Idealisierungen in Deutschland: offenbar keine Chance für eine Listenstreichung von „Duke Nukem 3D“ (1996)

Auf eine Nachfrage der Zeitschrift „M! Games“ reagierte die Bundesprüfstelle mit dem Hinweis auf die Möglichkeit der Folgeindizierung (M! 248 Mai 2014 52), wobei in dem Fall anscheinend auch für die nächsten Jahrzehnte die Absicht besteht davon ausgiebig Gebrauch zu machen…
Die Rubrik „Akte BPJM“ des Monatsmagazins liest sich für gewöhnlich schon wie eine felsenfeste Apologetik der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM, vormals „Schriften“) und ist mir seit jeher bei der Zeitschrift ein Dorn im Auge. Jedes Jahr überlege ich mir jetzt vor allem deshalb von Neuem mein Abonnement zu kündigen – es ist die letzte Videospielzeitschrift welche ich überhaupt lese, von vormals regelmäßig über einem halben Dutzend…
Gerade drückte ich wieder beide Augen zu und erneuerte doch mein Abo. Und als ob sie es gewusst hätten flattert mir nun diese „Akte“ ins Haus: besonders krass, denn diesmal haben sie die Argumentationsstruktur der BPjM praktisch vollständig übernommen: wahrscheinlich weil sie neben ein paar nichtssagender sonstiger Rezeptionszeilen keine einzige Silbe der Kritik an der BPjM-Vorgehensweise und/oder Interpretation üben wollten, oder gar den Inhalt von „Duke Nukem 3D“ gutheißen, seinen Humor oder noch schlimmer – die gütige „Menschenwürde“ bewahre – seine satirischen Eigenschaften anerkennen. Sie wollen schließlich ihre Auflage nicht gefährden, wo demnach doch keinerlei positive Aussicht darauf besteht, dass der Titel jemals „frei“ kommt…
Während sie ein paar Seiten vorher in ihrer Vorschau von „Watch Dogs“ (10) das Voyeurismus-Element dieses Titels mit dem Hinweis auf „pikante Einblicke“ beschrieben, stellen sie hier „pornografische Inhalte“ in den Raum, welche zu „abwertender Haltung gegenüber Frauen“ führen würden. Als ob „Duke Nukem 3D“ die (strafrechtliche) Schwelle zu „Pornografie“ in Deutschland überschreiten würde: „Frauen werden durch die Bank zu Sexobjekten degradiert und können sogar straffrei getötet werden.“ Die gesamte sexnegative Viktimisierungslogik, also jener Sexismus welcher etwa nicht fragt wieso „Männer“ stattdessen „straffrei getötet“ werden könnten.
Noch absurder wird es, wenn es im Teil „M! kommentiert“ weiters um die „Polizisten-Schweine“ geht, also die anthropomorphen Tiergestalten des Spiels: „Die Aliens werden durch ihren aufrechten Gang und ihre Bekleidung (Stichwort Polizei-Schweine) vermenschlicht. Und statt das blutige Treiben kritisch zu betrachten, spornt der Duke den Spieler durch lockere Sprüche noch zum Töten an.“ Gar so als ob es in unzähligen nicht indizierten Videospielen der letzten fünfzehn Jahre keine „menschenähnlichen“ Wesen gegeben hätte, die doch gerade von solchen Videospielzeitschriften gern als „Gegner“ euphemisiert (und maskulinisiert) werden…
Ich denke etwa an das systematische Gliedmaßen-Abhacken im letztjährigen „Ryse – Son of Rome“, noch dazu aus Deutschland selbst, wo auch durchwegs faschistoide Körperbilder à la Wolfgang Petersen tradiert wurden, angesichts deren Existenz mit von den Obersten Landesjugendbehörden ausgestelltem Kennzeichen das „Verständnis“ für die BPjM der Zeitschrift wie eine eigene fabelhafte Parodie wirkt –

