Neuer Kommentar zu Anita Sarkeesian

Bei IDG: ‚“Mutmaßlich heterosexuell männlich“: damit entlarven sich diese patriarchale Heteronormativität verlängernde, äußerst einseitigen Vorwürfe wohl endgültig. Nach den Vordergründen sind nun die Hintergründe dran.
Und das ist offenbar ein Prozess: wurden unerwünschte Inhalte im Vordergrund bereits erfolgreich beseitigt, wird sich auf entsprechende Hintergründe bezogen und etwa nicht gefragt, ob nicht allein deren Existenz bereits auf eine Verdrängung von Sexualität aus Videospielen hindeutet. Nein, denn der negative Stance gegenüber Psychoanalyse ist dabei zweifellos (auch) ein erwünschter (wissenschafts)politischer Nebeneffekt.
Außen vor bleiben dabei natürlich auch die wenigen heterosexuellen Spiele für Frauen: wo in einem „Hakuoki“ derlei Konstruktionen, Arrangements und Bildkompositionen sogar besonders deutlich zum Vorschein kommen – das was es dort alles gibt ist nicht einmal in den Fotomodi eines „Dead or Alive“ vorhanden. Aber an mehr Sexualität für Frauen, egal ob Hetero oder nicht, ist Frau Sarkeesian so eben auch nicht interessiert. Und das nimmt sie wohl nicht nur in Kauf, sondern ist ebenfalls erwünscht – vielleicht sogar eines ihrer wesentlichen Ziele.
Darüber hinaus gäbe es soviel problematische Integrationen, Passivisierungen und Ausgrenzungen von Frauen in Videospielen (zuletzt etwa in „Watch Dogs“, dann voriges Jahr bei „The Last of Us“), samt entsprechender Übernahmen von Männergewalt, doch nein – diese Agitationen üben sich beständig vor allem in einem: der sexuellen Denunziation anderer Menschen samt Tradierung entsprechender Körperbilder. Alles Eigenschaften und Einstellungen von denen Sarkeesian als able-bodied Protagonistin, wohl eher aber schon Diktatorin dieser „Debatte“, mitsamt ihrer adretten Kleidung und dem beständig gleichen, ansprechenden Make-up zur Genüge bereits selbst zeugt. Und es tritt natürlich nur sie auch so fesch auf – denn ein Gespräch kommt so erst gar nicht zustande, die Videospielpresse übernimmt allein ihre Äußerungen. Und daran gibt es wie immer keine „Kritik“. Sie kritisieren würden nur irgendwelche wild gewordenen Misogynen, wer gegen sie ist wäre auch gleich kein Feminist usw. Da werden dann, nebst den üblichen Pathologisierungen der sexuell frustrierten Asperger-Kellerkinder, am liebsten Leibesvisitationen vorgenommen und „sozial“ nachgesehen, wer da eigentlich was zwischen den Beinen hat bevor so jemand gegen die gute Frau zu sprechen wagt.
Natürlich auch nicht gefragt wird weiterhin, inwiefern Lust und Begehren nicht sogar auf Objekte, eine Objektivierung in Situationen, angewiesen sind. Der objektfeindliche Duktus das oberste Interesse bleibend.
Bloß: für wen eigentlich? Für welche leistungsfähige, gesunde und nicht zuletzt „virile“ Gesellschaft? Geschweige denn Branche, Industrie da überhaupt geredet wird.
Sowie: welche Sexualität wäre in Videospielen demnach eigentlich erwünscht? Wirklich nur mehr jene einer beidseitigen Umarmung fähiger, williger Körper – das ist ja schlimmer als mit der römischen Sexualmoral meiner Kirche…
Als Mensch mit Behinderung der sich ob seiner Sexualität trotz seines „abnormen“ Körpers nicht schämt und sich damit jedenfalls nicht nur an diese Normgesellschaft anpassen will, kann ich diese Politik dabei sowieso nur mehr extrem behindertenfeindlich nennen.‘
Nachlese

Update: Replik – ‚Nur so, als einzelner Gedanke noch: allein das Konzept Gender Mainstreaming, welches in zumindest internationalen Rahmen immer mehr an (sozialpolitischer) Relevanz gewinnt, würde eigentlich bedeuten, dass Menschen nicht mehr anhand ihrer Geschlechtlichkeit beurteilt werden.
Ausnahmen lediglich mehr jene Fälle positiver Diskriminierung berühren, die Parität herstellen sollen oder das Ausmaß der Gehaltsscheeren verringern. Dasselbe würde in weiterer Folge auch gelten was ihre Sexualität betrifft (der Menschen, nicht von „Männern“ oder „Frauen“), zumindest dann wenn diese keine menschliche Allgemeinheit oder Tiere gefährdet.
Eine Unterscheidung in „Gruppen“ wie sie hier vorgenommen wird, würde demnach in letzter Konsequenz schonmal gar nicht mehr angehen: allein der Gedanke daran zeigt auch, wie falsch und mit welchem Unverständnis da an die Sache herangegangen wird, wie reaktionär und schlichtweg menschenverachtend diese einseitig an wohl funktionierenden, heterosexuellen Männern gerichteten Vorwürfe eigentlich sind. Von welchen Normen und Einflüssen diese Vorwürfe scheinbar weiterhin felsenfest überzeugt ausgehen, wie wichtig dort, bei Sarkeesian und Co., biologische Konstruktionen usw. nach wie vor wären – wo offenbar immer noch die Meinung vorherrscht, dass die „Natur“, „Gott“ oder sonst wer über ein „Frau“-Sein bestimmt.‘

