Neuer Kommentar zu Phil Fish, Marcus Beer, Jonathan Blow und Co.

Im VDVC-Forum: ‚Ich denke die Verbreiterung des Videospielpublikums, also das Videospielen für alle, wird gerade bei diesen Unabhängigen jenseits üblichen Kommerzes noch zunehmend dazu führen, dass immer verächtlicher auf andere aktuelle Entwicklungen (herab)geblickt wird. Denn zwischen all dem verlegenen Gelächter in dem Video vermag ich nämlich doch vor allem nur eines zu vernehmen: bloße Verachtung. Dafür brauch ich kein Godard sein.
Um zu wissen dass gerade das mitunter schon deren „Kritik“ (jetzt) ausmacht, denn auch die Exposés eines „Star Trek“ oder „Star Wars“ sind nunmal keine Salzburger Festspiele, kein Bayreuth und kein Bernd Neumann auf einer gewissen Lola. Sondern eine Sache für „Nerds“, „Geeks“ oder wie die alle zu nennen sind welche zu dem und allem anderen, womöglich eben gar japanischen Gedöns sich dieser Tage auf meiner deutschen Lieblingsmesse sogar noch kostümiert in Bonn versammelt haben http://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/bonn/bonn-zentrum/Eine-quietschbunte-Wunderwelt-Kostueme-Shows-und-Filme-bis-Sonntagabend-article1107562.html

Dazu passt wohl, dass der Kolumnist Marcus Beer, über den ich schon öfters gebloggt habe, quasi im Handstreich die Entwicklung von „Fez II“ unabsichtlich gestoppt haben soll http://www.gamefront.com/did-phil-fish-just-angrily-cancel-fez-2-via-twitter/ Über das beliebte Twitter http://www.theverge.com/2013/7/27/4563738/fez-ii-abruptly-canceled-after-developer-phil-fish-explodes-in-rage Nachdem dieser sich in einem Podcast abfällig über den Entwickler geäußert hatte http://www.gametrailers.com/full-episodes/roj70m/invisible-walls-everything-and-the-kitchen-sink (ab der dritten Minute)

Dabei soll der Entwickler anscheinend dermaßen „unabhängig“ gewesen sein, dass er als Beleidigter gleich wirklich dazu imstande gewesen wäre, das heißt „Fez II“ gilt nun (vorerst) offiziell tatsächlich als eingestellt http://www.gamers.at/newsmeldung/beitrag/fez-ii-womoeglich-eingestellt-entwickler-dreht-videospielen-ruecken-zu.html
Nun kann sich sicher die Frage gestellt werden, wieso eine solche Koryphäe überhaupt auf einen Viacom-Kommerziellen hört.
Das Ergebnis dürfte jedoch gleich sein: es will sich in der Videospielindustrie von ihr abgegrenzt werden, weil viele ihrer Eigenschaften nicht mit den erwünschten öffentlichen Repräsentationen, einem forcierten Selbstverständnis, in Einklang zu bringen sind. Soll heißen: wo Brian Moriarty’s Rede über „röhrende Hirsche“ noch applaudiert wurde, kann sich bei manchen JRPG-FreundInnen damit halt (glücklicher Weise) immer noch auch verplappert werden. Auch wenn das, wie im Falle von Anita Sarkessian, der vermeintlich aggressiv-ignorante Videospielpöbel wäre, dem da am besten sowieso gleich die Abstimmungsmöglichkeit verwehrt werden sollte. Und auch ein Beer fordert in seinen erhitzten Reden schließlich stets „Normalität“ ein, so auch im verlinkten Podcast wieder.

Und vor einiger Zeit stieß Tom Bissell in ein ähnliches Rohr zu (wie hier japanischen) Exposés. Bissell, der „Gears of War“ offenbar intellektuell verbessern sollte: ich habe dabei in diesen letzten Sommertagen und -nächten versucht, nach dreieinhalb Jahren und in über 90 Stunden, „Final Fantasy XIII“ zu einem für mich glücklichen Ende zu bringen. Momentan stehe ich seit gestern im letzten Kapitel beim dritten Papst Barthandelus und bin kurz davor endgültig das Handtuch zu werfen. Wie dem auch sei: jedenfalls ist das ein Titel der selbst mir Familienwerte, Zuversicht und Vertrauen näher bringen kann. Und so ein Videospiel wie ich es aus dem Westen immer noch selten vorfinde. Soll heißen: eines voller narrativ-emotionaler Imaginationskraft, geprägt von Schönheit und einer für mich geradezu erotisierenden Ausstrahlung. Nur wird das auch eines sein wo für mich die „schlechten Dialoge“ eigentlich die richtig guten sind. Wo es nicht um Unterwürfigkeit, Kleingeistigkeit und soziale Normen geht.
Nicht um richtig oder falsch, während gerade bei den westlichen „Indies“ genau diese Titel, wie jene von Tale of Tales, weiterhin nicht die Oberhand gewinnen, oder auch nur goutiert werden. Siehe heuer etwa der schon wieder vergessen worden zu seiende Spiegel „Cart Life“, dem ich mich demnächst widmen will.
Manche Spiele wie „Thief“ oder „Deus Ex“ erlauben aus dem Westen zwar mehr Freiheit und geben auch keine eindeutigen Wahrheiten preis, keine einzigen Denkrichtungen, aber selbst ein „Mass Effect“ und „Dragon Age“ tut sich in meinen Augen noch häufig schwer, jene mitunter auch sehr komplexe Stringenz an den Tag zu legen, die in vielen japanischen Spielen – von „Nier“ bis „BlazBlue“ – mit Leichtigkeit geschieht.
Gerade Titel wie „Fez“ oder „Braid“, der prätentiöse Zeitpuzzler, sind für mich in erster Linie technizistische „Logikübungen für die Leistungsgesellschaft“, die auch in einen gewöhnlichen Physik- oder Mathematikunterricht passen würden. Ihre Humanität und/oder Story ist/sind, falls überhaupt vorhanden, aufgesetzt. Doch ich fürchte bekommen sie gerade deshalb auch ihre Vielzahl an Auszeichnungen, Preisregen, weil genau diese vorgebliche Liebe, aber tatsächliche Lieblosigkeit im Herzen in den Zeitgeist passt. So wie in der Filmwelt der letzte Haneke-Film die Liebe bloß im Titel trug.

