Weitere Erklärung zu „Tom Clancy’s“

Nachtrag zum Kommentar auf den Spiegel-Artikel. Und in Ergänzung zu meinen Clancy-Ausführungen im August: abgesehen von tatsächlichen Clancy-Adaptionen in den 1980er Jahren sind seitdem nur die wenigsten Videospiele nach Clancy-Romanen erschienen. Wenn ich mich nicht sehr irre gab es nach dem originalen „Rainbow Six“, das wirklich noch eine Clancy-Versoftung war, in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten nur eine einzige Ausnahme, nämlich das „Rainbow Six“-Spinoff zu der ihrerseits aus politischen Gründen massiv abgeänderten Hollywood-Adaption von „The Sum of All Fears“ 2002 (deutsch „Der Anschlag“), mit Ben Affleck und Morgan Freeman am Cover. Beides nicht unbedingt Vorzeige-Republikaner oder Teepartei-Gänger, aber wer weiß was der Spiegel zu denen meint…
An große weitere Verfilmungen war in den letzten Jahren wohl eher auch nicht zu denken. Und eigentlich ebenfalls nicht an Videospiele: sonst behauptet der Spiegel am Ende noch, dass hinter Yves Guillemot eigentlich Clancy stand. Nein: eher das Gegenteil ist der Fall, denn Ubisoft hat dessen Studio, das ursprünglich „Rainbow Six“ entwickelt hat, 2000 selbst aufgekauft und produziert seitdem unter der Marke „Tom Clancy’s“ verschiedene Titel in diversen Studios überall auf der Welt – von Shanghai bis Bukarest. Es gibt weder einen „Ghost Recon“- noch einen „Splinter Cell“-Roman von Herrn Clancy. Auch den kürzlich auf Android und iOS reaktivierten „Endkrieg“ „EndWar“ nicht. Ebenfalls keine „H.A.W.X.“ in Buchform aus seiner Feder. Und schon gar nicht den kommenden Next-Gen-Blockbuster „The Division“ aus Schweden, welcher auf der letzten E3 Furore gemacht hat. Ubisoft hat sich mit „David Michaels“ sogar einmal ein eigenes Pseudonym für Novellisierungen von „Clancy“-Spielen ausgedacht.
Bleibt die Frage wieso Ubisoft immer wieder „Clancy“-Spiele herausbrachte.