18. Juni: ‚Und ich weiß nicht woher diese Feindseligkeit dabei ständig kommt. Mir gefällt diese aggressive Sprache gegenüber anderen Menschen wie Fremden im Übrigen auch nicht, ob das was ich schrieb nun „geschwollen“ war oder nicht.
Denn bevor von einer „Gleichstellung“ gesprochen werden kann muss erst einmal gewusst werden was überhaupt „gleichgestellt“ werden soll, wobei eine Gleichstellung von Menschen dabei eher die Ausgangslage ist als ein Ende von Prozessen – eben ungeachtet von etwa Geschlecht(erkonstruktionen). Aber vielleicht sollte sich so erstmal darüber informiert werden was mit dem Begriff „Gender“ eigentlich gemeint ist, das heißt eben kein biologistisches Geschlecht (!). Also eigentlich gerade nicht der Sexus, wenn der Hinweis antiintellektuell nicht wieder zu „geschwollen“ wäre, sowie damit auch kein Bezug zu einem „Funktionieren“ von Menschen, deren Leistungsfähgikeit, Gesundheit oder gar Medizin.
Mal vorsichtshalber wohlwollend vorausgesetzt der Rest war nicht gleich behindertenfeindlich gemeint – fremdbestimmt dahingehend, dass die „Natur“, „Gott“ oder sonst wer bestimmt wer eine „Frau“ oder ein „Mann“ sein darf, und wer nicht.
Genau das meinte ich im Übrigen auch mit meinem Hinweis auf Körper, „physiologische Unterschiede“ wie bei Behinderungen. Nur solange da offensichtlich so sehr viel diskriminierende Menschenverachtung, abgesehen von einer vielleicht vorhandenen Akzeptanz für biologisch geborene Frauen und deren Physiognomie, vorhanden ist, ist wohl erst keine Rücksicht zu erwarten und wird weiter äußerst einseitig vorgegangen werden.‘

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2 Antworten zu Neuer Kommentar zu Anita Sarkeesian

  1. buzzti86 schreibt:

    Ich habe mir die letzten Videos von Ihr gar nicht mehr angesehen (genauso verzichte ich auf die Contra-Videos, die teils oft noch schlechter sind). Was meintest du hierzu im Bezug auf „Watch Dogs“?

    • pyri schreibt:

      Stimmt, der ganze Antifeminismus der ihr für gewöhnlich entgegnet wird ist mit seinen negativen Gefühlen oft noch weitaus übler. Das Schlimme aus meiner Sicht ist, dass die Vorwürfe von Sarkeesian erst dadurch gewissermaßen stets zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung (nach Merton) werden und sie damit indirekt quasi immer auch bestätigt wird, ebenso wie die Presse, welche sie fördert. Mit einer Aggressivität die bereits ursprünglich vorgeworfen wurde, aber auch einer gewissen Hilflosigkeit – was in dem Fall etwa anhand der ganzen Blondinenwitze da bei IDG (neben meinem Kommentar) abzulesen ist. Diese „Kritik“ will Videospiele etwa dadurch scheinbar anerkennen, indem sie sie an die Wahrnehmung anderer Medien „angleicht“, obwohl es diese einheitliche Wahrnehmung von etwa Literatur oder Film ja gar nicht gibt. Überhaupt nicht gibt es die – im Gegenteil ist allein schon so ein Ort wie die E3, wo traditionelle „Indie“-Spiele (ich fing nebenbei etwa an „richard & alice“ zu spielen, oder beendete „Stranded“) keine Rolle spielen, wenn sie keinen Vertrag mit einem der großen Konzerne dort haben. Und dieser Ort E3 (L.A.) ist insofern bereits eine große mediale Ausnahme, ebenfalls als Gemeinplatz: beim Film sind etwa Sundance, die Comic-Con, Oberhausen und Cannes ganz unterschiedliche Filmorte. Nur die Videospiele sollen sich anpassen indem sie möglichst unproblematisch werden und „für alle“ sozusagen da, das verstehen die „Kritiker“ dabei scheinbar auch allein unter ihrer „Kritik“ an Inhalten – während das unerwünschte Andere möglichst außen vor bleiben soll, sei es nun die „Gewalt“ oder der „Sex“ (welcher oft ohnehin nur zaghaft vorhanden ist). Wobei mir bei „Watch Dogs“ bislang vor allem die jüngeren Nebenfiguren missfielen, ich vor allem die weiblichen wie die Schwester oder Clara an den Rand gedrängt sah – aber halt nicht nur die. Denn ich finde auch, na ja, den ganzen Drama-Aspekt dieses Spiels nicht gelungen – mehr dazu möglicherweise in einem meiner „Ersteindrücke“ im Juli oder August. Ich bin mir aber noch unsicher wie ich das im Verhältnis zu Lucy aus „Assassin’s Creed“ werten möchte. Vieles in „Watch Dogs“ scheint mir nämlich ein Nachhall von dessen besonderer, narrativer Konstruktionen zu sein. Vielleicht spiele ich deshalb vorher auch dieses Spiel noch zu Ende, nach sieben Jahren wäre es wohl mal Zeit, also bevor ich mich zu „Watch Dogs“ weiter äußere. Ansatzweise habe ich das hier aber schonmal getan: https://almrausch.wordpress.com/2014/06/06/weiterer-versuch-eines-kommentars-zu-watch-dogs/

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