Ersteindruck: „Tomb Raider – Definitive Edition“ (2014)

Da ist er nun also, der erste Versuch mit der neuen Konsolengeneration für ein altes Spiel im großen Stil erneut abzucashen. Grundsätzlich erinnert dieses „Tomb Raider“ dabei an „The Legend of Zelda – Wind Waker HD“ (2013) von Nintendo, mit dem Unterschied dass seit dem ersten „Wind Waker“ über zehn Jahre vergangen sind – seit dem ursprünglichen Release dieses „Tomb Raider“ aber nicht einmal zwölf Monate.
Gemeinsam ist beiden Spielen eine leicht veränderte Ästhetik, welche über übliche „HD“-Portierungen mehr oder weniger weit hinausgeht. Waren es bei „Wind Waker“ vor allem hellere Farben und ein Überstrahleffekt in der Beleuchtung, wurde das Licht in „Tomb Raider“ jedoch praktisch nicht, höchstens dezent, angetastet – mit dem Ergebnis dass sich die Weltdarstellung insgesamt kaum verändert hat.
Das Highlight dieser definitiven Ausgabe ist deshalb das neue Lara-Croft-Modell, dessen Rumpf, Arme und Beine in 1080p zwar an eine hochgezüchtete PC-Version erinnern, das aber dafür auch ein völlig anderes Gesicht spendiert bekommen kann. Restkörper und Gesicht bilden damit erstmals eine wesentlich bessere Einheit, auch wenn das Uncanny Valley manchen eher das alte Aussehen vorziehen lassen wird. Vor allem die Augendarstellung, insbesondere die Pupillen, stechen hervor, so dass der Eindruck einer anderen Person entsteht.
Zudem wurden die Haare vom PC übernommen und offenbar neu programmiert, weil diese vormals nicht wirklich funktionierten. Hinzu kommt eine andere Oberflächendarstellung von Haut und Kleidung, die auf Witterungsverhältnisse realistischer reagiert. Dafür wurden heute standardmäßige PC-Effekte nicht zur Gänze, falls überhaupt, implementiert – wohl als Kompromiss um eine hohe Leistung der Grafikausgabe aufrecht erhalten zu können.
Denn während die Xbox-One-Version künstlich auf 30-Bilder-pro-Sekunde beschränkt wurde, liegt die PS4 Analysen zufolge die meiste Zeit über bei annähernd 60. Die neuen Eingabegeräte von Microsoft und Sony werden auch vollständig unterstützt, das heißt bei Sony ebenfalls die Sprachausgabe am Controller und dessen Ambient-Unterstützung via LED.
Ergänzt wird dieses neue „Tomb Raider“ durch teilweise veränderte Umgebungen, wie etwa dichtere Feuereffekte. Unbedingt auffallen werden diese jedoch nicht.
„Tomb Raider“ profitiert immer noch davon, dass es 2013 auf PS3 und 360 das mit einiger Begründung schönste Multiplattform-Spiel gewesen ist: ob es wie „Wind Waker“ den nochmaligen UVP von 60 Euro Wert ist, lässt sich deshalb nur schwer sagen. Einen Vorteil haben vielleicht FreundInnen der deutschen Sprache, denn „Tomb Raider“ wurde mit Nora Tschirner in der Hauptrolle hervorragend lokalisiert, wobei für diese Ausgabe dann ja die Originalsprecherin Camilla Luddington bevorzugt werden könnte.

