Kommentar zum Standort Deutschland

Im VDVC-Forum: ‚Mein Problem mit dem Preis ist vor allem, dass ich noch immer den Eindruck habe dass dort eben keine qualitative Kompetenz besteht, kein Gefühl für die Ausdrucksform an sich, das heißt in ihrer Gänze jedenfalls nicht, sondern nur was Teilaspekte angeht. Dort sind eben Empiriker am Werk, welche vielleicht Ahnung von Statistiken, Design, Recht oder Ökonomie haben, aber der gesamte ideelle, liberale und humanistische Rest wird der Gegenseite von außen überlassen, Figuren wie Sabine Schiffer und deren einseitiger Wahrnehmung. Während der politische Input an Parteigrenzen stößt: es werden immer noch, oder wegen einer neuerlichen Angst vor dem „Gewaltspiel“-Nimbus über diese Leute heute sogar umso mehr als früher, nach dem Gieskannenprinzip dort Preise vergeben. Und das schadet halt.
Ich wüsste dabei zwar auch kein anderes Spiel außer „The Inner World“ das ich für wirklich preiswürdig erachten täte, doch würde ich überhaupt vorschlagen, dass sich der Preis auf eine technische Kategorie auch festlegt. Dafür müsste aber wohl erstmal das „pädagogisch und kulturell“ wegfallen: technisch hat „Ryse“ international sicherlich mehr Eindruck gemacht als seinerzeit ein „Crysis 2“, wäre also von diesem Standpunkt her schon auch auszuzeichnen, aber inhaltlich und spielerisch wiederum keineswegs. Denn Videospiele sind auch Technik und Sport, und sie sind sogar ebenfalls wirklich „sozial“, nur halt nicht unbedingt dann wenn auf Facebook etwas dafür ausgegeben wird.
Das Problem liegt jedoch allgemein in einer Flaute des Standorts mein ich, bei dem immer mehr die formal in jedem Fall relativ minderwertigen Browser langsam aber sicher die Überhand gewonnen haben. Sicher gibt es auch interessante Browserware (Newgrounds und Co.), aber die werden ja nicht einmal in Erwägung gezogen. Nein, das worum es geht ist allermeistens schlichtester Kommerz. Inhaltlich so dünn, dass mir nicht einmal mehr als fünf Zeilen dazu einfallen würden. Konzeptionell beinahe wie Werbespots. Ein monotones Dummgeklicke sondergleichen, das sich daneben vielleicht nur noch einbildet „sozial“ zu sein – glauben tut das ernsthaft sowieso fast niemand, außer vielleicht Bigpoint-Geistesgrößen wie Christan Schmidt.
Daedalic, in den letzten Jahren Garant für Kreativität und Innovation, beim Preis meist aber nur in den Jugendbereich abgeschoben, wird immer kommerzieller und auf Fortsetzungen bedacht. Dennoch war „Memoria“ das einzige noch international wahrgenommene deutsche Spiel 2013.
Nur tut sich in angestammten, typisch deutschen Genres halt auch nicht viel: Daniel Dumont blieb zuletzt mit „Rise of Venice“ auch hängen. Das war noch immer dieselbe Technik wie in „Patrizier IV“, die „X“-Neuerfindung wurde auch eher verhalten aufgenommen (exklusives Update 21. Mai: aggregatorisch wurde „Rebirth“ zunächst natürlich in Grund und Boden verrissen, wie es jetzt mit „Secret Service Missions“, dem Studio etc. noch weitergehen wird man aber erst sehen) – die hadern anscheinend immer noch mit einem MMO à la „Star Citizen“ in weiter Ferne – und Piranha Bytes macht auch lieber noch ein weiteres „Risen“ im Piraten-Setting, anstatt ein echtes „Gothic 4“. Alles ziemlich nüchtern und enttäuschend, auch für die kommenden Jahre sieht es da düster aus – einziger Lichtblick vielleicht in Berlin, ein AAA-Projekt der „Spec Ops: The Line“-Macher, das 2K anscheinend schon gegreenlighted hat.
Also aus meiner europäischen Sicht kam letztes Jahr das beste eindeutig aus Skandinavien würde ich sagen: allein ein Titel wie „Shelter“ täte dem Standort Deutschland schon ungeheuerlich gut – und dort wo man sich mit den ganzen Förderungen richtig profilieren könnte, nämlich im Serious-Games-Bereich, kann man sich anscheinend nicht einmal spartenweise auf einen Preisträger einigen…‘

Ergänzung bei der ZEIT: ‚“Erwachsenenspiele“ ist Industrie-Euphemismus für „Gewaltspiele“
Und mindestens derselbe Unsinn davon in diesem Zusammenhang zu reden. Ebenso wie dass in einem „Deponia“ keine Gewalt vorhanden wäre, denn wenn der Begriff nicht gerade auf eine (Ablehnung von) Genrekonventionen reduziert wird, wäre auch – wie gerade fast überall – sogar dort sehr viel davon drin.
Nur fragt niemand danach wieviel sexuelle Erniedrigung im „Weißen Band“ etwa den Filmpreis (besser) verhindert hätte, dafür ständig nach der „Gewalt“ im Computerspiel: bloß macht die „Gewalt“, oder dass es ein Shooter ist, auch kein „Crysis“ zu einem „Erwachsenenspiel“. Es wäre inhaltlich aus ganz anderen Gründen völlig vernachlässigbar gewesen, trotz einiger Referenzen zur Erinnerungskultur nach 9/11. Und wurde einzig und allein aus technisch-ökonomischen Gründen ausgezeichnet, wofür es genausogut eine eigene Kategorie geben könnte. Denn Serious Games sind vielfach auch keine aufrüttelnden Doku-Highlights. In Wahrheit handelt es sich vielmehr um segregierte Produktionen die wie berufsgenossenschaftliche Lehrfilme kaum je eine breite Öffentlichkeit erreichen. Genau so wenig wie das melancholische „The Whispered World“ unbedingt ein Jugendspiel gewesen wäre, oder „The Inner World“ deswegen gleich „bieder“. Ist es nicht: nur dass die Jugendschutzeinschätzungen, einstufende Klassifzierungen, selbst in den Reglements mehr Gewicht haben als die eigentlichen Inhalte der Spiele zeugt nur davon, dass das Computerspiel immer noch als Kindermedium wahrgenommen wird. Gerade bei diesem Preis…‘

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Eine Antwort zu Kommentar zum Standort Deutschland

  1. Mangoldt schreibt:

    Sage mal, was hälst du denn in dem Zusammenhang von dem ganzen IDG-Hickhack?

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