Was ist „Zensur“?

Im Verhältnis von Raum und Zeit würde ich von „Zensur“ nur dann sprechen, wenn jemand oder etwas für eine Veröffentlichung absichtlich weggenommen wurde, in einer anderen aber sehr wohl anwesend oder vorhanden war.
„Zensur“ ist demnach formal immer negativ. Allgemein kann „Zensur“ dennoch als positiver Wert angesehen werden, den ich auch akzeptieren würde, also wenn etwa Kolonialismen aus Kinderbüchern entfernt werden um heutige Kinder nicht ohne weitere Einordnung mit Rassismus zu konfrontieren. Der Historizität solcher Werke Willen werden diese dann jedoch in ihrem Originalzustand auch erhalten und zugänglich bleiben, das heißt zumindest konserviert werden müssen – allein schon um die Vergangenheit in der sie dereinst mal geschaffen wurden und letztlich entstanden sind nicht zu verschleiern. Auch unbewusste Zitate wie aus dem Qur’an oder „Jedem das Seine“ nach deren Bewusstwerdung zu revidieren würde ich stets begrüßen.

In den Kommentaren auf SB.com wird nun aber unter Beifall behauptet, dass das was jetzt bei „Beyond – Two Souls“ offenbar veranstaltet wird kein Eingriff wäre, allein schon weil es vielleicht gar keine „unzensierte“ Version des Spiels veröffentlicht geben wird. Das wäre auch nach der von mir eingangs formulierten Definition richtig, doch nur dann wenn die Maßnahmen einheitlich ausfielen – was sie allem Anschein nach eben nicht tun werden.
Tatsächlich ist von „Zensur“ als Vorwurf zu reden praktisch immer problematisch. Denn Zensur begleitet jeden kreativen Prozess der in einer gesellschaftlichen Situation erfolgt. Keine Kreativen sind darin richtig autonom, sondern in Wirklichkeit auch immer selbst ZensorInnen, das heißt sie wägen ihre Äußerungen vielfach in einer Beziehung zum Rest einer Gemeinschaft in der sie leben ab. Ausdrucksformen unterliegen damit Moden ebenso wie dem verschwörungstheoretisch oft heraufbeschworenen Zeitgeist.
In der Zensurforschung hat dieser relativierende Umstand meiner Ansicht nach jedoch leider auch zu einer Banalisierung von Zensur geführt. Zensurmaßnahmen werden darin schon vielfach nicht mehr aufgegriffen, oder Zensur wird dahingehend trivialisiert dass von ihr nur mehr dann gesprochen werden will wenn sie autoritäre Organisationen ausüben.
Entscheidend ist hierbei wer am Ende wie zensiert: greift keine übergeordnete Macht aktiv in einen Prozess der Arbeit oder Publikation ein, aber sollen trotzdem gewisse Maßnahmen erfolgen, wird für gewöhnlich von „Selbstzensur“ gesprochen. Doch bereits dies ist fraglich, denn für den Eindruck ein Werk für ein bestimmtes Publikum euphemistisch zu „ändern“ oder an Verhältnisse „anzupassen“ bedarf es gewissermaßen bereits einer enormen strukturellen oder moralischen Gewaltausübung, eines fundamentalen Vorgangs der Einschüchterung – selbst dann wenn so getan wird als wäre dies keineswegs der Fall und würde dabei völlig „frei“ vorgegangen werden. „Selbstzensur“ ist damit immer auch fremdbestimmt und eigentlich nicht viel anders als staatliche Verordnungen.

