Die Freundlichkeit der Zensoren, oder: neue Kommentare zu den (nationalen) Topoi der Standorte und Standpunkte

Zunächst als Replik bei IDG: ‚Zumal die BPjM in Zusammenarbeit mit der KJM gerade Links zu geleakten Listen ihrer „nicht-öffentlich“ indizierten Webseiten unter Androhung eines Verfahrens wegen „Verbreitung von Kinderpornografie“ verfolgt.
Listen auf denen sich etwa auch die Produktseite der Xbox-360-Version des ersten „Dead Island“ bei Amazon.co.uk befindet. Und wo dann in Berlin etwa gerade das Sequel zu einem Titel, der in solchen Zusammenhängen steht, entsteht.
Breitlauch und Co. machen es sich da auch leicht, wenn sie auf Alterskennzeichnungen verweisen. „Dead Island 2“ wird diese in Deutschland bei einer auch nur ähnlichen Gewaltdarstellung wie zuletzt noch in „Riptide“ ja sicher wieder nicht bekommen. Und dann erneut dermaßen kriminalisiert werden, sich am Ende womöglich wieder nebst Nazis und Dokumentationen von derlei Straftaten, infamer Weise in Gesellschaft solch abscheulicher Verbrechen, behördlich wiederfinden.
Ein kulturpolitisches Armutszeugnis sondergleichen und eine eklatante Diffamierung von allem, das nicht in die vorgegebene Normwelt des Guten und Schönen passt, jener Ausgrenzung bloß vorgeblicher „Gleichheit“ – sonstiger Ablehnung. Egal ob es nun die auch missliebige Konsenssexualität, eine Verhüllung weiblicher Körper samt entsprechender Blickverbote, oder fiktionale Gewaltdarstellungen angeht. Denn wenn dem auch nur so wäre wie beim Film, dann ebenfalls Borowczyk’s Segment aus „Immoral Tales“ halt gleich gar nicht in Oberhausen gezeigt worden… Aber nein, so war das ja nicht. So ist es nur bei den „Sch*** Videospielen“ – http://www.vice.com/alps/read/games-videospiele-sind-der-groesste-scheiss
‚Ist das jetzt noch Österreich hier, oder bin ich schon wieder in Deutschland? Denn die „Elite“ seit ja wohl immer noch Ihr.
Ihr schreibt hier und gebt keinem anderen Denken Gelegenheit dazu. Die Seilschaften in die benachbarte Zensurrepublik und der allgemeine Moralchauvinismus im gesamten deutschsprachigen Raum bestimmen Euer einseitiges Denken. Nichts anderes.
Und egal ob Ihr nun Sigl, in Maßen Wilhelm, oder Dobersberger heißt, ob Ihr anders vom ausgrenzend-diffamierenden Kulturbegriff der Gerd-Bacher-„Zwangsbeglückung“sanstalt beflügelt werdet, oder doch nicht: alles was Euch nicht in den Kram passt, wird entweder mit dieser Fäkaliensprache belegt, oder in der einen oder anderen Form als „Pornographie“ beschimpft, für „sexistisch“, „rassistisch“ oder gleich „militaristisch“ erklärt. Egal ob es nun um Erotik jenseits Eurer Sozialnormen vulgo „Inklusion“ geht, oder als „Morde“ etc. denunzierte Gewaltdarstellungen. Ob um Fantasien von Reichtum oder auch nur die kleinen Freuden um Erfolgserlebnisse in Mainstreamtiteln des Casual-Bereichs – scheinbar alles das Ihr nicht versteht, Eurer eigenen Gesinnung widerspricht oder Euch auch nur ganz einfach ästhetisch zuwider ist, müsst Ihr wohl schlecht machen.
Sein Publikum im schlimmsten Fall wie hier pathologisieren, selbstgerecht für unreif oder „aggressiv“ erklären usw. Und diese ganze einsilbig einzellige Position, hält sich vielleicht zwar vorgeblich noch für weltoffen, ihre Ablehnung und Verachtung für alles das ihr nicht entspricht beginnt aber schon gegenüber allem diesbezüglich Fremden nebenan. Allem das diese „Einstellungen“, diesen „verschwurbelten“ Teeextrakt aus Schwarzem und Weißem Holunder, etwa nicht teilt, wo es eben nur eines nicht gibt: Schattierungen von Grau. Selbst wenn die Welt zum Großteil genau daraus besteht, transportiert Ihr vielleicht nur antiamerikanistische Verschwörungstheorien. Für etwa „Frieden“ in und „Entrüstung“ von Kriegsspielen, auch wenn genau das gleiche über die mangelhaften Schadensmodelle der Automobilindustrie in Rennspielen gesagt werden könnte.
Weil Ihr zum Beispiel schonmal bestimmt was „Kritik“ sei, „kritisch“ wäre – zum Beispiel dass eine Fahne andersherum aufhängen kein „Hurra“ ist, aber dafür ein „Medal of Honor“ abscheulicher „Patriotismus“.
Im Grunde hasst Ihr traditionelle Videospielinhalte mittlerweile doch genauso wie die Generationen vor Euch: Eure Lehrer, Eltern, Onkel, Tanten, sonstige Verwandte oder dereinst Erziehungsberechtigte, welche Euch vor dem Teufelszeug sowieso schon immer gewarnt hatten. Weil Ihr jetzt „erwachsen“ geworden seid, Euch für etwas besseres haltet usw. