Neuer Offener Brief als Replik

Auf SB.com zu „Wir sind die Millers“: ‚@Kroczinsky
Diese Vorstellung, dass heute kaum ein Tabubruch mehr gelingen könnte – oft auch kein einziger subversiver Akt vorstellbar wäre – halte ich im Gegenteil für genauen Ausdruck von „Spießigkeit“. Aus meiner Sicht können die kleinsten Sachen heutzutage schon Skandale verursachen – alles andere hätte ein Kulturpessimismus bloß gern und schafft dieser auch nur selbst. Ist gewissermaßen eine Bedingung unter der er überhaupt funktionieren kann.

Weil das alles letztlich immer von einer „schöngeistigen“ Kapazität im Menschen ausgeht, und davon zeugt wohl auch dieses begleitende Gerede über „Geschmacklosigkeiten“. Oder was sollen diese dann jeweilig auch gar sein: Fäkalhumor ist ein ganz schlechtes Beispiel.

Denn was für die einen „Humor“, ist für die anderen vielleicht „Sexualität“ – weniger „lustig“ als vielmehr erregend. Nur ist Letzteres für das Humor rezipierende Publikum ästhetisch womöglich bereits unvorstellbar, wenn schon nicht eine regelrechte Bedrohung für deren „Familien“ und Co. Sehr schön zeigte das der allenthalben verrissene „Movie 43“.
Die Frage ist vielmehr von welcher Sexualmoral ein Bergman damals ausging und ob er es nicht eigentlich besser hätten wissen können – betrifft auch andere relativ Etablierte aus der Zeit, etwa wieso es in Friedkins Exorzismus-Film immer nur um Penetration geht, aber nie um die Liturgie.
Der österreichische „Dichter“ Franzobel sagte solche Sachen einmal über „das deutsche Privatfernsehen“, weil er sich anscheinend nichts schlimmeres vorstellen konnte und für ihn das bereits „Pornografie“ gewesen ist – bevor er sich dem niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll anbiederte.

Ich bin im Übrigen sehr froh über diesen Film. Und dabei kann ich mit dem amerikanischen Humor eigentlich schon nichts anfangen – nur würde ich ihm das nicht vorwerfen, sondern eher nur mir selbst. Dass US-Comedy viel mit Purtanismen arbeitet ist auch nicht unbedingt Ausdruck von Einfallslosigkeit für mich, sondern ergibt sich allein bereits aus dem dortigen kulturellen Erbe. Das ist ähnlich wie mit dem Typus der Klein- oder Vorstadt. So wie „Indien“ hierzulande mit der Provinz spielte – es muss ja nicht gefallen.
Früher wurden SpießerInnen wie die Griswolds um Chevy Chase noch mit einer andersgelagerten Umwelt konfrontiert – heute ist es in diesen Komödien eher umgekehrt. Das nenne ich progressiv und die Möglichkeit solcher Komödien ist für mich auch als Videospieler eine dankenswerte Wohltat Hollywoods, wenn ich mir die aus meiner Sicht äußerst rückwärtsgewandten Familienbilder aus Titel wie „The Last of Us“, „The Walking Dead“ von Telltale, oder „Gone Home“ ansehe.
Doch schon Ivan Reitman’s „No Strings Attached“ hat mir gezeigt, dass sich selbst der alte Kino-Haudegen auf seine letzten Tage noch ordentlich weiterentwickeln kann, denn das wichtigste an einer Komödie bleibt für mich ihre zeitgemäße Anpassung.
Humor ist nämlich nicht nur individuell, sondern auch niemals zeitlos – wer anderes glaubt verwechselt damit normierte Bildung(sideale).‘

