Inhaltlich schwaches Weihnachtsgeschäft

Die Videospielindustrie hat ihr Pulver heuer schon im Sommer verschossen gehabt. Spätestens mit dem Release von GTA am 17. September war die Luft raus und der Spuk schon wieder fast vorbei, als voriges Jahr mit „Borderlands 2“ die Saison gerade erst eröffnet wurde. Und das alles trotz ab nächster Woche weltweit noch folgenden, historischen Konsolenstarts. Ein böses Omen?
Was werden die kommenden zehn Jahre nun bringen: wie konstituieren sich die beiden technisch schwachbrüstigen neuen Konsolen gegenüber den aufstrebenden Angeboten von Valve, Apple und Android? Wie viele Jahre können sie noch durchhalten und einen Massenmarkt bestimmen?

Ich fürchte vor allem Anbiederungen an eine zunehmend „kritischer“ werdende Öffentlichkeit, welche ihre negative Beziehung zu allem das bei Zeiten nicht in den Kram passt nur mehr schwer verbergen kann. Wo „Inklusion“ immer nur das eingeschränkt Liebsame meint, das Freundliche und Verlogene. Die Heuchelei einer besseren Welt. Und präpotente Typen wie Jim Sterling meinungsbildend sind, der ideologische Unterschied zwischen einem Bayerischen Ministerpräsidenten als Amtsträger und einem Spiele-Redakteur manchmal bereits kaum mehr auszumachen ist.
Selbst über David Cage’s letztem Spiel wurde im Rahmen dieser Situation nach seiner Veröffentlichung ziemlich üble Sachen gesagt – was Motivation und Intention angeht. Und teilweise war er vielleicht zwar selbst daran Schuld, aber das Gehate wohl auch der Beweis, dass der Vorwurf des „schmutzigen alten Mannes“ nie weit ist, wenn einer dementsprechend körperfeindlichen Politik erst Tür und Tor geöffnet wurde. Und Schuld daran sind zum Teil sicherlich auch die „Indie“-Produktionen, welche einerseits mit ihren oft ausdrücklichen Abgrenzungen als „Art“ die Verhinderung der gebührlichen Anerkennung eines Rests wie „Call of Duty“ erst verhindert haben, sowie andererseits Abstraktionen Vorschub geleistet, welche dem unmittelbar Konkretem in diesem Medium massiv schadeten.

Der Eigenschaft Vorschub leisteten, dass sich am Sinnbild eines röhrenden Hirsches nicht mehr als Kunstwerk erfreut werden kann – und diese aus anderen Ausdrucksformen übernommene Diskriminierung prekärer Weise noch als Fortschritt gefeiert wurde. Devs wie Producer mittlerweile wohl vielfach schon meinen auf eben diese Situation mit entsprechend Unverfänglichem reagieren zu sollen. Soll heißen: „Battlefield“ und „Call of Duty“ liefern nur mehr technisch ab, sie versuchen nicht einmal mehr inhaltliche Spannung zu erzeugen: statt provokanter Politik setzen etwa beide Military-Shooter an diesen Weihnachten voll auf den persönlichen Rückzug in ihren jeweiligen Narrationen. Bloß nicht anecken, nur nichts Streitbares über die Weltpolitik sagen! Ob mit Buddies, Hund oder Bruder. „Kriegsspiele“ ohne Krieg, dafür weitgehend nur mehr als Sport. Keine Folter – keine Provokationen. Kein Leid – keine Fragen nach einer Notwendigkeit im Nachhinein.
„Medal of Honor – Warfighter“ wurde vergangenes Jahr dafür schließlich gnadenlos abgestraft. Und auch das „Homefront“-Sequel wird bei Crytek dem ursprünglichen Spiel wohl kaum mehr ähnlich sein: doch Kreativdirektor Cevat Yerli hat auch einen Hoffnungsschimmer für mich parat, denn so gleichförmig „Ryse“ vom Gameplay her auch wirken mag, es scheint auch ein äußerst kompromissloses Videospiel zu werden. Und sei es, dass diese Kompromisslosigkeit oberflächlich passiert. Mit der explizitsten von den Obersten Landesjugendbehörden in Deutschland für Erwachsene je freigegebenen Gewaltdarstellung seit Capcom’s „Shadow of Rome“ 2005. Und damit die größte positive Überraschung des Jahres für mich, nachdem es auf der E3 einen echt peinlichen Ersteindruck machte: allein die an „Praetorians“ erinnernde Schriftart gefällt mir darin so gut, dass ich es unbedingt mal spielen will.

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