Neue Kritik zur Wahrnehmung von fremdem Ausdruck am „Zeichenblick“

Kommentar: ‚Sorry, aber niemand kann noch wissen wie diese Geschichten letztlich ausjudiziert werden (würden). Diese Zweite Allgemeine Verunsicherung führt aus meiner Sicht deshalb vorerst zu nichts, wobei ich hier auch ein äußerst mangelhaftes historisches Bewusstsein wahrnehme. Da müsste sich zunächst einmal über rechtliche Entwicklungen in der Moderne unterhalten werden – von „Josefine Mutzenbacher“ bis Henry Miller, denn dass plötzlich ein Bouguereau irgendwo in unseren Breiten als „Kinderpornografie“ gelten würde ist allein aus kulturellen Gründen eher nicht anzunehmen. Schon ein Gustave Courbet war von der Brutalität einer Andrea Dworkin oder Alice Schwarzer schließlich nur wenig betroffen: Verfolgungen betreffen traditionell nur unliebsamen Ausdruck, welcher aus klassistischen oder rassistischen Gründen „unliebsam“ ist und dementsprechend zumindest inkriminiert werden möchte – wie Laura Kipnis schon vor Jahren etwa zwischen „Playboy“ und „Hustler“ nachgewiesen hat. Auch Louis Malle wird es nicht betreffen. Und die Schweiz hatte demnach halt einen eklatanten Nachholbedarf was die Regulierung einer sexuellen Ausbeutung von Kindern betrifft, denn praktisch überall auf der westlichen Welt und darüber hinaus ist bereits seit vielen Jahren auch der „besitzlose Konsum“ von derlei Darstellungen schon strafbar. Sie mag das verwundern. Mich nicht, denn die bloße Existenz solch zusammenfassender und alles über einen Haufen werfender Gesetze deutet für mich immer auf einen Mangel an Klarheit im Recht hin.
Und die „Lanzarote-Konvention“ hat eben auch Deutschland schon vor vielen Jahren jetzt unterschrieben. Dennoch haben etwa die Obersten Landesjugendbehörden dort einen in diesem Zusammenhang gern als „gefährdet“ genannten Videospiel-Titel wie „Dead or Alive – Dimensions“ in Abweichung von Resteuropa sogar schon ab 12 Jahren freigegeben. Die Unterzeichnung dessen Rechtssicherheit nicht verhindert.
Um die „Lanzarote-Konvention“ geht es deshalb nun wirklich nicht, so schlimm diese auch immer ist – wenn sie Siebzehnjährige taxfrei nicht von Sechsjährigen oder gar Säuglingen unterscheidet -, sondern wenn dann um bereits längst bestehende Verfolgungen in der Schweiz. Und eigentlich empören Sie sich mit diesem Artikel ja auch nur mit, wie ich eigentlich überall bei dieser angeblichen Agitation gegen die „Lanzarote-Konvention“ und die Schweiz in erster Linie Pornografiefeindlichkeit herauslese. Die Ablehnung einer darüber erfolgenden, vorgeblichen Bevorzugung derselben. In dem Fall schrieben Sie das pikanter Weise gewissermaßen ja auch schon…
Die gängigen Vorstellungen von Pornografie stellen Sie damit jedoch gerade nicht in Frage, sondern verlängern das womit Sie offenbar nichts zu tun haben wollen nur: nur damit enden die Verfolgungen halt nicht, sondern können eben durchaus auch erst anfangen.
Nun, „Pornografie“ gibt es als sexuellen Ausdruck für mich schonmal nicht. Das ist, wie Hermann Nitsch einmal sagte, eine Erfindung des Staates. Die Rede davon empfinde ich als nichts anderes als ungeheuer brutale Gewalt. Denn für mich ist sexueller Ausdruck wie Musik oder Literatur unverzichtbar, welchen „Bedarf“ Sie dabei auch immer sehen und unterstellen mögen. Für mich ist das nichts anderes als Ihr „Bedarf“ für diesen Blog.
Ich erinnere bloß daran, dass in der Schweiz nun schon vor Jahren von beiden Kammern ein „Verbot von Killergames“ beschlossen wurde. Dennoch sind „Killergames“ dort bislang irgendwie trotzdem nicht „verboten“? Und was sagt uns das?
Sowie: was sagt vor allem das bestehende Gesetz bereits aus, und warum hat sich dagegen bigotter Weise bislang noch kein „Bündnis für sinnvolle Rechtssetzung“ gebildet. Was auch immer da unter „sinnvoll“ verstanden wird – geschweige denn „Wirklichkeit“ oder „Fakten“, wenn ich mir die Internetpräsenz dieses „Bündnisses“ so ansehe: das Gesetz sagt, dass ich mich in der Schweiz nicht beim Pinkeln filmen dürfen sollte, und schon gar nicht einen solchen Film irgendwo dann ausstellen. Auch als Achtzigjähriger nicht. Als Video im Internet oder sonstwo. Mein Urin wäre so von staatlichem Interesse für die Schweiz. Und nicht weil sich darin Drogen oder sonst was nachweisen lassen würden, sondern weil dieser – im Unterschied zum „normalen Geschlechtsverkehr“, der demnach schonmal auch immer „weich“ vonstattengehen würde -, dermaßen unanständig wäre, so obszön dass er halt schon „harte Pornografie“ genannt werden wird. Einmal ungeachtet der Frage ob nicht auch schon etwa Sperma als Ausscheidung zu gelten hätte, und demnach in „weicher Pornografie“ ebenfalls nicht dargestellt werden dürfte. Die Schweiz bestimmt damit in jedem Fall über die Darstellung meiner Körperfunktionen.
Und wie kommt der Staat dazu? Ein Staat welcher demnach auch den „20. September“ von Kurt Kren verfolgen würde. Günter Brus dem Gesetzestext in Ihrem Artikel zufolge in der Schweiz nicht sicher wäre, weil er mal seine Notdurft vor laufender Kamera verrichtet hat und deren Antiästhetik ja von irgendeinem Gericht auch als „sexuell“ interpretiert werden könnte, zumal sie im Internet verbreitet wird.
Mich können diese Informationen bestenfalls amüsieren, für gewöhnlich ärgert mich diese Berichterstattung aber nur. Und diese Verärgerung wurde auch ohne Ihr Zutun in letzter Zeit schon stärker. Doch Sie reden unter anderem ja auch von der „Biene Maja“, wo vielleicht noch weniger Erotik drin ist als bei Kren. Und welches Gericht soll nun diese ahnden?‘

Einen ganz guten Artikel über die verlängerte rechtliche Situation in Deutschland gab es im Juni bei der ZEIT Beschluss auf openJur

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