Replik(en) auf Andreas Garbe

Bei „Stigma Videospiele“: ‚(…)
Ich stimme zu, dass es nicht in Ordnung ist dabei von „Lügen“ zu sprechen. Das stört mich auch immer. Es geht hier nicht um „richtig“ oder „falsch“. Vielmehr handelt es sich um unterschiedliche Interpretationen, Emotionen und politische Einstellungen. Der Nachrichtendienst neigt aber wohl grundsätzlich zu starken Verkürzungen und dort gibt es sehr viele Tags welche ich etwa für unverantwortlich halte –
Ökonomisch unwahr wäre es jedoch schon zu behaupten, dass „Modern Warfare 2“ in Deutschland unzensiert offiziell veröffentlicht worden ist. Und die Frage dabei ist vielmehr WO es dann so „grundsätzlich zu haben“ wäre. Und das kann eigentlich eben nicht mehr Deutschland sein, sondern betrifft zum Beispiel das europäische Umland, dann den EU-Binnenhandel usw. Also mit Importen etc. auch wieder ganz andere Freiheiten welche da indirekt zumindest angegangen werden. PC-SpielerInnen, und die Mehrheit hier sind (aus meiner Sicht leider) solche, haben dann auch noch Schwierigkeiten die Spiele im eigenen Land auf ihren Systemen freizuschalten – die müssten dafür oft schon Deutschland (extra) verlassen. Auch überrascht mich diese Interpretation von „No Russian“ nun doch sehr, denn in der Sendung wurde diese ja wohl von keiner Seite in der Form mitgeteilt. Dass die inkriminierten Inhalte über Verbrechen an einer Zivilbevölkerung hinaus auch noch anders gesehen werden können – warum also „der Reflex“ Videospielinhalte auf Verbrechen zu reduzieren. Oder anders gefragt: wo wird in der Sendung Gelegenheit gegeben Inhalte so interpretiert einer Öffentlichkeit auch verständlich werden zu lassen, dahingehend aufklärerisch gewirkt? Wo ist der rhetorische Geist wenn es um eine Befragung der eigenen Moralvorstellungen und einer dahingehend tendenziell doch überheblichen Ethik geht? Abgesehen von den üblichen Gamer-Rechtfertigungen à la „Spaß“, „Herausforderung“, „Taktik“ oder „Strategie“. Gerade etwa angesichts ernster zeithistorischer Debatten wie die „Freude“ der Bundeskanzlerin über das Ableben Osama bin Ladens, (andere) gezielte Tötungen wie sie in vielen Videospielen thematisiert werden – ein Selbstverständnis westlicher Sicherheitspolitik betreffend.
Schließlich wird hier auch „nur“ von unliebsamen Fiktionen gesprochen und wie verhält es sich mit „Gewaltverherrlichung, Gewaltverharmlosung“ und der „Verletzung der Menschenwürde“ wenn diese Inszenierungen mit realer Gewalt in diesem „Gewaltdarstellungsverbot“ zumindest ansatzweise doch gleichgestellt werden. Wo ist da überall ein (journalistisches) Gewissen vorhanden? Auch angesichts dieser Rechtslage – sowie letzten Endes: was wird dabei eigentlich unter „Kritik“ verstanden, ganz abgesehen entsprechender oder unangebrachter „Reflexe“.‘

