„Harvester“ (1996) auf GOG erschienen!

Dass ich das noch erleben darf: Gilbert P. Austin’s Brainchild einer surrealen Hölle in den US-Fifties wird doch soeben auf GOG.com erstmals einer breiten Weltöffentlichkeit für gerade mal 6 US-$ zur Verfügung gestellt. Wie ich doch schwer hoffen will inklusive jener legendären schwulen Feuerwehrmänner, das heißt die völlig unzensierte US-Version (Mature) – das Adults Only-Rating gabs damals irgendwie noch überhaupt nicht. Und als eines der wenigen Erzeugnisse der internationalen Industrie ein Videospiel jenseits des Actiongenres, das in Deutschland durchaus hätte indiziert werden können (neben dem zweiten „Phantasmagoria“ und unlängst „Lucius“), wäre es zu seiner Zeit hierzulande vielleicht nur mehr aufgefallen, ist „Harvester“ an sich bereits eine absolute Rarität.
Zumal dem Spiel über die Jahre schließlich alles vorgeworfen wurde was einem fiktionalen Medium bloß vorzuwerfen wäre, wobei die Anschüttungen selbst teilweise bereits groteske Züge annahmen. Eine Aufzählung erspar ich mir da gleich – ich verweise mal auf SB.com: „Gewalt und Gore, Geschlechtsverkehr, Masturbation, S&M, Kannibalismus, Prostitution, Pädophilie, sexuell übertragbare Krankheiten, Stereotypen von Homosexuellen bis hin zur Zerstörung der Stadt durch einen nuklearen Angriff“. Also irgendwie sein gesamter Inhalt.

Ob es ein Zufall war, dass dieser Release mit dem Mainstream-„South Park – The Stick of Truth“ einher geht? Als Fatalist glaube ich natürlich nicht daran: GOG.com liefert in gewohnt guter Ausstattung, nur vorerst leider nicht für Macs.
Bei Kurt Kistler erschien Ende letzten Jahres dankenswerter Weise der erste Teil eines nicht minder sensationellen Interviews mit dem Meister, dessen Abschluss demnächst publiziert werden soll. Zur Consumer Electronics Show (CES) 1994 in Las Vegas, auf welcher er „Harvester“ präsentierte, und Janet Reno hatte er etwa zu sagen: „Vegas during that CES was crazy…interview after interview after interview! I was pretty outspoken in those interviews, pretty fearless and outrageous, because Janet Reno was at the time making noise about censoring violence in games and movies, and as an artist censorship is absolutely fucking anathema to me. Anyone who censors anything is a piece of shit in my book, and I said as much. I still do. That tired argument about children is the first refuge of the dictator…oh, we have to protect our children from harmful influences. A kid might stumble across this, so we’d better ban it. Fascism in my book. You can’t childproof the fucking world. Not everything can or should be appropriate for kids. That’s what parents are for, to filter that shit. The government shouldn’t be doing it, and certainly artists shouldn’t be doing it.“

Das Spiel ist wohl am ehesten der Gattung „interaktiver Film“ zuzurechnen und mutet als solcher wie ein Drehbuch von John Waters in einer Produktion von David Lynch an, aber unter der Regie eines Tom Six. Es ist quasi die „Geschmacklosigkeit“ an sich – nur ebenfalls ein praktischer Kommentar der ikonographischen Ballast aus seiner Zeit vermittelt, so wie er auch in „The 7th Guest“ oder bei Clive Barker in den Neunzigern zu finden war. Im Grunde genommen ist es mit seinen fuchtelig-frustigen Arcadeszenen jedoch eher im klassischen Point’n’Click-Adventure einzuordnen gewesen.
Die Veröffentlichung ziert passender Weise ein Zitat von Jim Morrison höchstpersönlich: „People are strange when you’re a stranger.“ Jetzt. Kaufen. Sofort!

Update 30. Mai 2016: laut SB.com ist „Harvester“ 1997 doch indiziert worden – via Wikipedia

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