsideologie. Das alles wird, falls überhaupt, nur beiläufig erwähnt oder gleich einem Subtext überlassen. Und das in einer Enzyklopädie welche sich überparteilich gibt. Der biologistische Charakter dieses Artikels ist bester Ausdruck der kulturellen Fremdenfeindlichkeit der deutschsprachigen Wikipedia und eine weitergehende Schande für die deutsche Sprache. Zu allem besteht bei mir noch der dringende Verdacht, dass dieses gesamte Denken mit unter „Sozialkompetenz“ verortet werden soll, also auch über Sozialität entsprechender Druck auf andere Lebensweisen ausgeübt werden.
Doch das Problem geht hier auf der Diskussionsseite sogar noch weiter, wenn Sexualpräferenzen scheinbar nach Belieben über das hierzulande vorherrschende Normdenken weiterhin erweitert werden möchten. Erweiterungen welche gerade ich als Mensch mit Behinderung – wie „die Liebe zur Behinderung an sich“ – nur überaus beleidigend und diskriminierend finden kann. Oder was soll demnach „die Behinderung“ überhaupt sein? Beide Seiten, die Haupt- wie die Diskussionsseite, erschweren eine kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema nicht nur soweit bis sie diese bei allen hier versammelten Vorurteilen faktisch unmöglich machen in einer Öffentlichkeit zu kommunizieren, angesichts der hiesigen Präsenz „freien enzyklopädischen Wissens“. Die größte „Störung“ für Menschen wie mich bleibt deshalb jedenfalls diese Wikipedia, welche sich selbst vielleicht – trotz all ihrer überaus einseitigen aggressiven Dominanz – immer noch und immer wieder als Gipfel des Hohns für offenbar aufgeschlossen hält, weil ja medizinisch korrekt. Jürgen Mayer, 31. Mai 2013‘

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