Auch wenn sie technisch noch so beeindruckend oder objektiv ergiebig sein mögen. Bezeichnender Weise scheint mir auch Alexander Bruce mit seinem Spiel früher im Jahr, ähnlich wie das deutsche „Trauma“, nicht „richtig“ angekommen zu sein, weil er damit zu sehr verwirrt oder irritiert hat, weil auch dieses Spiel, ich spreche von „Antichamber“, nicht in das Konzept einer intuitiven Funktionalität passte, das heißt trotz seiner technischen Natur relativ schlimm war.
Vielfalt als Vorgabe und Einbildung. Und so meine ich zu einem „Hitman“, den ich früher (mit) als gewaltverherrlichend verachtet hätte, wo ich vorurteilsmäßig wie Blow etwa auch nur einen Typ mit Schusswaffen gesehen hätte, schon mehr zur Human Condition lernen zu können, als in seinem Puzzlespiel. Ganz einfach weil dort wirklich etwas auf dem Spiel steht.
Denn gerade etwa ein „Journey“ halte ich auch inhaltlich für überaus rückwärtsgewandt, referiert nicht einmal die oft nur bitter-erbaulichen Grundlagen der europäischen Moderne, wie Proust oder Joyce, sondern ist vielmehr eine bildungsbürgerliche Entwicklungsgeschichte zum vermeintlich Besseren hin. Einem Besseren das für viele vielleicht gar nicht vorgesehen ist. Videospiele als Beschönigungen von Leben und Welt, gegenüber die mir ein „Halo“ geradezu wesentlich spiritueller erscheint. Sogar ein „Medal of Honor“ oder „Sniper Elite“. (Dieser Beitrag ist die vollständige Neufassung eines älteren.) -‚

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2 Antworten zu Neuer Kommentar zu Phil Fish, Marcus Beer, Jonathan Blow und Co.

  1. Arbol01 schreibt:

    Wow, hat noch keiner einen Kommentar verfasst? Na egal. Zum Artikel:

    Ich oute mich mal als Fan von solchen Spielen (Braid, Antichamber, Fez, Portal, Trauma, Prey, Limbo, The Path, The Bridge, … ). Pyri meint, solche Spiele seien „fingerübungen“ für den Physik- bzw. Mathematikunterricht respektive Informatikunterricht.
    Spiele dieser Art sind mehr. Sie bieten jedem, der es sehen will, die Möglichkeit, seine Sicht von der Welt in Frage zu stellen. Bestes Beispiel ist Antichamber, bei dem man, wenn man es bis zum Schluß durchgespielt hat, erkennt, warum der Titel eigentlich Anti chamber heißt. Oder Trauma, wo sich der Programmierer sichtlich die Mühe gemacht hat, die 4 Orte so zu gestalten, das immerhin ich mich gefragt habe: „Das kennst Du doch – Hier warst Du schon“!
    Ich habe z.B. auch Half-Life 2 gespielt. Das ist im Grunde ein Roman, durch den man sich „durchquälen“ kann. Alles ist schon vorgegeben. Aber erst dadurch, das ich gecheated haben, das ich mir alles aus anderen Positionen angesehen habe, hat sich für mich eine neue Sichtweise eröffnet.
    Der Autor sucht Liebe? Wie soll er sie in einem Audiovisuellen Medium finden, falls er sie nicht schon in sich selbst hat.
    Es gibt Filme, bei denen ich geweint habe, wie etwa bei „Powder“, oder bei „Animalfarm“ (der Zeichentrickfilm. Wenn ich Gefühle auslösen möchte, dann höre ich Musik (Peer Gynt, Adagio für Streicher, Rhapsody über ein Thema von Paganini, …)

  2. Arbol01 schreibt:

    Als Nachtrag noch etwas Goethe:

    „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
    Des Menschen allerhöchste Kraft,
    Laß nur in Blend- und Zauberwerken
    Dich von dem Lügengeist bestärken,
    So hab ich dich schon unbedingt!“

    Wenn auch die Naturwissenschafte und die Mathematik nirgendwo anders hinführen als wieder zu den Naturwissenschaften und der Mathematik, so sind sie doch eine wichtige Grundlage.

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