Weiterer Kommentar zur (Anti-)Ästhetik

Im VDVC-Forum: ‚Ich finde solche Artikel eigentlich immer überaus mager und enttäuschend: es ist zwar gut wenn mal darauf hingewiesen wird, dass Gewaltdarstellungen auch schön sein können, aber beim „Stigma populäre Medien“ und Gewalt geht es für mich überhaupt nicht darum – eher ganz im Gegenteil um ein Zugeständnis von Ekel und Abscheu, also weit eher um Antiästhetik als Ästhetik bei etwa Videospielen. Darum, dass das Potential oder die Realität von Antiästhetik in Videospielen endlich einmal anerkannt wird.
Wenn einer Figur der Kopf blutig weggeschossen wird, dann ist das tendenziell jedenfalls eher Gewalt(darstellung) und für Folgerungen relevant als wenn auf den Kopf einer Figur nur gesprungen wird damit diese aus der Spielwelt verschwindet. Da können dann gleich eine Myriade kultureller Sauberkeitsvorstellungen zum Tragen kommen. Und da spielen unglaublich viele sozioökonomische sowie politisch-historische Verdrängungsmechanismen eine mehr oder weniger große Rolle: „Gewalt“ wird erst dann als zum Beispiel ästhetisiert überhaupt moniert, wenn sie sichtbar gemacht wurde. Ansonsten heißt es vielmehr indirekt quasi „aus den Augen aus dem Sinn“. Niemand weiß was genau mit den einfach verschwundenen Figuren geschehen ist, Gewalt wurde nicht „konsumierbar“ gemacht – und aus – keine Gewalt mehr vorhanden. Da wird dann gar nicht mehr weiter darüber nachgedacht. Und bestehen bleibt so immer nur das Gute und Schöne
Wenn auf eine Figur à la „Sniper Elite V2“ in Zeitlupe geschossen wird, so dass per Röntgenaufgnahme sogar zu sehen ist was in deren Körper durch den Schuss alles womöglich geschah, dann wäre das jedoch so eine Ästhetisierung, perfider Weise angeblicher „Selbstzweck“, bis hin zu regelrechter „Gewaltpornographie“. Anstatt dass sich einmal überlegt werden würde womit so eigentlich konfrontiert wird, und weshalb es besser wäre würden solche Bilder ausgespart werden. Sich gefragt wieso das eigentlich schön sein sollte usw.
Der Betreiber dieser Seite früher meinte einmal, dass er ein altes „Aliens vs. Predator“ nicht WEGEN sondern TROTZ des Splatters darin gespielt hätte. Zwar könnte das als Argument gegen Gewaltdarstellungen genutzt werden, aber es ist eben auch in antiästhetischer Hinsicht brauchbar. Ich behaupte: die allermeiste Gewalt die häufig beanstandet wird, wird in Videospielen nicht „wegen Gewalt“ integriert, um Gewalt affirmativ zeigen zu können, sondern zu deren Trotz. Sogar um ihr zu widersprechen. Und die Funktionalität von Splatter und Gore, eines unmittelbaren Blicks auf Wunden, wird so für gewöhnlich theoretisch keineswegs thematisiert. Das bleibt dabei völlig offen oder wird weiterhin überaus einseitig betrachtet. Und wieso das so ist kann etwa anhand anderer negativ(isiert)er oder häufig tabuisierter Inhalte gezeigt werden:

Der Komiker Kyle Bosman, den ich ziemlich einsichtig finde, rezensierte kürzlich zum Beispiel einen selbst mir nicht bekannten Wii-Titel, ein vermeintliches „Kinderspiel“ in dem sich die allermeiste Zeit übergeben werden kann. Das Erbrochene ist dabei mit einiger Begründung sogar die Hauptattraktion des Spiels für den Rezensenten gewesen. Hier der Link, für alle welche die Werbung dort ertragen: http://www.gametrailers.com/videos/3etzkh/the-final-bosman-every-dog-has-its-day
Die Frage ob der Rezensent nun das Erbrochene schön findet wird sich da gleich viel weniger als bei der „Gewalt“ stellen, auch etwa ob er einen Erbrochenenfetisch hat usw. Es ist da vielmehr klar, dass das mit (angloamerikanischem) Humor zusammenhängt, der häufig auf Körperveränderungen und -ausscheidungen hinausläuft. Schließlich gab es schon bei den „Rittern der Kokosnuss“ von Monty Python Splatter. Während die englischsprachigen Schimpfwörter meist sexuell sind. Dass das natürlich inkompatibel mit einem stereotyp biederen deutschen Humor ist, obwohl ich mir bei dessen Biederkeit angesichts historisch-volkstümlicher Filmwerke wie „Klein Erna auf dem Jungfernstieg“ (1969) gar nicht mehr so sicher bin, ist keine Frage. Hierzulande im deutschsprachigen Raum ist es ja eher umgekehrt: sind die Schimpfwörter auf Fäkalien bezogen und der Humor ist, siehe die unzähligen sexistischen Herrenwitze, sexuell konnotiert.

Ich fasse kurz zusammen: das Potential zur Antiästhetik wird dabei weitgehend ausgeblendet, etwa weil es sich bei Videospielen um kommerzielle Unterhaltungsprodukte handeln würde welche dieses diskriminierender Weise normiert nunmal nicht hätten, sondern vorgeblich immer nur gefallen wollen würden, Spaß machen etc. Doch wie sehr schränkt dieses Denken ein, wirkt unterdrückend oder zurückdrängend?
Mehr noch: leistet sogar (weiterhin) vor allem Pathologisierungen Vorschub, auch wenn eine Schönheit von Gewalt manchmal halt doch mit eingeräumt wird. Was wäre nämlich wenn die explizite Gewalt, falls vorhanden, wirklich immer nur – wenn dann – „schön“ sein könnte, ein ästhetisches Moment hätte: Gewalt könnte gar nie mehr negativ verwendet werden, sondern wäre nach dieser interpretativen Umkehr zumindest in Medien wie Videospielen, denen sowieso schon ein anderer Unterhaltungswert nur zugestanden wird als einer Plastik oder einem Libretto, höchstens „schön“ (schlecht). Wie, siehe den Spiegel von zuletzt, „brutal gut“. Mich interessiert es dabei jedenfalls eigentlich gar nicht, ob jemand Gewalt oder Erbrochenes schön findet. Ich kann das sowieso nicht ändern, also auch nicht wenn ich es dabei etwa „pervers“, „das Letzte“ oder sonst was finden würde. Und ich kann gedankenpolizeilich eigentlich auch nicht in die Köpfe Fremder blicken, um herauszufinden wie „krankhaft“ diese wären. Geschweige denn dass ich das wollte oder etwas (dadurch) ändern –
Mir geht es vielmehr darum, dass Ekelhaftes ekelhaft bleiben darf und nicht künstlich und brutal schön geredet wird – mein Werturteil und meine Interpretationen oder das und die diejenigen Anderer erhalten bleiben können. Dass einem „Manhunt“ in dem sich übergeben wird genau so wenig üble Dinge und Absichten unterstellt werden wie einem „Salò“, also etwa dass das Üble doch nicht als Übel gemeint wäre, nur weil das eine Werk ein kommerzielles Videospiel, und das andere ein Autorenfilm ist.‘

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