Kommentar zum Spiegel-Titel „spielen macht klug“ und „Du sollst spielen!“

Wieder im VDVC-Forum (wo dankenswerter Weise auch das Cover der heutigen Ausgabe zu sehen ist): ‚Habe ihn mir heute sogar extra deswegen gekauft. Die im GTA-Stil gehaltene Coverzeile „spielen macht klug“ gibt den Artikel im Heft glücklicher Weise nicht zur Gänze wieder. Dieser ist selbst eher eine Überblicksdarstellung der Ausdrucksform, ihrer (wissenschaftlichen) Trends, von Tendenzen im Marketing. Und darin wird stattdessen offenbar versucht die Komplexität des Mediums digitaler Spiele zu begreifen – imo erstmals in so einer breitenwirksam transportierten, deutschsprachigen Zeitschrift.
Gesprochen wird viel über Begleiterscheinungen des wohl einer Bewegung um „positiven Denkens“ entsprungenen Gamification-Idee, viel vom Casual-Phänomen „Candy Crush“ erzählt, Games als Therapieform vorgestellt. Also geht es zwar vor allem um vermeintlich hippe BotschafterInnen wie Jane McGonigal und Co., aber häufig inkriminierte AAA-Titel wie „Battlefield“ werden dabei dennoch nicht ausgegrenzt.
Sicher steht das naturalistische Denken um „Wirkungen“, Auswirkungen auf körperliche und geistige Gesundheit, so im Vordergrund – insgesamt ist es aber wohl mehr eine Zusammenfassung von verschiedenen Vorgängen um das Gaming in der (westlichen) Welt. Von einem New Yorker Schulprojekt bis zur Onkologie in Essen.
Und insgesamt erinnert mich der Text daher sehr an das was ich vor vielen Jahren schon regelmässig von Lev Grossman im TIME Magazine las. Auch der in meinen Augen oft äußerst Ressentiment-beladene Einfluss von Stöcker (und damit SPON) ist in dem aus meiner Sicht deshalb guten Artikel nicht zu spüren (anders als es die „Hausmitteilung“ auf Seite 5 noch vermuten lässt).
So wird etwa nicht versucht Entwicklungen wie Indies oder „Serious Games“ gegen Kommerz und dessen vermeintliche Brutalität auszuspielen. Also eine positive Überraschung für mich und meine Vorurteile.‘ Vergleiche „Du sollst spielen!“ in Der Spiegel 3/2014 60f.

Ganz anders – (angeblich!) gewaltdarstellende „Videospiele“ im ARD-Fernsehen: ‚(…) Ich befürchte (…), dass diese Sendeanstalten eher einen Kooperationsvertrag mit hochprozentigem Alkohol eingehen würden, als dass sie einer dieser “Killerspiel”-Firmen Lizenzbeträge erstatten – teils eigens produziert wirkende “Videospiel”inszenierungen sehe ich bei solchen Sachen jedenfalls quer durch die Bank.
Da wäre jemand auch wohl schön blöd, würde ein Hersteller derlei Diffamierungen gestatten – Lizenzierungen kenne ich auch nur wenn sie keine negativen Darstellungen betreffen, wie etwa bei “Gears of War” in “The Hurt Locker”.
(…)
Ein Negativbeispiel wäre (…) noch der Spike-Lee-Film “Inside Man” von 2006. Mit Jodie Foster und Denzel Washington.
Darin taucht eine PSP auf in der ein Drive-by-Shooting stattfindet – was von Lee und Co. anscheinend mit GTA-ähnlichen Games in Verbindung gebracht werden möchte. Die “kritischen” Szenen stehen aber wohl weniger in Zusammenhang mit einer Tradierung von (-Dave!-) Grossman et al., als mit seiner Agenda gegen Gangsta-Rap und eine dementsprechend angeprangerte Indoktrinierung der afroamerikanischen Jugend zu Gewalt und Verbrechen. Lee betont angebliche ethnische Unterschiede imo ja auch eher, als dass er sie aus der Welt schaffen möchte und wollte damit anscheinend gezielt Jugendpolitik ansprechen…
Ich erinnere mich zwar nicht mehr genau, aber für die Szene konnte die Hardware von Sony sogar lizenziert worden sein. Nur das Videospiel erscheint mir klar erfunden worden – weder passte es technisch zur PSP, noch machte es inhaltlich irgendeinen Sinn. Und auch da schien es sich um die Fantasie eines Rail-Shooters zu handeln…
Eher positiv ist aber die Netflix-Serie “House of Cards”, in der Oscarpreisträger Kevin Spacey nicht nur einen hochrangigen Politiker mimt, sondern auch einen erwachsenen Gamer spielt. Der ist zwar ebenfalls korrupt und handelt, wenn auch kontrolliert, teilweise unmenschlich – die Gaming-Habit soll vielleicht aber nur seine starke Persönlichkeit unterstreichen.‘

Update 14. Jänner – Ergänzung auf „Stigma Videospiele“: ‚Volles Verständnis!
Sollten Vorurteile und negative Eindrücke nächste Woche für entsprechende Profilierungen wieder gebraucht werden, werden sie auch garantiert wieder hervorgekramt. Ich frage mich bloß, wo das unterrichtet wird…
Denn die grundsätzlich normierten Einstellungen dahingehend was „gut“ oder „schlecht“ wäre ändern sich dadurch ja nicht. In Frage gestellt wieso gewaltdarstellender Ausdruck „Hass“ sein soll, und nicht vielmehr diese Formen der Berichterstattung, oder weshalb potentiell negative Wirkungen (gesellschaftlich) nicht in Kauf genommen werden möchten, wird ja gerade weiterhin nicht, weil auch die gesellschaftlichen Bedingungen nicht in ihrer Substanz angegangen werden, sondern wenn dann nur über politisch naive Ideologien (wie Kapital Moral) laufen. Siehe etwa auch aktuell bei den ganzen Fragestellungen im ZEIT-Interview mit Rhianna Pratchett http://www.zeit.de/digital/games/2014-01/rhianna-pratchett-interview Gepaart mit komplett irrsinnigen Sachverhaltsdarstellungen, wie dass „Doom“ das erste indizierte Videospiel gewesen wäre…‘

