Filmkritik: „Iwans Kindheit“ (1962)

Ein Leben im Krieg ***** 9/10 verlorener Kindheiten

Tarkowskijs Debüt kann heute mindestens noch so beeindruckend sein wie vor den über fünfzig Jahren, welche es nun bereits alt ist. Und das liegt vor allem immer noch daran, dass der Streifen sowohl als Kriegs- als auch Kinderfilm blendend funktioniert.
Die (auch inhaltlichen) Kontraste sind enorm, die Bilder und ihre Kompositionen welche Tarkowskij damals schon fand bestechend klar – alles in allem eine Arbeit welche den Vergleich mit der damaligen Genrespitze, das heißt Kubrick’s „Wege zum Ruhm“, keineswegs scheuen braucht(e). Als Kinderfilm ist er sowieso ungeschlagen: und dennoch eine, vielleicht gerade aus heutiger Sicht, ungeheuerliche Provokation, denn hier wird das Kind zunächst nicht viktimisiert, oder über ihm ein Moralchauvinismus „gegen den Krieg“ verfrachtet, sondern als geradezu unwahrscheinliche, handelnde Person eingeführt, als Junge der gerade dabei ist im Krieg seine Selbstbestimmung einzufordern – und zwar nicht trotz des Krieges, sondern weit eher erst dadurch.

Dahingehend, was das Schicksal ihm vorbereitet hat. Die Waise nimmt dabei eine Rolle ein, welche wie ein invertierter „Private Ryan“ wirkt, denn dass sich die Soldaten anfangs dermaßen um das Kind kümmern, ist erstmal kaum zu glauben.
Doch dieser Idealismus in der Darstellung weicht naturgemäß zusehends einer Ohnmacht, Ausweg- und Hoffnungslosigkeit – was durch die ständig apokalyptischer werdenden Eindrücke bloß verstärkt wird, welche anfangs noch alptraumhaften Visionen glichen, gegen Ende hin aber zusehends zu bitterer Realität wurden. Wo es zwar mehr gibt als am Ende die Fantasie in einem „Lilja 4-ever“, aber diese wenigen Erinnerungen an ein besseres Dasein (mit der Mutter) auch nur der einzige Trost spendende Eskapismus sind, welcher heutzutage menschenverachtender Weise so sehr als „Zerstreuung“ gescholten wird. Doch dort wo Glück ein ferner Gedanke ist, geschweige denn die simple Möglichkeit eines Heranwachsens, ist wenigstens kein Platz für solch negatives Denken.

Rating 9.5

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