„Speziell in Deutschland“ hätte darüber hinaus ebenfalls ‚der Levelname „Hollywood Holocaust“ für hochgezogene Augenbrauen‘ gesorgt. Schonmal was vom „Nuclear Holocaust“ gehört, „liebe“ Redaktion?
Allein der Titel des Spiels verweist auf die unmittelbaren Folgen eines Atomkriegs. Der Begriff „Nuclear Holocaust“ kannte im 20. Jahrhundert bis Mitte der Siebziger erstmal gar keine andere Etymologie, ein „Nuclear“ oder „Atomic“ voranzustellen (siehe auch die aktuelle „Megaton Edition“ des Spiels, auf Steam hinter einem Agegate), war dabei gar nicht nötig. Eine Atombomben-Ikonografie durchzieht zudem das gesamte Spiel, steuert regelrecht die Figur des „Duke“ als eindeutige Karikatur eines waffenstarrenden „Helden“ aus „Men’s Magazines“, die es in den USA – meist propagandistisch flankiert – seit den Fünfzigern gab, die Red Scare begleitend usw. Die Überzeichnung einer Kulturgeschichte von der jedoch sowohl die zitierte BPjM 1996 als auch die Redaktion der Zeitschrift scheinbar heute noch nie etwas gehört hat, deren eigenen niedrigen Bildungsstand diesbezüglich in beleidigender und bestimmender Weise bei anderen voraussetzend, wobei die eigentliche Entlarvung in folgendem Zitat der BPjM liegt, das einfach so stehen gelassen wird: „Einige (wenige) humoristische Seitenhiebe gen Hollywood sind in der Tat nicht zu übersehen. Doch die alleine machen aus dem Computerspiel noch keine Satire, geben vielmehr einen Oberflächenreiz, der die inkriminierten Gewaltdarstellungen nicht relativiert, sondern umgekehrt um zynische, bagatellisierende Elemente erweitert.“
Was auch immer „Seitenhiebe gen Hollywood“ überhaupt sein sollen, offenbar ein ideologisch genehmer Antiamerikanismus als einzige dabei anerkannte Form von „Kritik“: kein Wunder, dass dabei die Kenntnisse über Amerika und die Wahrnehmung der populären Kultur schon bei „Comics“ und „Hollywood“ enden, aber Hauptsache die chauvinistische Menschenverachtung der BPjM, deren „abwertende Haltung“ gegenüber einem geistig ähnlich beschränkt und voreingenommen denkenden Publikum wie sich selbst in überaus beschämender Weise präsentiert wird, drückt deren autoritär dermaßen diskriminierende Haltung aus. Banausität als „Begründung“ für Verbote im „Jugendschutz“, Empfehlungen an das Strafrecht usw. Kein Wunder auch, dass bei diesem mangelhaften Verständnis von Kulturgeschichte die Integration von Frauenfiguren des Spiels (über eben die historischen Magazine) nicht gewürdigt wird, im Gegenteil deren Ansehen mit Füßen getreten.
Und diese perfide Ignoranz gegenüber scheinbar fremder Begriffsgeschichte ist so schließlich nicht bloß ahistorisch, sondern verschlägt dem eigenen Moralchauvinismus noch indirekt die Sprache. Und die Unterstellung hier würde womöglich auf die Shoah, dem Porrajmos, Kranken-, Behinderten-, Homosexuellen- oder Mord an sonstigen ideologischen Minderheiten, Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus etc. Bezug genommen werden, dem interpretativen Fass nun wirklich den Boden aus.
Wie sollen Männer- und Frauenbilder in „Duke Nukem 3D“ beurteilt werden können, geschweige denn verurteilt, wenn außer vielleicht ein paar Abziehbilder aus „Hollywood“ deren persiflierte Vorbilder, die eigentlichen Grundlagen, Anlässe und Ansatzpunkte für diese Fiktion, nicht einmal gekannt werden? Das Vorangegangene nicht einmal gekannt wird. Die gesammelten Erfahrungen, ein gesamtes Leben, Wissen und Bewusstsein diesbezüglich, vollständig fehlt oder ignoriert erscheint. Bei allem vorgetragenen „Verständnis“ der redaktionellen „Meinung“.

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