Kommentare zu Andreas Mölzer, „Grauen“, „Bronzenen“ und anderen Hautfarben

Beim Standard: ‚Den „Grauen“ habe ich schon für mein Studium gelesen. Bloß die vielzitierten „Arier“ sind mir darin irgendwie nie untergekommen. Und sie werden ja auch in dieser Glosse wieder nicht zitiert, sondern da gibt es von Frau Niemann nur das mir altbekannte Sexzitat. Sehr oberflächlich und politisch durchsichtig – den mir unbekannt gewesenen Ausschnitt aus seiner Lyrik finde ich jedenfalls schonmal viel schlimmer: der Prosatext ist eher gekennzeichnet von einer rückwärtsgewandten Technophobie, gepaart mit rechtskonservativer Ökologie. Dort finden sich praktisch sämtliche Begriffe die damals auch in anderem politischen Umfeld vorgetragen wurden, von Konrad Lorenz-Jüngern bis Robert Jungk.‘
Und auf Facebook: ‚Es gibt verschiedene Chauvinismen. Unter anderem auch Moralchauvinismus: zum Beispiel wenn die menschenverachtende Fremdenfeindlichkeit in dieser Gesellschaft so weit geht anderen per Ferndiagnose eine „Krankheit“ zu attestieren und zynisch „psychologische Hilfe“ anbieten zu wollen. Aber wohl vorsichtshalber hat die Frau Niemann den „Arier“ bei Mölzer auch nicht zitiert. Nicht dass ich ihm jetzt nicht auch noch diese Rede nicht zutrauen würde. Bloß ist eine solche Systematik schwerlich drin und für diese Öffentlichkeit ihrerseits fragwürdig – bei jemandem der allein über den Begriff der „Umvolkung“ dereinst stolperte. Da stellt sich etwa die Frage wieso nicht schon vorher darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Mölzer als „Kulturdeutscher“ auch an „Arier“ glaubt. Geschweige denn wieso sich dieser Politiker dann so lange halten hat können und trotzdem immer wieder in Talkshows eingeladen wurde. Und sie verstellt den Blick auf den sonst schon genug problematischen Rassismus dieser Person. Ansonsten bitte ich das endlich mal zu belegen. Denn alle paar Jahre, wenn es um Mölzer geht, immer dasselbe längst abgedroschene Zitat aus dem „Grauen“ halbempört zu bringen könnte ich ebenfalls – nur mit Aufklärung hat das letztlich immer weniger zu tun als mit (weiterem) Populismus. Von wegen dass Eurem „uns“ da „jetzt die Worte“ fehlen würden -‚