Update 19. Oktober: ‚(…) Vielleicht habe ich etwas ungeschickt formuliert: ich meinte, dass die Verbrechen in den Spielen auch lediglich als solche wahrgenommen werden und eben keine anderen Interpretationen vorgenommen. Also keine „Differenzierung“. Es werden zwar viele (vermeintlich) positiven Dinge genannt, aber die negativen – wie etwa die Folterszene – bleiben auch nur als solche bestehen. Da gibt es wenn dann nur irgendwelche Rechtfertigungen. Und wenn schon keine Titel der angeblich „brutalsten“ Spiele genannt werden möchten, dann kann ich das hier so auch bloß verlängert sehen. Soll heißen: wieso die Spiele etwa „brutal“ gewesen wären wird nicht gefragt. Vordringlich ist wieder nur die Sorge um ein potentiell minderjähriges Publikum – Stichwort „Schulhof“.
Um ein aktuelles Beispiel mit der Filmwelt zu nennen: sowohl in „Beyond – Two Souls“ als auch in „Antichrist“ wirkte der Schauspieler Willem Dafoe mit. Würden im Videospiel jedoch ähnlich explizit seine Hoden zertrümmert werden wäre dies demnach wohl weit eher der Grund für eine (menschenrechtliche) Skandalisierung, wo zumindest nicht nur in Cannes in dem Fall von Film, sondern etwa auch im deutschen Feuilleton (noch dazu nach entsprechender Förderung) auch bestimmte Traditionen durchaus Berücksichtigungen fanden, und noch mehr ebenfalls zu bestimmten Einordnungen führten. Dass solche Handlungen im Film auch politisch-religiös als negative Antwort auf die Vorstellungen eines Tarkowskij zu deuten sind, Fragen von zwischenmenschlichen Körperbeziehungen betreffen etc. Weder Spiel noch Film muss dabei jemand (gut) leiden können, weshalb ich auch eindeutig für „Videospiele für niemand“ bin. Und nicht für „Videospiele für alle“, welche Minderheitenmeinungen von Vornherein ausgrenzen und das Diktat einer Gemeinschaft bilden möchten. Ich meine damit: in der beim ZDF hipp vorgetragenen Szene aus einem solchen Videospiel würde dahingehend lediglich der zertrümmerte Hoden als solcher erhalten bleiben, er wäre gewissermaßen bereits mehr der Tatbestand für ein Vergehen (eben schon in Richtung Strafrecht bei Gewaltdarstellungen). Alles andere würde schonmal überhaupt nicht zur Stimmung der Sendung passen, zum Vibe und Feeling welche sie verbreiten möchte, denn ein „Blick auf die Wunde“ (Stefan Höltgen) stört da nur. Wobei es mir persönlich nicht nur um affektorientierte Körperdarstellungen geht, sondern auch im übertragenen Sinn um die Wunden der Sicherheitspolitik einer Gesellschaft – wie eben etwa um die Folter.
Thomas Willmann nannte diesen Blick auf Gewaltdarstellungen allein jedoch einmal „pornographisch“ – siehe auch den Link unten. Und nachzulesen etwa in meiner Dissertation (155f.). Im Übrigen wollte ich hier nicht als Gamer reden und von Videospielen dahingehend auch nicht als Hobby, sondern halt Ausdrucksform. Und vielleicht ist die Reduktion auf eine Freizeitbeschäftigung diesbezüglich ebenfalls ein Problem, denn ein Hobbyist welcher in seiner Freizeit Dampfloks baut wird sich über deren Umweltverschmutzung mitunter auch keine Gedanken machen.
In der Medienwirkungsforschung wird darüber hinaus für gewöhnlich doch (auch) nur ein mehr oder weniger mechanistisches Wirkungskonzept verfolgt, dass etwa zwischen Kausalität und Korrelation bei seiner Wissenschaft am Menschen pendelt. Und wo genau in der Hinsicht von zum Beispiel Inspirationen überhaupt nicht gesprochen wird. Da interessieren auch nur Schulhöfe, „Kopfschüsse“ usw. Statistisch-empirische Informationen nach Befragungen. Und dies nicht allein bei den Leuten vom „Kölner Aufruf“: kaum jemand ist meiner langjährigen Erfahrung nach selbst im Journalismus gewillt viele Inhalte großer Videospiele anders als für „kommerziell“ und „dumm“ oder sonst was zu halten – da gibt es höchstens (auch) irgendwelche Rechtfertigungen, dass es halt doch irgendwo wen gibt der zum Beispiel „Kopfschüsse“ in Videospielen gerne hätte. Was auch immer mit dieser Feststellung gewonnen werden soll… Ausnahmen wie GTA bestätigen diese Regel, denn was bei GTA noch als „Kritik“ oder „Satire“ gelobt wird, wird im Umkehrschluss anderen wieder weggenommen. Konservative Familienbilder wie sie „The Walking Dead“ oder „The Last of Us“ verbreiten mögen etwa beim Spiegel noch „geliebt“ werden, dafür wird anderes als „Selbstzweck“ oder mit diversen Ismen bestraft. Es gibt im deutschen Sprachgebrauch bis hin zum Jugendschutz ja einen ganzen Katalog entsprechend unterscheidender Begriffe, von „gewaltbeherrscht“ bis zu diversen anderen „Verherrlichungen“. Weder Integration von, noch Freude an, (subjektiv gelungenen) Gewaltdarstellungen werden so (ästhetisch oder nicht) eruiert. Sie werden nur toleriert, akzeptiert oder halt nicht mehr (und dann verfolgt). Letztlich immer diskriminiert. Wobei zu behaupten, dass Videospiele nicht zu Amokläufen inspirieren könnten, ich mit Verlaub nur absurd nennen möchte. Alles Mögliche kann dazu führen oder (wesentlich) beitragen, jeder Mensch kann behaupten dass Videospiele ihn oder sie zu etwas verleitet, gebracht hätten und es kann deshalb schonmal nicht so „falsch“ sein dass Videospiele Verbrechen begünstigen können – dabei etwas (kategorisch) ausschließen liegt mir jedenfalls völlig fern und kann ich auch keineswegs nachvollziehen. Die Frage ist nur was die Gesellschaft daraus (einseitig) macht http://www.heise.de/tp/artikel/12/12679/1.html

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