Gegen die Wand

Egal ob von Christian Huberts oder Anjin Anhut, keiner der in der Blogosphäre geäußerten Gedanken zum letztwöchigen Spiegel-Cover findet sich diese Woche auf der Leserbriefseite des Heftes wieder. Gemeint ist im Folgenden in allen Fällen die Seite 8 von „Der Spiegel 4/2014“.
Denn es dominiert zwischen schlichter Lobhudelei und Genugtuung angesichts von „mehr als zwei Dekaden der Kriminalisierung und Denunziation als potentieller Amokläufer“, und einem längeren Text von Christian Pfeiffer und Co. den ich bereits im VDVC-Forum zitiert habe, simple Ablehnung und überbordende Skepsis. Dabei darf wohl auch bezweifelt werden, dass so ein positivistischer Artikel zu einem Umdenken bei all jenen führen könnte, welche sich bereits eine negative Meinung mit entsprechender Unterfütterung gebildet haben.
Einen Brief hat die Redaktion herausgestellt, wonach es stimme, dass ein „Wir (…) besonders gut im Spiel, ob gewollt oder nicht“ lernen würde. Doch umso „wichtiger“ sei „es, die neuen Möglichkeiten nicht blind dem Profit zu überlassen.“ Eine Sorge vor dem kapitalistischen Missbrauch durch einen bös gedachten Kommerz, welcher durch sehr viele Texte dringt.
Immerhin kommt der Mythos der Tötungshemmung einmal nicht vor und wurde auch der Weiß-Brief vorerst nicht veröffentlicht. Die Leserbriefe sind trotzdem bezeichnender Weise mit „Verkehrte Welt“ übertitelt worden und bestimmend bleibt in ihnen ein wenn auch vielleicht bloß nebulös präsentes, aber immerhin deutlich vorhandenes Nützlichkeitsattribut, das – wenn auch zusammen mit all seinen Ressentiments nicht mehr ganz schlüssig – ein Festhalten an traditionellen Medien und Freizeitverhalten feiert, sowie mit Argwohn auf scheinbar alles schielt, dass da aus einer Virtualität hervorgekrochen kommt, denn die Feindbilder sind überwältigend.
Vorgestellt wird etwa ein Drang zur ‚frischen Luft, mit Bewegung am Nachmittag, da findet die wirkliche Welt statt! Nicht innerhalb der eigenen vier Wände. Was soll da denn „klug“ machen?‘ Demnach auch nicht die Strategiespiele welche „es auf dem Brett“ gibt, das „Lesen von Büchern“ welches „die Konzentration“ erhöht, oder bei Hospitalisierten der „Klinik-Clown“, welcher „das Herz der kleinen Patienten höherschlagen“ lässt: „Alles garantiert ohne Nebenwirkungen.“
Ein „Prof. Dr. Jan Hemming“ aus Kassel fordert gar „eine Mediengesetzgebung, die vorschreibt, dass jedes Spiel ohne Verlust des Erreichten sofort unterbrochen werden kann“ – wohlgemerkt um eine Computerspielsucht einzudämmen, also etwa das Speichern von Raids. Auf welchem Demokratieprinzip auch immer: man stelle sich vor in der Fußball-Bundesliga wird ein Spiel in einer x-beliebigen Minute aus ähnlichen Gründen unterbrochen – nur um es zu einem späteren Zeitpunkt, wenn sich der Gesundheitszustand aller Beteiligten offenbar zur Zufriedenstellung dieser Bedürfnisse gebessert hat, fortsetzen zu können. Abgesehen von 24-Stunden-Autorennen im Motorsport, oder Marathonläufen…

Medien als Medizin

Auch Spitzers „Digitale Demenz“ wird bemüht, denn wer nach dessen Lektüre noch immer „der Meinung ist, dass Spielen klug macht, ist entweder uneinsichtig oder lernresistent.“
In einem Brief wird erstaunlicher Weise sogar McGonigal persönlich attackiert, deren Buch „in den USA und Großbritannien von der seriösen Presse äußerst zurückhaltend besprochen wurde.“ Es sei dort „kritisiert“ worden, dass ihre Einschätzungen „völlig aus der Luft gegriffen“ wären und „nicht hinreichend belegt“ werden würden. Schließlich hätte sie „2005 einen Innovationspreis vom Berufs- und Interessenverband der Computerspieleentwickler in den USA gewonnen. Das Buch ist der Versuch, mit abstrusen halbwissenschaftlichen Behauptungen Computerspiele salonfähig zu machen, um das Geschäft der Games-Industry (zu der McGonial ja auch gehört) weiter zu optimieren.“
Auch wechselt sich ein Verständnis für „Glück“ und „Klugheit“ scheinbar ab: „Wir sollen also spielen, weil das glücklich macht und es schon fast alle tun. Aber Glück schützt vor Dummheit nicht.“
Zugestanden scheint nur zu werden, „dass gelegentliches Spielen mit elektronischen Medien zur Zerstreuung lustig ist und den Menschen erfreut“. Eine andere „Empathie“ gibt es da nicht.

Schreiben für welchen Salon?

Die Leserbriefseite macht überdeutlich, dass das spätestens seit Nationalsozialismus und Wirtschaftswunder fest verankerte Leistungsdenken in Deutschland kaum je eine (soziale) Neubewertung erfahren hat. Das Ethos weht wie Hegels Weltgeist immer noch durch das Land.
Völlig rücksichtslos „Sinn“, „Intelligenz“, Tugenden bestimmend. Das zynischer Weise noch „Verantwortung“ nennend – mit welchem Hohn auch immer. Und die jüngste Hirnforschung, deren gesamtes naturalistisches Denken, trug ihr Übriges dazu bei, dass das auch auf absehbare Zeit wohl (unverändert) so bleiben wird.
Ich schrieb letzte Woche schon, dass mich das Spiegelthema an eine ähnliche Berichterstattung im angloamerikanischen Raum von vor zehn Jahren erinnerte – doch an eine ähnliche Reaktion erinnere ich mich dabei jedenfalls nicht: während viele Menschen in der Arbeitswelt dank Burnout und Co. immer kaputter werden, machen sich die Gutbürgerlichen weiterhin über Computerspiele sorgen – anstatt etwa über sich selbst und wie sehr sie mit ihrem Denken der Welt womöglich nachhaltig schaden. Wollen die Nachmittage ihrer Kinder immer mehr verschulen, um sie so (noch) besser kontrollieren zu können und vor dem „bewahren“ was sie (alles offenbar) für schlecht halten, usw. usf.

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