Nun, mit dem Namen Clancy werden nicht wenige Menschen, wohl vor allem männliche Wesen mit Hang zu entsprechenden Affinitäten, eine ganz bestimmte Ästhetik der Waffen- und vor allem Spionagetechnik verbinden, während seine politischen Ansichten zumindest am Anfang noch eher im Hintergrund standen. Berühmte Clancy-Figuren, wie der auf der Leinwand anfangs von Harrison Ford dargestellte „Jack Ryan“-Charakter, kommen in den anderen Ubisoft-Spielen nicht vor.
Auch typische Clancy-Marotten, wie seine abwertenden Vergleiche zwischen US-amerikanischen und europäischen Lebensstil, bis hin zu Tischgewohnheiten, spielen bei Ubisoft keine Rolle – kein Wunder, bei einem frankophonen Konzern. Das in den Videospielen transportierte Weltbild ist auch nur rudimentär proamerikanisch ausgeprägt – von der oft bedrohlichen Dualität mit Europa, welche Clancy’s Schreiben vielfach durchzog, ist praktisch nichts zu spüren. Im Gegenteil erfand Ubisoft zuletzt seltsamer Weise immer wieder diverse rechtsgerichtete Feindbilder im Amerika seiner „Clancy“-Spiele, welche mit bürgerlichen Idealen auf den Lippen an (paramilitärischen) Verschwörungen in den eigenen Reihen arbeiteten – angefangen mit der „John Brown’s Army“ in „Splinter Cell – Double Agent“ 2006, oder für ein von langer Hand vorbereitetes, neues „Rainbow Six“-Spiel auch mit bösen „Patrioten“ versehen. Schließlich durften nach 9/11 schon in der „Sum of All Fears“-Verfilmung keine Islamisten aus dem Buch auftreten und mussten irgendwelche Nazis (wieder mal) als neues altes Feindbild herhalten – ich erinnere mich noch gut daran, als ich damals hierzulande im Kino saß: während in Wien gerade die rechtsrechte Regierung an den Schalthebeln der Macht gesessen war.
Unter dem Eindruck politisch „korrekt“ auftreten zu sollen wird penibel vermieden vielleicht antikommunistisch oder islamophob zu erscheinen – was auch immer der Spiegel über „böse Russen“, oder Frau Schiffer aus Erlangen über China in Videospielen erzählen mag: die meisten Videospiele-Titel sind politisch tatsächlich (leider!) fürchterlich langweilig und erfinden lieber selbst die abstrusesten SchurkInnen, bevor sie sich an eine Darstellung der realen Welt trauen würden.
Die Politik und Gefahr einer Welt um die es dem „echten“ Clancy vielleicht irgendwo doch ging, die Werte und die Verantwortung an „roten Linien“ angesichts von etwa „Kinder-Vergasungen“ in der heutigen Zeit, moralischen Grenzen von welchen etwa ein Bill O’Reilly unlängst bei Jon Stewart nachhaltig schwadronierte (ein äußerst sehenswertes Zeitdokument), dafür schien Ubisoft ethisch keinen Platz zu haben.
Gemeinsam ist eher, ähnlich wie bei „Call of Duty“, „Medal of Honor“ oder John Milius‘ „Homefront“, nur ein positives Militärbild in dem Militärs eher Opfer (ihrer selbst und höherrangiger) als Täter sind. Anders als Milius es in „Homefront“ gezeigt hat, dürfte Clancy – nicht nur der Spiele die in seinem Namen entstanden sind nach zu urteilen – futuristischer Technik jedoch deutlich aufgeschlossener gegenüber gestanden sein.
Dennoch haben die zunehmend rechtslastigeren Politisierungen des Autors meinem Vernehemen nach nicht wenige eingefleischte Clancy-Fans entfremdet – schließlich vertrat Clancy, wie der Spiegel durchaus richtig skizzierte, eine sogar noch zunehmend reaktionäre Politik die sich kein Medienkonzern heutzutage eigentlich mehr leisten kann.
Dahingehend ist es sogar möglich, obwohl ich das für sehr unwahrscheinlich halte, dass Clancy selbst von „seinen“ großen Spielerfolgen in den letzten Jahren in Wahrheit keinen Cent mehr gesehen hat und sich das Franchise vom Autor längst loslöste – unter Einhaltung von nur wenigen bestimmten Vorgaben. Doch leider ist die Informationslage zu Herrn Clancy überhaupt sehr dünn – bis zu seinen politischen Auftritten vor einigen Jahren galt er mit einiger Begründung sogar als literarisches Phantom.

Als Marke dürfte „Tom Clancy’s“ jedenfalls irgendwo zwischen „Walt Disney“ und „Colin McRae“, damals bei Codemasters, anzusehen sein. Nach dessen Tod dauerte es bekanntlich nicht allzu lange bis der Name des weltmeisterlichen Rallye-Rennfahreres aus „DiRT“ verschwand, während die Ästhetik von Disney sicherlich zeitlos ist.
Bleibt die Frage wie zeitlos Ubisoft nun meint dass „Tom Clancy’s“ es wäre, und wie sie mit seinem Erbe weiter umgehen werden (müssen, können, oder eben nur noch dürfen)

Update: in einem Joystiq-Artikel von 2008 wird spekuliert, dass Ubisoft damals für das Namensrecht eine (einmalige?) Summe von bis zu 100 Millionen Dollar gezahlt haben könnte. Zu dem Zeitpunkt erschienen „Tom Clancy’s“-Spiele jedoch bereits fast ein Jahrzehnt lang bei Ubisoft.

