Kommentar zu Leigh Alexander

Via dem VDVC-Forum: auf Gamasutra für „eine bedeutungsvollere Kultur“ (folgende Zitate genommen von Seite 5 und 6).
Auch wenn ich etwa in Hinblick auf den positiven Einfluss von Feminismen und dem Potential kultureller Gegensätze zustimme, so ist der Text grundsätzlich doch wieder nur ein gutes Beispiel für einen normierten Kulturbegriff und eine einseitig idealisiert vorgetragene Sozialidee, welche zwar Inklusion und Alternativen das Wort zu reden meint, Videospielen und ihren PartizipientInnen in vielerlei Hinsicht aber eben doch keine andere Bedeutungen von Inhalten zugesteht, als sie „die Realität“ sonst vorgeben würde – ob sozial oder ökonomisch.

„Another sign that games are broadly representative of The System is their obsession with depiction, rationalization and defense of violence. Guns are iconic of one’s sense of privilege over another — I’m powerful because I can end your life. The whole idea of wielding a gun is bound up in racism and classism: If some poor person tries to take what’s yours, you can kill him, and if you were raised under American capitalism you probably have some problematic ideas about what that target who wants to take what’s yours looks like.“

Das System über welches da gesprochen wird erscheint mir schon deshalb als sehr einseitig, weil es das eigene Sprechen ausnimmt: selbst ich hier spreche auf WordPress im Rahmen eines solchen. Und meine Beiträge sind längst nicht so prominent platziert wie auf Gamsasutra.
Die Obsession einer Rechtfertigung von Gewalt erkenne ich – siehe meine jüngsten Beiträge zu „The Last of Us“ – zwar auch als problematisch an, zumindest was manchen narrativen Kontext angeht, betrifft eine klassische Spielsituation wie den kompetitiven Multiplayer jedoch kaum: im Gegenteil ist die „Waffe“ dort zutiefst egalitär. Mag sein ähnlich wie sie die US-Verfassung theoretisch garantiert, aber der angesprochene Kapitalismus wieder unterläuft. Nur sind die Möglichkeiten und Gelegenheiten, also die Opportunities, in Videospielen halt wirklich andere. Mit Ernst hat das vielleicht wirklich nicht viel zu tun – es ist eher eine Karikatur – aber das sind auch Videospiele wie „Thirty Flights of Loving“, welche ganz andere Zugänge zu Waffen darstellen.
Alexander scheint das völlig bewusst und absichtlich zu verkennen, sowie sie auch nicht die Opposition der NRA zu Videospielen erwähnt, oder eine eigene Ideologie welche hinter dieser Ausblendung steht nicht berücksichtigen zu wollen scheint – soll heißen: sie spricht zwar von Macht und der Gewalt bei Taten, aber nicht von Ohnmacht und der Gewalt bei Opfern. Kein Chauvinismus wird schließlich, wie es in Videospielen selbstverständlich ist, einer anderen Seite eine Waffe in die Hand drücken (wollen).

‚And yet video games continue to lavish upon shooting — insistently, while “gamer culture” militantly defends it. In some circles of “gamer culture,” players are actually motivated to hate speech at the very idea that you might try to take their guns. This is worse than the most strident caricature of a shotgun-toting conservative — these are young people upset about virtual guns, with the gall to liken it to a free speech issue, no less.‘

In Videospielen wird nicht nur geschossen, sondern auch gerast und mit Schwertern umgegangen. In GTA kann als stereotypes Videospiel-Negativbild der Dienst einer Prostituierten in Anspruch genommen werden, nur um sie nachher zu überfahren. In manchen Spielen kann sogar wie Superman ohne Flugzeug geflogen werden – Videospiele ermöglichen solche Grenzüberschreitungen, im positiven wie im negativen Sinn, und sind, wie andere populäre Medien auch, häufig wohl gerade deshalb sehr beliebt.
Dafür wie ein loyaler Soldat einzustehen woran geglaubt wird ist auch nicht unbedingt negativ, obwohl Militanz auch auf eine Stur- und Verschlossenheit hindeuten kann. Besonders bedenklich ist die Rede davon hier nur deshalb, weil sie bei Gewaltdarstellungen wohl auch mit Gewaltbereitschaft in Zusammenhang gebracht werden soll(te) und eine eigene Opposition zum Militär zum Ausdruck bringen…

