Filmkritik: „La fille de nulle part“ (2012)

Ein Mädchen in der Wohnung ***** 9/10 geisterhafte Wesen

Als Jean-Claude Brisseau letztes Jahr in Locarno für diesen Film den Goldenen Leoparden erhielt, habe ich mich gefreut wie ein Schnitzel, denn Brisseau-Filme sind im besten Fall immer wie „2001 – Odyssee im Weltraum“, nur ohne Weltraum. Leider bedeutet ein Erfolg in Locarno dennoch nicht, dass der Film auch breit veröffentlicht werden würde – für den deutschsprachigen Raum scheint bislang jedenfalls niemand Anstalten zu machen, zumal seine letzten Werke hierzulande beschämender Weise gar als Softpornos vermarktet wurden.
Seis drum: wenigstens in Großbritannien ist der Streifen mittlerweile unter dem Titel „The Girl from Nowhere“ erschienen. Unangetastet im französischen Originalton.
Und „La fille de nulle part“ mag zwar inhaltlich nicht so gehaltvoll sein wie „À l’aventure“, keine so großen Fragen stellen, Antworten suchen (wollen) und erstaunlicher Weise sogar finden, dafür ist es die ästhetisch wesentlich geschlossenere und letztlich auch gelungenere Variation eines uralten Motivs. Dermaßen formvollendet.

Seit „Lärm und Wut“, dem weitaus besseren „Uhrwerk Orange“, versteht Brisseau seine oft in jeglicher Hinsicht, das heißt nicht bloß sexuell, aufgeladenen Filme mit metaphysischen Versatzstücken zu besetzen: Brisseau ist naturalistisch ohne Realist zu sein, so zärtlich wie sein Lehrmeister Èric Rohmer, aber ohne wie dieser dafür auf Brutalität und Schockmomente zu verzichten. In Brisseau-Filmen kann fast alles passieren, sie sind – im europäischen Kino bürgerlich-moralischer Gewalt – in zunehmendem Maße aber auch leider eine Ausnahmeerscheinung. Wo bei kryptokonservativ-reaktionären Geistern Belehrungen und Reduktionismen florieren, eine Verherrlichung von Formstrenge alles Geschehen bestimmt, lässt Brisseau alles frei laufen und um sich versammeln. Heterosexualität wird nicht kaschiert, Wolllust und Begierden haben bei ihm immer ihren positiven Platz: Brisseau scheint um keine Metapher, keinen Symbolismus je verlegen, das Fantastische bricht (be)ständig in die dargestellten Lebenswirklichkeiten mal bedrohlich, dann wieder romantisch ein – bis zu dem Punkt in dem beide unaufhaltsam ineinander vermischen. Und die Bilder wiederholen sich für gewöhnlich auch immer, aber nicht so dass sie belanglos werden, sondern im Gegenteil wie ein Mantra noch eindringlicher. Die objektivierenden Engel, die Gestalten zwischen Leben und Tod – wie bei Kubrick der mutmaßlich verstorbene Astronaut -, die Erinnerungen an ödipale Zustände und Vergänglichkeit. Die Enttäuschungen. Die körperlichen Chancenlosigkeiten. Umso mehr fast schon in diesem Streifen, soweit dass er beinahe bereits als Geisterfilm durchgehen würde. Als Horror eines Lebens ohne Ausweg: vielleicht auch weil es der erste Brissau-Film über das Alter ist.
Wie dem auch sei: Brisseau ist und bleibt das beste Gegenmittel gegen Normvorgaben von „Wahrheit“ oder „Lüge“.

Und wie früher bei Polanski ist der eigentliche Star des Films eine Altbautenwohnung. Brisseau scheint diese mittlerweile wie kein Zweiter zu beherrschen.
Den Hauptpart als begehbares menschliches Objekt und Titelheldin übernimmt Virginie Legeay, welche in „Les anges exterminateurs“ eine nur sehr kleine Rolle hatte und in beiden Filmen sonst als Regieassistentin fungierte. Ihr Part in diesem Film erinnert ein wenig an eine ältere Variante von Ludivine Sagnier im Kurzfilm „Acide animé“. Tatsächlich habe ich seit der jungen Sagnier Ende der Neunziger keine dermaßen bezaubernde Darstellerin wie Legeay im französischen Film mehr gesehen: Brisseau variiert das spätestens seit Max Frisch und „Homo faber“ ausgelutschte Thema „alter Mann wird mit junger Frau konfrontiert“ dabei auf gewohnt wundersame und überraschende Weise: als alternder Mathematikprofessor ist Brisseau selbst zu sehen, obwohl man sich stattdessen irgendwie doch wieder den kürzlich verstorbenen Bruno Cremer (Noce blanche) wünschen würde.
Mag sein dass die Besetzung von eigentlich Nicht-Schauspielern diesmal aber auch Absicht war, denn „La fille de nulle part“ ist im Grunde genommen ein Metafilm, mehr als die mockumentarischen Einschübe in „Les anges exterminateurs“: wer schonmal ein Portrait des Regisseurs gesehen hat, gewinnt bei der Ausstattung des Films schnell den Eindruck, dass dieser in dessen eigener Wohnung entstanden ist – so beeindruckend wirken die Mediensammlungen und Buchstaffagen. Nicht künstlich, verlogen oder leer.
Die Gestalten und Effekte mit denen der Film operiert wirken dem Sujet und Plot entsprechend deutlich bedrohlicher als noch in seinen unmittelbar vorangegangen, eher verspielten Filmen: eine junge Frau wird vor der Tür des Professors Opfer der brutalen Gewalt eines ihr vermeintlich Fremden. Er rettet und nimmt die verletzte Obdachlose vorerst bei sich auf. Diese stellt jedoch schnell unangenehme Fragen und verhält sich in einem intellektuellen Sinn äußerst kokett gegenüber den seit dreißig Jahren allein stehenden Mann der ihr Quartier und Unterkunft gab, provoziert und manipuliert ihn unversehens – bevor sie ihn eines Tages plötzlich verlässt nur um kurze Zeit später zu ihm zurückzukehren. Ein seltsames spirituelles Band umgibt die beiden, welches sich schon früh in den für Brisseaus Filmsprache üblichen Erscheinungen äußert. Besonders eine hochgewachsene Figur sticht dabei heraus, welche die hohen Wände des Altbaus wunderbar verstärkt. Man glaubt die Welt geht unter. Hinzu kommt, dass der Mann gerade dabei war einen Text über Illusionen zu schreiben, als er die junge Frau kennen lernte. Erstmals bei Brisseau begleiten die Erscheinungen einen seiner Filme also in doppelter Hinsicht – sind nicht mehr bloße Ergänzung, Illustrationen. Wobei vor allem schmerzhaft ist, wie der Film eindringlich versucht das Schreiben darüber mit eigenen Erfahrungen und, für Brisseau äußerst untypisch, sogar der französischen Zeitgeschichte in Einklang zu bringen – und so letztlich doch deutlich wird, dass der Film im Werk Brisseaus nach den Enthüllungen aus „À l’aventure“ als reifes, aber hoffentlich noch nicht letztes Spätwerk steht…

Rating 9.0

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