Wer ist das Internet?

In Georg Seeßlens nach dessen Tod 2011 erschienen Text über Bin Laden (Bin Ladens Tod), „A Man We Loved to Hate“, wird deutlich wie sehr Erinnerung und mediale Verarbeitungspraxis unter Vorurteilen und negativen Gefühlen, oftmals nicht viel mehr als einfachen Unterstellungen, leiden. Seeßlen führt darin „Kuma/War“ an und wie dieses mit „Rache“ funktionieren würde.
Meine Wahrnehmung könnte nicht mehr anders gewesen sein: ich habe das immer als besonders spießiges (Gratis-)Elaborat empfunden, in dem nüchtern und auf naturgemäß billige Art und Weise Newsmeldungen zu Videospielinhalten werden sollten. Information vermittelt – beinahe so wie früher bei der Tagesschau in Deutschland, als ein einziger Moderator Inhalte einfach von einem Zettel abgelesen hatte. Völlig unreflektiert.
Nur expliziter. Vieles daran war einfach nur schrecklich – dennoch ist Humor, soweit ich es überblickt habe, dort Fehlanzeige gewesen: für Zynismus im Realismus eigentlich kein Platz, zumindest dann nicht wenn eine für solche Sachen affine Community einigermaßen gekannt wird. Denn das sind erfahrungsgemäß weitgehend ernste Leute. Es ist damit gewissermaßen auch das Gegenstück zur Daily Show gewesen, und das meine ich gar nicht ideologisch: die Inszenierungen erschienen eben durchwegs ernst gemeint gewesen zu sein, so wie das Zeitgeschehen in etablierten Nachrichtensendungen auch sonst „seriös“ vermittelt werden möchte. Sie wurden anders als beim Humor von Jon Stewart, der eher nur über eine politische Gegenseite herzieht, Kritik damit in der Wohlfahrt bewenden lässt, auch gezeigt.
Ich wüsste ebenfalls nicht wieso „Patriotismus“, Militarismus, Nationalismen, Rassismen, damit stärker in Verbindung gestanden wären als dort auf Comedy Central, denn dass westliche „Missionen“ gebracht wurden hatte wohl mehr mit der medialen Pragmatik zu tun, da nur Informationen über diese Seite (in Englisch) erhältlich waren. Vor allem auf die Schnelle. Und gewissermaßen kann „Kuma/War“ in Hinblick auf etwa das Völkerrecht so auch als Dokumentation amerikanischer Straftaten gesehen werden, wenn das denn getan werden möchte und insofern die „Missionen“ an sich dafür ausreichen würden. Da oft keine sonstigen Kriegsverbrechen darin gezeigt werden oder dafür ein Platz vorhanden gewesen wäre, denn die Spiele konzentrierten sich eben auf die „Mission“ – also genau so wie man sie vielleicht unmittelbar vorher in den Nachrichten hörte, das heißt auch von dort nicht anders kannte. „Serious Games“ ohne entsprechende Intention sich von einem sonstigen Rest abzugrenzen, außer vielleicht eben vom humorvollen.
Und sie konnten demnach gewissermaßen sogar selbst Nachrichten gewesen sein – jedenfalls können ihre Inhalte so schonmal kaum mehr propagandistisch flankiert werden als sie von offizieller Seite ohnehin bereits mitgeteilt wurden (!). Insgesamt brachten sie es auf scheinbar 108 Folgen, wie eine kurzlebige Daily-Soap, wobei Seeßlen damit konsequenter Weise auch sonstige Bildung und Information als „Trash“ bezeichnen müsste – was er natürlich nicht tut.
Simples Reenactement von Fans für Fans an der Sache – etwas das in den USA über ideologische Grenzen weit verbreitet ist, eine Kultur des Sich-Verkleidens um Welt zu verstehen. Sich ihr jedenfalls anzunähern (versuchen). Ja gut, ich verstehe das auch nicht unbedingt – aber ich versuche es zumindest, denn für „Rache“ scheint mir dort etwa gar kein Platz gewesen zu sein. Die „Rache“ ist wenn dann, wie etwa im Falle der gezielten Tötung/Ermordung Bin Ladens, schon erfolgt. Das Videospiel ändert gleich wenig an dieser Situation wie die Mitteilung über ein historisches Ereignis im Geschichtsunterricht, ob schlecht oder richtig – es klärt im besten Fall auf, im schlechtesten erzählt es Unsinn. Noch weiß das aber keine Informationssendung welche auf der Basis eines täglichen Wissens operiert.