‚It’s not that culture isn’t allowed to include pointless entertainment, silly moments you can live in and then forget; of course it can. But the fervent prizing of “fun” is controlling the commercial game industry, and helping defend the corporate menu of aim-and-shoot is probably the single biggest way to ensure that games will never really mean anything to anyone, will never change lives or create memories. As long as we pretend games exist in some vacuum that has nothing to do with what happens in the rest of the world, we’ll never have a culture worth talking about.‘

Während dieser Absatz wiederum zeigt wie da eigentlich gedacht wird: „Schießen“ wird wenn dann nur als mehr oder weniger geistlose Handlung hingestellt, ohne Anliegen, sowie „Bedeutung“ und letztlich auch Denken gegenüber gestellt – zusammen mit einer dementsprechend gedachten Kommerzialität. Doch wer unterstellt da den „Spaß“ eigentlich?
Der „Spaß“ muss gegenüber einem Ernst ja nicht stimmen, geschweige denn BEstimmen: der Film hat es spätestens seit Chaplin geschafft beides zu verbinden und ich glaube auch Games ist das bereits längst gelungen. Darüber hinaus braucht doch nicht einmal geglaubt oder gemacht werden was sich da so erwünscht wird. Gerade der Umfang vieler großer Videospiele ermöglicht da teils enorme Freiräume: in „The Last of Us“ ist ebenso Platz für Humor wie in „Epic Mickey“ für ernste Momente, welche da ja schon scheinbar gleich abgesprochen werden. Sogar über Leben, Wert und Erinnerungen mag dahingehend bestimmt werden, wobei dafür wieder auf ein „uns“ Bezug genommen wird.

„It’s unfortunate that games are, again and again, trotted out to play the scapegoat for wider problems in cultures. We’re all outsider kids who’ve been wanting a safe place, and continually being told we’re problematic, hateful or meaningless is painful, and it makes people understandably defensive. But why don’t fans defend the right things, instead of those games that mainly exist to make rich men richer, to exploit them as a market category?“

Ja weshalb wäre das dann überhaupt noch „unglücklich“, schlägt die Autorin doch eine ähnliche Kerbe der Annahme von Aggressivität wie Hassreden und politischer Auslieferung etc. vor? Hätte dieser „Schmerz“ demnach nicht vielmehr den Sinn doch mehr „Bedeutung“ zu schaffen? Wenn doch nur die „falschen Sachen“ verteidigt werden würden? „Wir“ sind gar nichts und „uns“ wird auch nichts erzählt, möchte ich dem „aggressiv“ entgegnen…
Immer wenn in solchen Texten davon die Rede ist entlarven sie sich meiner Meinung nach selbst, weil sie über Gemeinsamkeiten sprechen von denen sie nicht im Geringsten auch nur irgendeine Ahnung haben können – über die eigene Sozialität der jeweiligen AutorInnen hinaus. Doch darin besteht wohl auch ihre manipulative Kraft: die veröffentlichte Meinung welche EA populistischer Weise zur schlechtesten Firma Amerikas gewählt hat, hat dabei auch kaum die Absicht reiche Männer noch reicher zu machen. Ebenso wenig all jene die über „Call of Duty“ oder „FIFA“ schimpfen, lieber „DayZ“ oder „PES“ spielen. Bleiben also fast nur die übrig, welche etwa Sony lieber als Microsoft haben, einen Konzern bevorzugen, aber selbst die werden dem anderen keinen Erfolg gönnen. Und wiederum jene die alles Mögliche zu unterstützen scheinen, offensichtlich gerne Videospiele spielen und sich (deshalb, trotzdem, oder gar nicht deswegen?) homophob, rassistisch oder misogyn äußern und dann womöglich erst zu (typischen) „Gamern“ erklärt werden, können gut und gerne auch selbst bereits zu den Wohlhabenden und Privilegierten gezählt werden.
Die Autorin kommt scheinbar gar nicht auf den Gedanken, dass jene die Megaseller vielfach kaufen es vielleicht nicht einmal im Traum einfallen würde sich an solchen Debatten überhaupt zu beteiligen. Die partizipieren zwar auch im Videospielbereich, aber ganz woanders. Womöglich auch eigens „unter sich“.
Und die Abermillionen welche Activision „Call of Duty“, aber auch ein „Skylanders“, schon eingebracht hat, für solche Diskussionen eigentlich völlig unempfänglich sind – das Geld aber weit eher von genau diesen Leuten kommt als von jenen die als Negativbild für die Autorin noch so pöbelhaft irgendwo mal erschienen sind und seitdem ein Dorn im Auge. Das „Geschäft“ scheint sich von der „Kunst“ so auch längst verabschiedet zu haben, nur ohne dass Alexander das merken würde. Bei Massen die nicht Branchenzentren wie Gamasutra kennen, sogar noch nie etwas davon gehört haben: Leute die sich Hollywood-Filme ansehen brauchen schließlich auch nicht die Variety lesen. Doch genau das scheint bei solchen kulturellen Überlegungen stets übergangen zu werden – die Frage wen ein Gedanke an „Kultur“ gar interessieren könnte und wen derlei normierte Ideen über Intelligenz oder Intellektualität, ja vielleicht sogar schon „Hirn“, überhaupt betreffen mögen. Wie ausgrenzend das eigentlich alles selber ist – und das hat nichts mit Antiintellektualität zu tun, sondern weit eher mit einer nüchternen Aufklärung über bestimmte Verhältnisse welche diese Bestimmungen halt nur allzu gern ignorieren scheinen.

