Über Alice Schwarzer

Es ist schon seltsam. Über Schwulenpornos äußert sich Alice Schwarzer bekanntlich nicht. Auch nicht deren BDSM-Bereich.
Ebenso wenig über homosexuelle Formen der Prostitution: die Begriffe und Fronten scheinen dort überall klar zu sein. Diese offen menschenverachtend sein sollende „Sexualpolitik“ gegen Freier meint damit ausschließlich „Männer“, während Prostituierte immer nur „Frauen“ sein sollen.

Der Freier wird in dieser Konstruktion zu keinem Menschen der keine andere Möglichkeit hätte seine Sexualität auszuleben, sondern immer nur zu einem zutiefst bürgerlichen Wesen, das die Prostitution nicht als Ersatz, Option oder Alternative für eine sonst gelebte Sexualität wahrnimmt, sondern als Zusatz gewissermaßen Prostituierte wie ein Kind Spielzeug verwendet. Und im Grunde genommen wird die Prostitution dadurch zu einer Form der Masturbation, da für die Dienstleistungen, deren Professionalisierung etwa vielleicht nicht verboten ist, auch keinerlei gesellschaftlich anerkannte Ausbildung zu erfahren, vorhanden ist, Arbeit darin eben nicht als gleichberechtigt imaginiert wird und folgerichtig als „Arbeit“ auch zu diffamieren gesucht.
Die Grundlage für diese Diffamierung, die ganze Ablehnung von Sexualität als Ware und eines diesbezüglichen Warenfetisch, ist auch nur scheinbar die „Kritik“ an einer ökonomischen Situation. An Menschenhandel usw. Daran, dass Prostitution etwa vielleicht erlaubt ist, aber deshalb noch lange nicht anerkannt, auch nur irgendetwas Substantielles für eine Verbesserung der Situation in diesem Bereich getan wurde, für eine tatsächliche Entkriminalisierung, geordnete Verhältnisse, geregelte Ansprüche, eine gewerkschaftliche Basis oder auch nur Menschenwürde.
Nein, vielmehr geht es um die Fortschreibung einer Sittenwidrigkeit, das heißt ein Erbe das letztlich auf einer einseitig „christlichen“ Sexualmoral beruht. Und im Zentrum dieser Sitten bleibt das Patriarchat in jedem Fall bestehen, bleibt die Intention „Frauen“ einseitig zu verhüllen, öffentlich unzugänglich zu machen, die Festschreibung wie sie sich auszudrücken, öffentlich zu präsentieren hätten etc. Denn „Männer“ betrifft das ja alles nicht, wobei die Heteronormativität in dieser Sichtweise regelrecht erdrückend ist. Da gibt es gar kein anderes Leben. Und im Grunde wirft dieser zweite Feminismus die Frauenbewegung weit vor die erste zurück.
Doch nur so funktioniert auch dessen Logik. Eine Logik die in ihren Grundlagen auf zutiefst männlichen Prinzipien basiert, von der Vernunft, dem Spiel mit Zahlen, Empirie, angefangen, geleitet ist. Im Grunde genommen nichts anderem als demselben Kapitalismus den sie vorgibt zu „kritisieren“. Und Sexismus in der Werbung wird deshalb auch kaum von der Produktfrage begleitet, etwa ob ein Produkt das mit menschlichen Körpern wie von „Frauen“ sexuell beworben wird mit Sexualität überhaupt etwas zu tun hätte, sondern bestehen bleibt in jedem Fall nur die „Frau“ als Sexualobjekt.
Über eine Interpretation als misogyn, welche diesen objektivierenden Vorgang der Sexualisierung (oder „Objektifizierung“) als jeweilige Bedrohung zu- und fortschreibt. Ob nun „Männer“ in ihrer Virilität darüber bedroht wären, oder ein dementsprechender Fetisch Weiblichkeit von „Frauen“.
Vor etwa zehn Jahren schrieb ich ihrer Zeitschrift einmal, dass das ein Irrtum sei, dass das von der Idee gleichberechtigt anerkannter Körper ausginge und dass diese Idee keine gesellschaftliche Grundlage hätte, da nicht alle Menschen sexuell gleich attraktiv wären. Und dass ich das deshalb als Mensch mit Behinderung äußerst diskriminierend empfinde – ohne je eine Antwort darauf zu erhalten.

