„The Walking Dead“ 4.14: „The Grove“ – Puzzle legen nach dem Kindermord

Selbstjustiz war schon immer ein vorrangiges Problem bei „The Walking Dead“, der Fernsehserie. Anders als bei den Spielen wurde das Thema Sozialdarwinismus immer irgendwie umschifft, um allzu eindeutig positiv behandelt zu werden. Da gab es zumindest viel Ballast drumherum, zumindest gerade genug dass diese politischen Ambitionen eher in den Hintergrund rückten –
Bei selbstgerechten Handlungen sieht es dagegen schon anders aus: sobald jemand von der Norm abweichte ist meistens Schluss mit der Figur gewesen. Egal ob ein Shane, Dale oder Andrea. Sie wurden alle irgendwie aus dem Weg geschafft, waren ab einem gewissen Zeitpunkt nur mehr ein mehr oder weniger störendes Hindernis auf dem Weg in eine stringent erscheinen sollende Fiktion. Und in der Folge „The Grove“ vom letzten Sonntag gabs dahingehend die geballte Ladung. Doch zunächst einmal geht es bei „The Walking Dead“ ja um diverse unerwünschte Gewaltdarstellungen…
„Diese Splatterszenen stehen in der vorliegenden Episode nicht im Vordergrund, wenngleich Schnittauflagen für die deutlichen Körpertreffer ab der 20. Minute diskutiert wurden. Protagonistin Carol ist mit den verwaisten Schwestern Lizzie und Mica unterwegs. Vor allem Lizzie weigert sich, die Beißer als Bedrohung anzuerkennen, spielt mit ihnen und füttert sie. Sie zieht sich in ihre eigene Wahnwelt zurück und tötet schließlich ihre Schwester, woraufhin Carol das Kind Lizzie exekutiert. Die Minderheit votierte für eine Freigabe im Nachtprogramm und sah auch keine Schnittmöglichkeiten, da für sie die Risikodimension der sozialethischen Desorientierung im Vordergrund stand. Die Mehrheit hielt der Episode zugute, dass es sich um ein dialoglastiges, intensives Psychodrama handelt, dem eine eindeutige Botschaft fehlt und das sich erst im Serienkontext erschließt.“
Schreibt Claudia Mikat drüben bei der „Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen“: das muss man sich mal vorstellen. Hauptsache es wird kein Splatter gezeigt, abgeblendet wenn die Kinder umbegracht werden, und eine Dialoglastigkeit kann attestiert werden. Dann gibts sogar eine Jugendfreigabe: während „The Human Centipede“ oder „A Serbian Movie“ weltweit in verschiedenen Formen ausgegrenzt werden, wird solches Fernsehen allenthalben gutgeheißen, durchgewunken, wenn schon nicht gelobt. Bezeichnend ein Kommentar bei den „Serienjunkies“: ‚Als man sah wie verrückt das verrückte Mädchen wirklich ist sagte ich zu meiner Freundin „Wenn ich so Eine. in der Zombieapokalypse, in meiner Gruppe hätte würde ich sie sofort notschlachten“ psychiatrischen Notdienst gibts ja nicht, aber leider leider musste erst die süße Mika sterben damit das auch Caroll und Tyrce einsahen. (…)‘
Und nein, eine „eindeutige Botschaft fehlt“ dem „Psychodrama“ in diesen Belangen sicherlich nicht, denn das eingebildete „Recht“ der „Überlebenden“ wird zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt. Die einzige welche das tat war Lizzie, die „Soziopathin“ (O-Ton IGN), welche die Existenz der Lebenden und Untoten als einzige befragte. Doch gerade das ist in der Welt offenbar nicht erlaubt, worauf der Showrunner Scott Gimple die Figur zwanghaft pathologisierte, immer ein Stück weiter – beinahe so subtil wie beim „Fragen“ eines Haneke. So sehr, dass sie am Ende plötzlich sogar ihre Schwester umbrachte, weil sie sie zu einem Zombie machen wollte um endlich zeigen zu können, dass die Zombies doch nicht so schlecht sind. Was darauf und der „Exekution“ mehr folgte war lediglich noch ein wenig Steinbecksches Lamento: die beiden „Überlebenden“ saßen beim Puzzlespiel zusammen. Henkerin und Kompagnon.

Nachtrag: der zynische deutsche Titel der Episode lautet perfider Weise „Schonung“…
Update 19. März – Offener Brief auf SB.com (so er denn dort stehen bleibt): ‚Dass diese Folge noch dazu eine Jugendfreigabe bekommen hat zeigt mir wie oberflächlich bei fiktionalen Medien im Rahmen dieser Einstufungen eigentlich vorgegangen wird. Hauptsache es werden nur wenig Gewaltdarstellungen ins Bild gefasst.
Auch kann ich die Behauptung, dass keine Eindeutigkeit bei dieser Äußerung bestünde in dem Fall überhaupt nicht nachvollziehen: wenn dieses Bestehen auf Überleben und Selbstjustiz nicht eindeutig ist, dann weiß ich nicht was an dessen Stelle noch eindeutiger wäre.
Und insofern kann ich diesbezüglich nur die FSF „sozialethisch desorientierend“ finden. Um die Inhalte, den Kontext, die politische Dimension des Ganzen, geht es demnach überhaupt nicht, sondern nur darum ein Auge zu beruhigen -‚

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