Update 4. Oktober – Zusammenfassung im VDVC-Forum: ‚Ja, „Red Storm Rising“ (1986). Das mit dem „roten“ habe ich sogar überlesen gehabt ^^ Also einmal nennt der Spiegel das Rote-Oktober-Sequel dann „Der Sturm“, ein anderes Mal „Roter Sturm“, denn einen weiteren Roman als diesen mit dem Szenario gibt es von Clancy einfach nicht. Die tatsächliche Übertragung ins Deutsche hieß „Im Sturm“. Und der basierte eben auf dem Tabletop „Harpoon“, besser wohl: wurde davon inspiriert. Die New York Times behauptet dafür, dass das Militär Clancy-Videospiele adaptiert hätte (…) Aber das nur so nebenbei – keine Ahnung was die damit wieder meinen. Den Nachruf dort finde ich im Gegenteil zum Spiegel jedoch insgesamt sehr gut und auch sachlich/objektiver geschrieben: Ubisoft beschäftigte für eigene Novellisierungen jedenfalls ein Autorenkollektiv unter dem Namen „David Michaels“ http://en.wikipedia.org/wiki/David_Michaels_(author) Die einzige direkte Clancy-Adaption war nach „Rainbow Six“ meinen Recherchen zufolge nur „The Sum of All Fears“, ein Tie-In zum gleichnahmigen 2002er Hollywood-Film (Der Anschlag). Dass sie einfach irgendwas nehmen können und darauf dann „Tom Clancy’s“ draufschreiben wird aber sicher nicht gegangen sein: es wird bestimmt irgendwelche ideologischen und ästhetischen Regeln geben müssen, welche die Spiele dafür einzuhalten haben. Vor allem wohl technische Beschreibungen für welche Clancy berühmt geworden ist. Nur leider sind diese Vorgaben genau eben nicht bekannt. Fest steht nur, dass Clancy Ende der Neunziger seine von ihm mitbegründete Spielefirma Red Storm Entertainment an den Guillemot-Konzern verkauft hat. Genauer gesagt 2000 war das: acht Jahre später sollen dann endgültig Namensrechte an Ubisoft gegangen sein – für die kolportierte Summe von bis an die 100 Millionen Dollar. Die Hochzeit der „Tom Clancy“-Spiele war damals aber irgendwie auch schon wieder vorbei. Es wird zwar teilweise behauptet, dass Clancy persönlicher Ideenlieferant geblieben wäre, also etwa Figuren wie Sam Fisher noch selbst erfunden hätte, aber ich bezweifle das für die Zeit nach 2000 doch irgendwie stark. Vor allem wenn ich mir sein literarisches Schaffen seitdem ansehe, das politisch verbissener wurde – während die Spiele eher einen unverfänglich „korrekten“ Anschein geben wollten.‘

Update 6. Oktober: gestriger Versuch einer ergänzenden Erklärung zur „Motivation“ des „Überlaufens“ bei Tom Clancy – ‚(…) Es ist jedoch ein Unterschied ob jemand auf ein zeitgenössisches Hilfsmittel Bezug nimmt, oder ein Buch zu der Adaption eines Videospiels erklärt, obwohl es das zum Zeitpunkt des Erscheinens des Romans noch gar nicht gab. Der Artikel bezieht sich ja auf einen ganz anderen Film. Und videospielaffin dürfte Clancy schließlich immer gewesen sein. Bloß: vermutlich hat der heutige Spiegelautor auch nur im eigenen Archiv gekramt…
(…) Also soweit können die Motive gar nicht geändert werden, weil dann wäre es wieder ein ganz anderer Film geworden. Die Frage ist eben eher eine interpretative – aus welcher „Überzeugung“ heraus. Mit welcher „Loyalität“ oder Integrität wurde da übergelaufen. Bei Clancy wird das kapitalistische System bestimmt „besser“ dargestellt, als grundsätzlich „hoffnungsvoller“. Das ist aber etwas was sich so ein großer Film schon zur Zeit von Glasnost und Perestroika nicht (mehr) leisten konnte, auch abgesehen vom ganzen Anti-Antikommunismus im eigenen Land, weshalb im Film moralisch wohl verstärkt noch die Situation um Ramius‘ Frau hinzu kam. Was der friedensbewegte Peter Bürger nicht erzählt: es gibt auch einen Grund weshalb im deutschen U-Boot von Jürgen Prochnow kaum Nazis anzutreffen waren‘
In Anlehnung an einen Telepolis-Artikel von Peter Bürger. Vergleiche ‚Was ist „Zensur“?‘

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