Doch spätestens in den Auseinandersetzungen mit Esther Vilar wurde bereits deutlich, dass es um Selbstbestimmung nicht geht, da Selbstbestimmung etwa auch bedeuten würde die Macht des Patriarchats zu leugnen. Doch genau das darf nicht sein, denn die Begriffe müssen gewissermaßen „in Ordnung“ bleiben, das heißt die Macht des Patriarchats nicht nur weiter bestehen, sondern sie muss womöglich sogar erst darüber zementiert werden. Nicht nur indem wie beschrieben die Logik der Männer wiederholt wird, in ein entsprechendes Kleid verpackt und präsentiert, sondern auch in dem alle konstruierten Geschlechterrollen, jeglicher Geschlechterdualismus, an vorhandenen, gefestigten Bildern (weiter fest)hängt.
Denn die Geschlechterkonstruktionen sind da sehr eindeutig, jedenfalls klar geregelt. Dem „Mann“ wird nicht nur Macht zugesprochen, sondern in letzter Konsequenz auch immer eine „Tat“, ebenso wie der „Frau“ das respektive „Opfer“. In einem beinahe schon biblischen Ausmaß.
Und wenn dann etwa noch bürgerlich-breitenwirksam der „Mann“ zum „Problem“ erklärt wird, natürlich von einem geradezu Parade-„Mann“, kann auch diese vermeintliche Vorstellung von „Kritik“ nur eben jene Machtposition verlängern. Da Geschlechtlichkeit halt keine Wahl wäre, sondern eine unüberwindliche Disposition zum Ausdruck brächte – wenn schon nicht biologisch konstituiert: es ist eine fast unglaubliche Charade welche hier in den letzten Jahrzehnten passiert ist. Und die Vorgabe eines Applaus für die Sprengung von Geschlechtergrenzen (Geschlechterverwirrung, Dissertation 31) deshalb bloße Doppelmoral, simple Hypokrisie, da sämtliche Artikulationen in diese Richtung letztlich immer darauf basiert haben, dass es eben klar geregelt ist wer alles eine „Frau“ sein darf und wie sich diese zu verhalten hätten, gerade gegenüber „Männern“ –

Feber 2016: ‚Als 35jähriger österreichischer Mensch mit Behinderung UND Feminist kann ich mich dem naturgemäß nicht anschließen, finde es diskriminierend und – ja – auch schlicht erniedrigend: jahrzehntelange Hetze gegen Ausdruck, Kunst, BDSM und die sexuelle Selbstbestimmung Erwachsener haben ihr Übriges dazu beigetragen. Ein Hohn sich dabei noch selbst als Opfer der Zensur auszugeben. Sich als politische Journalistin mit Dworkin und Co. einen wissenschaftlichen Anstrich geben, den sie keineswegs einlösen konnte, ebenfalls.
Und zudem ist Geschlechter auf eine biologische Dimension zu reduzieren auch nicht hilfreich für jemanden, der jetzt nicht gerade den „richtigen“ Körper erwischt hat und entsprechend den Mechanismen „unserer“ naturalistischen Gesellschaft funktioniert. Wobei: dem Feminismus hat diese propagandistisch flankierte Praxis, welche patriarchale Ideen eher verlängert und auf sich umgemünzt hat, als sie verworfen, theoretisch kaum geholfen, sondern ideologisch weit eher klischeehaft eingeengt und vielfach auf hohle, Boulevard-taugliche Phrasen beschränkt. Siehe ihr Engagement für die Bildzeitung und ihre spätkolonialen Äußerungen zu Myanmar: sie hat vielmehr das Bild einer Feministin bestimmt, ein ureigenes Stereotyp geprägt, so ungerecht das gegenüber jenen (vielleicht auch nur vermeintlichen) Minderheiten der Bewegung war, die ihr nicht oder nicht zur Gänze zustimmen wollten. Aber so ist das anscheinend in einer Gesellschaft die nur wenig Widerspruch zulässt: selbst der Fortschritt ist dort einseitig – ihre Verdienste für die Fristenlösung, das Berufsleben wenigstens gesunder (erfolgreicher) Frauen (wie sie), und die Emanzipation im Haushalt in allen Ehren.
Die Gender Gap ist trotzdem immer noch riesig, ein „männliches“ Selbstverständnis samt „Herrenwitze“ weiterhin präsent – Leistungsdruck welcher auch Männer krank macht. Und wenn es um das Innenleben, die Sexualität und Äußerlichkeiten geht, kann von Befreiung dabei meiner Meinung nach eigentlich keine Rede sein. Klassische TäterInnen-Opfer-Umkehrung.‘

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Über pyri

PYRI / / (Pyri) / —— pyri. Steiermark/styria
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