Rassismus ist im Umfeld dieser Politik demnach zwar sicherlich ein großes Problem, dafür glaube ich nicht einmal dass der Politiker überhaupt ein Rassist ist. Dafür ist der nämlich viel zu klug. Das interessiert den gar nicht: Rassismus, der platte, Hautfarben-bezogene über den ich eigentlich nur relativ selten spreche, in dieser Politik vor allem Mittel zum Zweck. Die Politik weiß, dass sie damit gewisse Impulse in ihrem Publikum triggern kann. Im Grunde geht es aber um die Sicherung angestammter Verhältnisse, welche die „Neue Rechte“ anders als die alteingesessenen Volksparteien territorial beansprucht. Über die Topoi Ort und Platz werden einseitige Identitäten, die über Begriffe wie „Region“ (bis tief hinein in die Volksparteien und da vor allem die christliche Rechte), Herkunft und „Heimat“ funktionieren, für sich beansprucht. So wie ein Leistungsdenken in der gemäßigteren Rechten sich gegen Solidarabgaben wehrt, deren Fehlen zum Mythos erklärt. Bestimmend ist der Gedanke daran, dass sich Verhältnisse nach Möglichkeit nicht ändern sollen: bei Migration und europäischer Integration betrifft das lediglich zusätzlich eine physische Situation die über materielle Güter hinausgeht und etwa im „Ethnopluralismus“ bis hin zur Existenz leibhaftiger Menschen reicht, das heißt an deren Bleibe, dem Aufenthalt der Leute, soll sich gefälligst nichts ändern, zumindest solange die einheimisch Geborenen nicht die Haupt-NutznießerInnen eines Wechsels sind. Das ist der einzige Unterschied: auf Ö1 hat es heute etwa zu Spike Jonze’s „Her“ geheißen, dass sich dieser zu einer „Verteufelung“ neuer Medien bloß nicht „durchringen“ hätte haben können. So als ob diese Normabweichung schon eine große Ausnahme wäre. Das zeigt wie tief verwurzelt der Glaube an autoritäre Ansagen eigentlich (wieder geworden) ist – Feindbilder wie „die EU“, dieses Europa, „Amerika“ und neuerdings auch wieder „Russland“ fest verankert vorhanden sind.
Der mir ursprünglich vorgelegen habende Band ist derselbe welcher etwa beim Kurier mit Bild als „krude Gewalt-Fantasie“ vorgestellt wird. Auf Mölzers Homepage liest sich die Inhaltsangabe dazu völlig anders als es die ganzen in der Presse nun wieder kursierenden Zitate vermuten lassen – zuletzt kochte Mölzers literarische Vergangenheit etwa 2006 in Form des Dramoletts „Comeback“ von Antonio Fian beim Standard hoch, als es in Österreich schonmal „kritisch“ um die politische Figur Mölzers stand.
Den Sprung zum direkten „Arier“-Zitat schafft schließlich bei der Kleinen Zeitung Stefan Winkler: er will über den „Grauen“ sogar als „letzten Arier“ gelesen haben. Ich hoffe wirklich dieser Journalismus ist stimmig, irrt und fantasiert in seiner Fantasiefeindlichkeit nicht selber.
Zumal der Rassismus der Titelfigur auch in den dabei ständig beschriebenen Sexszenen vorkommen würde, wobei das oft zitierte Objekt der Begierde vom „Grauen“ als wegen seiner bronzenen Hautfarbe minderwertig wahrgenommen worden wäre. Also zumindest das kann ich nun sicher nicht nachvollziehen, auch wenn mir der Text heute nur mehr fragmentarisch vorliegt.
Im Gegenteil ist es derselbe Kulturpessimismus, sind es die gleichen Hänge zu körperlicher Ertüchtigung, Natur, „Leistung“, Tradition und „Familie“, welche in der Zeitung sonst tagtäglich positiv vorstellig gemacht werden. Nur weil sie in dem Fall aus der Feder des Rechtsaußen-Politikers stammen werden sie zu einer rassistischen Standarderzählung stilisiert. Der Verharmlosung ihrer eigenen Ergüsse bestens dienlich, damit sie sich morgen angesichts des Fernsehprogramms wieder wohlfeil entrüsten – wo bereits privater „Ekel“ dort bekanntlich erzürnt, etwas anderes „konsumieren“ diese Leute scheinbar sowieso nicht. Nur dass die Gedankenwelt des „Grauen“ weit eher der „Friedens“-, Antiatom- und anderen „sozialen Bewegungen“ aus der Zeit entspringt, darüber fällt kein einziges Wort.
Tatsächlich habe ich das Buch aber genau so in Erinnerung wie es von Mölzers Seite beschrieben wird – mit denselben „medienkritischen“ Plattitüden. Den völkischen Nationalismus darin nicht viel anders wahrgenommen, als wenn sonst wo ethnische Einteilungen vorgenommen werden – etwa gerade in Hinblick auf das Völkerrecht. Populäre Figuren wie Peter Scholl-Latour sie vertreten. Und die Sexszenen, welche in der Presse und in Kommentaren abwechselnd als völkischer „Porno“ oder „Vergewaltigungsfantasie“ beschrieben werden, sind dabei absolut marginal. Wo der Hinweis auf diese weit über zwanzig Jahre alte, unliebsame Literatur im Grunde genommen auch nur eine „Fehlleistung“, „Entgleisung“ etc. schafft: den gegenwärtigen Rassismus in der Politik mit verächtlichen Sprüchen zu überdecken. Mölzer kandidiert nämlich immer noch.
Schließlich passt das Motiv des Bandes auch nicht wirklich zu diesem Konzept, denn anstatt etwa ein Bild von Caspar David Friedrich zu nehmen, ziert das Buch ein Ausschnitt von „La ville entière“, also Max Ernst (!). Fast scheint es deshalb so, als ob es einfach nicht sein dürfe, dass ein namhafter Österreicher dereinst mal was aus dem Bereich der Endzeit-Fantasy verfasst hätte, nach Karl Kraus und Jura Soyfer. Unvergleichliches einfach nicht verglichen werden soll und darum manipuliert werden muss, so unbedarft langweilig und politisch schlecht dieses konkrete Beispiel aus der steirisch-kärntnerischen Geistesgeschichte auch immer gewesen sein mag…

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Über pyri

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