Weitere Replik, vom 28. Dezember 2013: ‚(…)
Ich bin eben kein Realist und glaube daher etwa nicht, dass ein Spielfilm sich wirklich auf „Realität“ beziehen kann. Aber das nur so nebenbei.
Wenn es Dir gar nicht um die inhaltliche Ebene gegangen ist, sondern bloß um das Konzept, dann stimme ich natürlich zu. Das habe ich dann falsch verstanden und mit meinen eigenen Vorurteilen zweifellos unterschätzt: nur ich lese etwa „krank“, oder hier – bei anderen – „geschmacklos“ etc. Und reagiere dann drauf. Mein Fehler –
Das sind ja auch keine kleinen Filme von denen wir da reden, sondern oft Studio-Produktionen die gewissen Kalkülen folgen und sich von daher schon ökonomisch rentieren sollen. Also ich bewundere es eher, wenn sie sozusagen trotzdem versuchen gewisse Inhalte zu vermitteln welchen ich zustimmen kann.
Dass Bergman es „besser hätte wissen können“ meinte ich dahingehend, dass ich die „Persona“-Montage bislang eigentlich eher als Reaktion auf gewisse Gerüchte vernahm welche die Methoden in der Werbung damaliger Zeit betrafen und wie Menschen dort manipuliert werden würden. Dass Bergman damit eigentlich auf Kritik reagieren wollte, habe ich zwar auch als jemand der dessen Rezeptionsgeschichte nicht sonderlich gut kennt schon vorher gehört, aber das wundert mich einfach weil in seinen Filmen sonst ein ganz anderes Gesprächsklima, auch über Sexualität, vorherrscht. Eine ganz andere Form der Intimität als sie diese Montage als „Provokation“ ausdrücken würde. Also ich nehme Bergman als sehr aufgeklärten Filmemacher war, der sich ansonsten auch nicht in irgendwelche Vorstellungen von Sexualmoral verstrickte, als keinen Snob oder Ähnliches.
Friedkin und die Entstehungsgeschichte des „Exorzisten“ kennst Du anscheinend gleich wesentlich besser als ich, weshalb ich nochmal frage: wieso geht es in diesem Film meinem Eindruck nach dann immer nur um Sex, wenn der Dämon in Regan „provozieren“ will? „Der Exorzist“ ist meinem Eindruck ja ein ernster Film über ein ernstes Thema, der auch nicht offensiv mit Besessenheit spekuliert, damit amüsieren will, oder insgeheim ein Sexfilm wäre. Nein: er hat eben dieses Kind in seinem Zentrum und will zeigen, welche Wandlung in ihm vorgeht. Und dieser Umgang mit Religion und Sexualität belastet in meinen Augen nicht nur diesen Film, sondern auch fast die allermeisten Exorzismusfilme nach ihm. Gerade als Katholik finde ich das immer sehr enttäuschend, denn deren Dämonen referieren (katholische) Moral eher, als dass sie die Religion, die Eucharistie oder sonst für ein Sakrament herausfordern oder gar bekämpfen würden. Sind gewissermaßen selbst durchgängig katholisch.
„Die Milchstraße“ oder „Und erlöse uns nicht von dem Bösen“, auch „Viridiana“, finde ich deshalb wesentlich interessanter, wenn es um die Themen geht.

Zum Humor nur noch soviel: ich glaube dass da Witz damit verwechselt wird. Der Witz arbeitet wie die Pointe mit (Um-)Brüchen, welche im Idealfall zuweilen auch zweifellos erhellend sind. Nur Humor braucht das nicht sein.
Humor kann etwas sehr Primitives (im Sinne von anfänglich) und Niederträchtiges sein, dass sich etwa bloß am Leid Anderer erfreut, wie es etwa auch das selbst im englischen Sprachraum geläufige deutsche Wort der „Schadenfreude“ ausdrückt.
Jetzt kann man sicher sagen: das ist kein Humor, sondern etwa Sadismus. Ja, das ist aber eine Definitionsfrage welche schon ein gewisses Maß an Bildung voraussetzt. Und das meinte ich.

(…)‘

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