Auch kann ein Zensurbegriff ideologisiert werden und einen nur ganz einseitigen Einsatz finden. (Fiktionale) Gewaltdarstellungen wären darin etwa kein Gegenstand von „Zensur“ (als etwas Negativem), weil diese sowieso „niemand“ Respektables wünschen wollen könnte und damit auch kein öffentlich berechtigtes Interesse an ihnen bestünde.
Ein solch ideologisierter Begriff findet sich in Abwandlung der deutschen Friedensbewegung auch bei Peter Bürger. Bürger tut etwa so, als ob „das Pentagon“ in Hollywood als Zensor bei Filmproduktionen auftreten würde. „Das Pentagon“ ist hierbei ein Haupt-Feindbild: der US-Verwaltungsapparat des Ministeriums tritt damit nicht nur als manipulativ, sondern auch eine Wahrheit unterdrückend auf. Grundlage dieser Sicht auf „das Pentagon“ ist hierbei wohl eine bestimmte Vorstellung von Politik, dass nämlich derlei Institutionen für das Gemeinwohl und die Wahrheit sorgen sollen, und wenn schon nicht für das dann doch bitte wenigstens für eine andere Truthiness als diese hier. Dass solche Instutionen auch eine Corporate Identity haben und Eigeninteressen verfolgen, akzeptiert Bürger scheinbar nicht.
Wichtiger ist jedoch, dass Bürger die gesamte ökonomische Situation in der große Filmproduktionen in der kapitalistischen Welt entstehen damit (absichtlich?) zu verkennen scheint. Denn schließlich sagte in keinem seiner Beispiele das Militär von sich aus etwas gegen Filme, sondern alle Filme wollten im Gegenteil etwas vom Militär haben (!). Angesichts der in den USA vorherrschenden Ausdrucksfreiheit wäre alles andere auch undenkbar: demnach legt Bürger lediglich eine Verweigerung finanzieller Unterstützung bei bestimmten negativen Darstellungen über das Militär als „Zensur“ aus, also dass militärische Einrichtungen ihre Interessen schützen und gegebenenfalls nicht mit Filmteams kooperieren, werden sie oder ihre MitarbeiterInnen in einem schlechten Licht gezeigt. Vielleicht dass sie dafür noch vor Gericht gehen würden und dort gegen die Filme klagen usw. Aber mehr auch nicht, das heißt wo die Machtsituation eigentlich auch mehr bei den Filmen liegt. Wie berechtigt oder moralisch das ist kann ich nun juristisch oder ethisch sicher nicht beurteilen, aber allein dass Bürger ansonsten etwa von „Kriegspropaganda“ spricht und weiterhin einen Kritikbegriff verwendet welcher „Kritik“ innerhalb solcher „Propaganda“ kategorisch ausschließt, zeugt davon wie einseitig er über Inhalte und Maßnahmen informiert. Da gibt es scheinbar keine anderen Interpretationsmöglichkeiten. Immer.
Und noch wesentlicher ist vielleicht sogar, dass das was da die „Zensur“ sein soll eigentlich immer technische oder logistische Hilfestellungen betrifft, welche (auch ohne Militär) viel Kapital erfordern. Kapital das etwa keine kleine deutsche Produktionsgesellschaft hätte, würde sie zum Beispiel das Bundeskanzleramt um Unterstützung bitten: für Produktionen die eben nur innerhalb des kapitalistischen Systems schon entstehen hätten können, und nicht nur aus Förderungen zu speisen wären. Und selbst dann wenn es noch die teuersten Medienwerke betrifft – oder wie soll so das aktuelle Beispiel „GTA V“ bei den Produktionskosten welche es selbst schon verursacht hat überhaupt noch den Kapitalismus „kritisieren“ können?

Kommentar auf GamePro.de: ‚Ich kann mir das eigentlich nur so erklären, dass die „Nacktheit“ der Figur Jodie Holmes im Spiel einen Tag vor ihrem 18. Geburtstag, oder so, erfolgt. Das wäre dann allerdings schon nachvollziehbar, denn nackte Minderjährige sind in den USA, noch dazu in einem erotischen Kontext, ein absolutes No-Go. Zumindest dann wenn unklar ist wer da jetzt eigentlich minderjährig war, denn Jodie Holmes ist physisch formal wohl eher nicht als Ellen Page anzusehen. Man erinnere sich bloß an die entblößten minderjährigen Brüste im hierzulande erst gar nicht veröffentlichten Ratespiel „The Guy Game“. Der Titel wurde umgehend ähnlich eingezogen wie in Deutschland 2009 ein „Wolfenstein“ – wegen einem selbstzensurtechnisch übersehenen Hakenkreuz. Problematischer finde ich da schon die PEGI-16-Drückung. Denn mittlerweile ist wohl zumindest klar, dass es nicht an der USK liegt. Die vielleicht sogar der US-Version auch eine Jugendfreigabe geben würde. Und damit die Frage ob das Beispiel Schule macht, denn gerade in der US-Filmindustrie sind Kürzungen von R-Rated-Filmen auf PG-13 für ein breiteres Publikum ja Standard.‘
Und beim Standard: ‚Die Frage ist eher was ein „Kriegsspiel“ ausmacht und ob es ein „Recht“ darin überhaupt geben sollte. Soll heißen: was in einer Simulation wie „ARMA“ vielleicht Sinn macht, auch wenn dort eine zivile Perspektive soweit
ich weiß doch eher immer noch ausgespart wird – „Battlefield“ und andere Militärspiele sind keine solchen Simulationen, Krieg so wie ich ihn verstehe ist darin höchstens am Rande in Form sterbender Babies akustisch wahrnehmbar – eher so wie im „Siebenten Kontinent“.
Und Titel wie „Spec Ops – The Line“ leben gerade davon, dass sie auch Gräueltaten zeigen und diese nicht nur wie ein „Global Conflicts“ aus einer Zurückhaltung heraus thematisieren, sondern wo sich auch selbst die Hände „virtuell“ schmutzig gemacht werden. Also welche sauberen „Kriege“ sollen da eigentlich gehabt werden?
Schließlich scheinen gerade solche Vorstellungen Kriege legitimieren zu wollen – und das kann ich nur überaus perfid finden, gerade angesichts der RK-Geschichte‘

Advertisements

Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
Dieser Beitrag wurde unter Almrausch-Urteile, Alternative Lebensweisen, Amerika, Arbeitswelt und Realismen, Chauvis, Deutschland, Freiheiten, Wirtschaft und Kulturelles abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s