Für einen weiteren Kauf spricht auch die Neuausrichtung der Franchise selbst – weg von mühseligen Akrobatikrätseln, hin zu Run & Gun. Das euphemistisch „Survival Action“ getaufte Gameplay des Titels wird weiterhin durch stringente Handlungsabfolgen und einen Sammeltrieb bestimmt, der sich durch vergleichsweise wenig Dialoge und dann schon gesehene Unterbrechungen auszeichnet. Zeitraubende Missionen oder Quests gibt es eigentlich nicht und „Tomb Raider“ (2013/14) ist damit weder linear noch Open World, sondern ein Hub-gesteuertes Erlebnis das zu einem schnellen wie ergiebigen Spiel regelrecht einlädt.
Nicht nur geblieben, sondern durch das neue Modell noch verstärkt, ist der Eindruck einer One-Woman-Show, um die sich absolut belanglose Charaktere scharen, welche technisch nur PC-mäßig hochskaliert, aber nicht verändert wurden. Und anders als ein „Uncharted“ kümmert sich das Spiel dabei auch nicht einmal im Geringsten um eine plausible Interaktion zwischen diesen.
Der Tonfall des pseudojapanischen Infanterismus ist dabei so fragwürdig wie eh und je. Schon vor einem Jahr war überall (nur nicht hier) zu lesen wie natürlich diese Lara Croft doch wäre – nicht mehr „sexualisiert“ usw. Es ging ja ums „Überleben“, sie entschuldigt sich beim Hirsch nur um nachher reihenweise schwitzende, bärtige Männer abzuschlachten. Der neue sozialdarwinistische Puritanismus im Videospiel, der auch schon in „The Walking Dead“ oder „The Last of Us“, ansatzweise sogar bei der gleichgeschlechtlich erwachenden GI aus „Gone Home“, zu spüren gewesen ist. „Soziale Inklusion“ als sexuell ausgrenzender „Fortschritt“. So erzählt es sich jedenfalls diese eingebildet-sexnegative Körperpolitik, denn ansonsten hätten die Verantwortlichen mindestens Gabourey Sidibe („Precious“, „American Horror Story“) für Motion-Capture-Aufnahmen als neue Lara Croft engagieren müssen.
Nein, dieses „Tomb Raider“ ist insgeheim immer noch dasselbe exploitative Berg- und Dschungelabenteuer, diese besonders jung gestaltete Lara Croft keucht und stöhnt dass es eine wahre Freude ist und Empathie wird wie in jedem guten Genre erst genau dadurch gewissermaßen auch gewährleistet – über diesbezügliche Emotionen, ob diese nun verachteter Weise „sexuell“ ausfallen oder nicht – während ihr Leib bei diversen Scheiterungen immer noch auf die verstörendste Art und Weise mit allen möglichen Pflöcken penetriert wird. Und um das anders zu sehen muss eine Heuchelei wohl schon sehr weit fortgeschritten sein.

Doch am meisten gespannt war ich im Übrigen auf den Multiplayer-Modus, der von Eidos in Montréal entwickelt wurde – den ehemaligen Leuten hinter „Deus Ex – Human Revolution“ -, denn der sah auf den alten Konsolen teilweise fürchterlich aus – deutlich schlimmer als es die üblichen Unterschiede zwischen Einzel- und MehrspielerInnenmodi oft ausmachen. Zumal sämtliche größeren DLCs, die bis auf ein paar Kostüme wie einen traumhaften Overall, auch nur dafür veröffentlicht wurden und hier bereits enthalten sind.
Und was soll ich sagen: dieser mag zwar nur eine Anpassung an die PC-Version, plus sämtlicher Zusatzkarten, darstellen, rechtfertigt im Vergleich zur alten Konsolenversion aber fast schon von alleine diese neue Ausgabe. Robust und schnell ist dieser Zusatzmodus trotz übermäßig vieler Player Killer jetzt tatsächlich eine kleine Konkurrenz für „Uncharted“ seit „Uncharted 2“, sowie besteht dank Cloud nunmehr wohl keine Gefahr für Progress-Resets mehr – wie erfahrungsgemäß bei der frühen 360-Version. Und „Tomb Raider“ (2013) profitiert in jedem Fall enorm von einer höheren Auflösung.
Ergänzt wird das neue Paket durch Artworks, die aber schon in Geoff Keighley’s „The Final Hours“ voriges Jahr zu sehen waren, einem digitalisierten Comic und dem digitalen alten Kunstbuch, das der CE physisch beilag. Wirklich neu scheinen mir lediglich ein paar Bilder zu sein, welche bei der Erstauflage in Kunstbuchverpackung zu sehen sind.
Fazit: auch wenn dieser Reboot von „Tomb Raider“, bis auf ein paar gelungener und gut integrierter Gräber, jeglichen Anspruch der anderen Spiele vermissen lässt, stattdessen voll auf affektorientierte Gewalt- und Schlammdarstellungen setzt und damit fast zur Gänze aus verkapptem Fan-Service besteht, ist es immer noch das vielleicht eingänglichste Videospiel das ich je gespielt habe. Sowie mit der neuen Grafik beeindruckender denn je –

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