„That agony is your triumph.“ Ersteindruck „Metal Gear Solid V – Ground Zeroes“

„Metal Gear“ in den späten Siebzigern: ich dachte an David Bowie in Berlin, Hausbesetzungen, Punks. Doch in „Ground Zeroes“ findet sich nichts von alledem – bis vielleicht auf Letztere im deutlich veränderten Äußeren von Paz. Das Spiel verzichtet erstmals komplett auf pop- und alltagskulturelle Zitate während des Spiels, bei denen am auffälligsten immer ihr Anachronismus gewesen ist. Es gibt keinen Codec mehr über den diese früher (bis hin zur Schlachtplatte „Rising – Revengeance“) immer stundenlang liefen, der Humor ist auf ein Minimum reduziert. Kiefer Sutherland schweigt fast die ganze Zeit – wenn, dann mimt er den ungemütlichen Amerikaner ähnlich wie schon in „Melancholia“. David Hayter fehlt trotzdem.
Es hätte auch Clint Eastwood sein können: eindringlich umrahmt von dem Joan-Baez-intonierten „Here’s to you“ (unten), das auch in „Guns of the Patriots“ (2008) bereits zum Einsatz gekommen sein soll – nur leider kann ich mich daran nicht mehr erinnern -, erzählt „Ground Zeroes“ eine fast schon klassische Passionsgeschichte. Beinahe katholisch.
Chico, der sich kaum verändert hat und mit seinem Walkman scheinbar demonstrativ dem Eskapismus frönt während er eigentlich quälend in sein Innenleben hineinhorcht, sowie eine gefolterte Paz, sind von einem nolanesken, DC-ähnlichen Schurken auf einer amerikanischen Basis gefangen genommen worden. Viel mehr weiß man eben nicht und wird man im Laufe dieses Spiels auch nicht erfahren.
Das Spiel besteht nur aus einer einzigen Hauptmission, einem Schauplatz auf dem sich mehrere Nebenaufgaben separat tummeln, wobei sich diesbezüglich auch noch keinerlei Open-World-Gefühle auftun – das Ende von „Ground Zeroes“ ist „The Phantom Pain“, der Trailer.
Man kann schon unzufrieden damit sein, zumal bei einem Spiel das sich dermaßen antikapitalistisch gibt. Besser wäre wohl gewesen, der Release wäre nicht erfolgt und man wäre damit wie mit der legendären „Virtuos Mission“ in „Snake Eater“ verblieben – also bei einem Prolog in „The Phantom Pain“ selbst.

Von der puppenhaften Paz welche in „Peace Walker“ als sexuelle Projektionsfläche diente, ist kaum mehr übrig geblieben als eine blasse Erinnerung. Die im Vorfeld sexnegativ inkriminierte Frauenfigur mit den zerrissenen Strumpfhosen kommt in „Ground Zeroes“ zumindest visuell nicht vor. Die Gitmo-Analogie und aktuelle Bezüge zum Gedenkjahr 2014, sowie den Anfängen des Faschismus (in und nach der Flucht aus Italien, siehe unten) sind augenscheinlich.
Kojima war immer dann am Größten, wenn er Politik und Persönliches mit grotesken Überhöhungen verband. Und insofern ist „Ground Zeroes“ erstaunlich ruhig und leise, pompösen an „À l’intérieur“ (2007) erinnernden Gore und ausgiebige Feuergefechte gibt es erst ganz am Schluss. In Form eines überlangen Endvideos – ganz in seinem theatralischen Stil gehalten. Das bestimmende Thema bleibt die Frage nach der Bleibe für Entwurzelte, danach wo (frei nach Adorno) das beschädigte Leben noch einen Platz finden kann: „Ground Zeroes“ ist das bislang politischste „Metal Gear“ und entzieht sich wahrscheinlich gerade deshalb auch den früher üblichen, postmodern an Umberto Eco und Kinozitate erinnernden Exkursen über Filme und Essen.
Ein Prequel mit „The Boss“ nach dem Zweiten Weltkrieg bietet sich deshalb immer mehr an, ja es wird langsam Zeit für eine spielbare „Metal Gear“-Heldin, aber auch eine Rückkehr zu „Zone of the Enders“, das mir in letzter Zeit annähernd ähnlich gut wie „Metal Gear“ gefällt: ich hoffe jedenfalls, dass er auch nach dieser großen und sicherlich ermüdenden Arbeit weiterhin am AAA-Ball bleibt und nicht wie Levine das Handtuch wirft. Nur das Gameplay hat sich dabei weniger verändert als man meinen möchte: neu ist vor allem die eingängige Steuerung. Immer noch setzt das Spiel auf schnelle Aktionen, belohnt zwar weiterhin Gewaltverzicht, aber um keinen Preis eines „chirurgischen“ Moralchauvinismus. Verstärkt sind sogar Elemente aus früheren Videospielen im neuen „Ground Zeroes“-Spielprinzip: jene für alte PC-Spiele bis zum ersten „Far Cry“ typische Inszenierung von banalem Bösen, welches auf der US-Basis die abstrusesten Trivialitäten von sich gibt und sich dabei weiterhin teilweise äußerst slapstickhaft verhält. Große Politik, absurde Ost-West-Konflikte hin oder her: Chaplin lässt immer noch grüßen.

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