Filmkritik – „The Turning“ (1992)

Das etwas andere Nazidrama **** 8/10 Swastikas am Rücken

Der junge Clifford kehrt von Irgendwo in seine Heimatstadt im amerikanischen Nirgendwo zurück. Nichts wesentliches scheint sich dort je abzuspielen, und er auch nie wirklich dort hineingepasst zu haben – schon von früher her verschrien zu sein, weshalb ihm in einem Diner auch gleich überaus feindselig begegnet wird.
Die Tochter des Hauses dort ist der Grund warum diesen US-Independentfilm, eine Theaterverfilmung, wenigstens manche kennen: es war nämlich die Debutrolle des späteren Akte-X-Stars und Sexsxymbols der Neunziger, Gillian Anderson. Doch das ist wirklich eher ein Bit-Part in dem Film gewesen.
Das Ganze dreht sich nämlich weit eher nur um Cliff’s Familie: da wäre zunächst die Mutter (Tess Harper, „No Country for Old Men“), welche sich gerade dem Suff hingibt und er als vom Vater (Raymond J. Barry, wieder „The X-Files“‚, dort Senator Matheson) verlassen vorfindet. Dieser vergnügt sich derweil mit einer Maklerin (Karen Allen, „Animal House“ und „Indiana Jones“). Bald wird deutlich, dass es ihm um eine Family Reunion geht.
Nur die Mittel werden erst langsam enthüllt: aus Klein-Cliffy ist nämlich irgendwann, das heißt auch schon früher als er im Ort war, ein waschechter Nazi geworden. Soll heißen: das wussten die Eltern zwar, dürften dies aber seit jeher verdrängt haben.
Nun entwickelt der Film eine ganz eigene Dynamik zu dem Thema, welche am ehesten noch dem zweiten Teil von „Henry“, Portrait eines Serienmörders, gleicht: die meisten Neonazi-Geschichten kreisen als „Sozialstudien“ extremistischer Cliquen um stereotype Rassismen und profane Gewalt. Nicht so dieser Film: Clifford ist offensichtlich allein auf der Welt, hätte außer seinen Eltern keinen Rückhalt mehr und versucht nun krampfhaft eine familiäre Idylle wiederherzustellen welche es offenbar sowieso niemals gab. Der Vater scheint mit seiner neuen Freundin erstmals seit vielen Jahren wieder glücklich zu sein, und sogar die Mutter mit Ambitionen zur Schriftstellerei hat er durch seine Rückkehr vom Alkohol unversehens kurzfristig reformieren können: doch das bekommt er alles nicht mit. Stur hält er an seiner festen Ideologie von Moral, Werten, Funktion, Anstand, Ordnung und Gesundheit fest – will alles andere Leben, jedes fremde Glück, dem seinen Sinn (davon) unterordnen. Der Film schneidet so wie kein zweiter an jeglichem vorhandenen Faschismus in der Welt, wenn er diesen als in erster Linie Willen zur Macht offenlegt. Als brutale Bestimmung über andere Menschen.

Leider schaden dem Film diverse grottenschlechte Performances, unpassende Charakterkonstellationen und nicht nachvollziehbare Wandlungen, wie die der Mutter vom White-Trash-Klischee zur Vorzeige-Kleinstadtlady. Zudem wurde die Einführung Clifford’s als Nazi lächerlicher Weise mit Hitlerreden unterlegt.
Der Nazi wurde von Michael Dolan dargestellt, der später eigentlich nur mehr als „Dick“ in der Neuverfilmung von „Lolita“ auffiel. Schade.

Rating 8.5

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