‚Culture means a shift, even temporarily, away from production values to actual values. What are video games if they can be made by “just anyone?” No less than what Nirvana was to me as a child discovering a guitar, creating a memory instead of just one more interaction with a hostile system.‘

Und wieder nein: Kultur braucht mit Werten überhaupt nichts zu tun haben, weder Produktionswerten noch „tatsächlichen“, geschweige denn mit gemeinsamen. Wie schon oben bei den „richtigen Sachen“ für welche sich bei Videospielen entschieden werden sollte, wird auch hier wieder ein völlig unbegründetes Wahrheitspostulat vorgenommen. Ein einziger Dezisionismus von „richtig“ oder „falsch“. Ein Entschluss der jeglicher Begründung entbehrt – nichts weiter.
Doch Kultur kann im Gegenteil etwas sehr Gewöhnliches sein das allen Menschen zuzugestehen ist, auch jenen mit denen selbst nur wenig verbindet. Doch gerade das ist mit Inklusion da ja nicht gemeint.
Und doch allein das würde ich auch unter Inklusion und Diversität nur verstehen, denn Inklusion bedeutet nicht Anpassung – genau so wenig wie eine Adaption zum Zwecke der Integration die Aufgabe von einem anderen Sein bedeutet, sondern vielmehr nur ein Auch-(mit-)Dabei-Sein ermöglicht. (Mehr) Lebenschancen. Dennoch richten sich solche Texte immer auch bestimmt gegen etwas, wie hier etwa das „Schießen“ (für sinistere Zwecke) oder eine bestimmte Ökonomie.
Denn eine andere Inklusion würde am Ende immer auch auf eine Anerkennung beim unerwünschten Anderen verweisen (müssen), nicht nur Akzeptanz und schon gar nicht einmal nur Toleranz. Bloß die eigene Intoleranz gegenüber zum Beispiel „Schießen“ und „Denken“ bleibt dabei außen vor und „Schießen“ wenn dann nur als geistlose Handlung akzeptiert, das heißt im Zentrum der Ausdrucksform eigentlich unerwünscht. Dort sollte besser anderes repräsentieren.
Und erneut zeigt sich, wohl vor allem über entsprechende Musik, die Vorstellung einer Subkultur zu der von Games, welche das Gaming aber nunmal nicht ist. Wie Musik oder Literatur mag es vielfach daraus bestehen, aber es setzt sich bestenfalls höchstens aus Subkulturen zusammen. Auch der Film: wer zu Robert Downey Jr. als „Iron Man“ ins Kino geht, muss von Michelangelo Antonioni noch nie etwas gehört haben. Und deshalb trotzdem keinen kulturellen Nachteil erleiden, nur weil damit nicht diesen gewissen sozialen Bildungsidealen entsprochen wird. Idealen die weit eher auf klassistische Exklusionen hindeuten, vielleicht sogar darauf beruhen: all die nach Bourdieu „kleinen Unterschiede“, welche – geht es anscheinend nach der Autorin Leigh Alexander – durchaus auch größer ausfallen dürften…

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