Rächen tu ich mich eher an Hitler in „Sniper Elite V2“, als moralische Handlung, und nicht indem ich in einem Videospiel denselben Schluss vollziehe den mir die Nachrichten womöglich vorgeplappert haben.
Dennoch funktioniert der Seeßlen-Text nur über selbigen: der mitunter ja auch schon längst personalisierte „Ego-Shooter“, dessen Ästhetik usw., ist auf Rache aus. Sagt Seeßlen. Irgendwie. Auf Leid getrimmt. Doch doch. Denn anders kann er sich diese Menschen aus seiner Warte schonmal scheinbar gar nicht (mehr) denken.
Genauso wie er in seinem Standardwerk „Der pornographische Film“ beinahe jeden für mich auch nur halbwegs interessanten sexuellen Ausdruck marginalisiert oder gleich vollständig ausgeblendet hat, denn das war dann per Definition scheinbar einfach nicht „Pornografie“ für ihn, oder aus sonstigen Gründen für seine Sache oft irrelevant. Es dauerte Jahre bis ich das durchschaut hatte. Und scheinbar probierte er das damals bei „Trash-Videogames“ und Bin Ladens Tod wieder: Ziel war es, „Porno“ als Fabrikswesen unter bestimmten Produktionsbedingungen darzustellen – so wie es mit Adornos Ökonomismus überhaupt nicht anders möglich wäre, weil das gesamte Autor-Werk-Verhältnis in diesen Fällen eklatante Schieflagen aufweist. Und prekärer Weise funktionieren die allermeisten Studien in diesem Bereich heutzutage nicht einmal anders – werden letztlich immer „Ware“ denunzieren. Als „Fantasie“ usw. So als ob da etwas gar keine Dokumentation (von realen Empfindungen oder Straftaten) sein könnte, sondern alles nur Fiktion wäre. Eine Fiktion die Videospielen wiederum zum Vorwurf gemacht wird.
Es wird zwar oft von sich gewiesen werden damit werten zu wollen, aber dafür werden wenigstens Einteilungen vorgenommen. Und das sind dann die Wertungen. Im Prinzip dasselbe was perfider Weise Filmtipps.at mit Filmen macht. Die ständige Produktion geistiger Ghettos: sie nennen es vielleicht bloß wertneutral „Genre“, aber die Verachtung welche in den Besprechungen dann oft genug leider vorliegt spricht ohnehin für sich. Und die Überbegriffe sind in dem Fall auch schon klar: „Seriöses“ sowie „Schummriges“. Ausgrenzungen, bei denen dem „Ego-Shooter“ vielleicht alles sonst zugetraut wird, nur kein substantiell wünschenswerter Erkenntnisgewinn.
Und so wird die Positionierung der Handlung im Videospiel immer wieder nur auf eine Tat zurückgeführt, auf einen Vorgang der selbst offenbar nicht anders begriffen werden kann. Und trotzdem, oder gerade deshalb (?), stellt der Text dabei beständig ein „wir“ vor, ein „uns“, das gewissermaßen alle diese Handlungen repräsentieren würde. Sowie „Kritik“ gegenüber stünde. Jedenfalls irgendwie macht- und chancenlos. Was immer das dann sein soll, denn „Kuma/War“ wäre es ja offensichtlich nicht. „Kritik“.
Ob nun „für Schießspiele, im Porno, im Cartoon – eine doppelte Wahrheit“ in Hinblick auf „Hassmanagement“: nein, gar keine Wahrheit. Seeßlens Unwahrheit, wenn schon keine Absicht dahinter steckt – was ich leider wohl bezweifeln muss, da negative Gefühle dabei überwiegen werden.
Oder weshalb soll die bloße Information, etwa die „Nachrichtengewalt“ einer Tagesschau, welche auch ein Seeßlen mit keinem Wir verunglimpfen dürfte, sofern sie nicht zu sehr ins spekulative Detail geht, eines Besseren belehren als ein Spiel? Die Sätze in der Aussage sind doch praktisch dieselben, nur die Perspektive ist eine andere.

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