Sowie bei Rainer Sigl (mit Christian Huberts): ‚Wenn eine Filmkritik mit ähnlichen Erwartungshaltungen an ihren Gegenstand herangeht, sehe ich da keinen großen Unterschied. Und Exploitation-Ware wird oft genug ähnlich ausgegrenzt, während hier bloß der Unterschied besteht, dass sie bei Games manchmal einen (vermeintlichen) Core bildet. Interessant bleibt allein „Realität“, Gesundheit und ein Funktionieren von Gesellschaft – ob über einen Friedens- oder Leistungsethos.
Anderes, wie Widerspruch, Ambivalenz oder Ambiguität, außen vor. Denn Film ist wohl nur leichter vermittelbar.
Film haben schon mehr Leute gesehen – während Videospiele wie etwa ein „To the Moon“ oder „Cart Life“ zu erklären bereits eine Herausforderung darstellt. Und manche dieser Titel haben bekanntermaßen schon ein Problem mit ihrem Selbstverständnis als Games, siehe „Serious“ oder „Notgames“ (Tale of Tales früher), einen Rohrer etc. Vergleiche den deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag von Letzerem.
In der Ökonomie ebenfalls bei „Unabhängigkeit“ – zwischen „Filme-“ oder „LiedermacherIn“, geschätzt bleibt normiert ein (im Ernst) „kulturschaffender“ Mensch. Und keine potentiell gierigen UnterhalterInnen. Keine ZerstreuungslieferantInnen, sondern „konzentrierte“ Leute mit maximaler (authentischer) Aussagekraft – so autoritär und nur vorgeblich für Fragen offen diese auch immer sein mag.
Das sind die Idealvorstellungen dabei. Und ich würde mir auch das aktuelle ZEIT-Interview mit Rhianna Pratchett dazu ansehen, wie dort „argumentiert“ wird -‚
Replik: ‚(…)
Ich glaube es ist schwierig das Medium insgesamt darzustellen, egal für welche Öffentlichkeit, und stimme dahingehend zu, dass der Artikel so gesehen gelungen ist. Mich hat er an ähnliche Texte von Lev Grossman erinnert, welche ich vor Jahren schon in der TIME las. Ja, es geht in erster Linie um Aufbauarbeit.
Ich denke es gibt dabei nicht viele Ausdrucksformen welche literarische, auch lyrische, und therapeutische Qualitäten dermaßen ineinander vereinen können, binden, geschweige denn daneben vielleicht sogar noch so etwas wie „Sport“, zumindest Denksport, sind. Soll heißen: wer über zwei verschiedene „Computerspiele“ spricht, kann damit ganz unterschiedliche Sachen meinen – unterschiedlicher als sie vielleicht selbst „Film“, oder Video, und „Musik“ allein je sein können. Und das nicht nur in den Bildern welche sie jeweilig erzeugen.
Nur würde ich schon fragen, weshalb der „Nutzen“ für eine „bürgerliche Gesellschaft“ bei einer solchen Näherung an diesen medialen Gegenstand im Zentrum stehen, geschweige denn wichtig sein soll. Und wer von „Akzeptanz“ spricht sollte sich auch fragen was damit gemeint sein möchte. Denn am Ende ist es bloß das Nützliche und das Effiziente was akzeptiert werden wird, etwas das halt das bereits angesprochene „Sicherheitsbedürfnis“ bedient, eher erfüllt – und da sehe ich leider schon eine gewisse Tendenz auch für gegeben an.
Ich glaube es war Linda Breitlauch, die einmal gesagt hat, dass „Spiele jedenfalls nicht Arbeit“ wären. Nur wenn ich mir den Spiegelartikel so durchlese, bin ich mir da nicht mehr so sicher -‚
Ergänzung: ‚Zum erwähnten ZEIT-Artikel möchte ich noch anmerken, dass ich ihn deshalb für ein schlechtes Beispiel halte, weil er Videospiele wiederum auf eine textuelle Ebene reduziert, das heißt auf Zeichen (mit Sinn). Das zeigt sich schon durch den Hinweis auf frühe Experimente mit Hypertext-Vorstufen bei Derrida, und auf Seite 3 besonders dann, wenn es um die (politischen) Auswirkungen einer Perfektabilität durch Games geht http://www.zeit.de/2012/50/Computerspiele-Medium-Zukunft/seite-3
Doch schon allein ein heute so gängiges Spiel wie „Minecraft“ verträgt sich mit der Vorstellung glaub ich nicht. Auch wird in dem Artikel zwar eine Alternativlosigkeit in Abrede gestellt, nur läuft die Argumentation trotzdem auf Erfolg und weniger auf ein Scheitern mit Games hinaus, wobei die kreativen und performativen Qualitäten von Games aus meiner Sicht zu wenig beleuchtet werden. Das macht Der Spiegel sogar deutlich besser find ich –
Denn digitale Spiele können eben doch mehr sein als nur Information, Bildung oder Kunst. Sie können auch zu Sport oder Therapie werden -‚
Ähnlich noch Benedikt Pass-Fließenkämper.

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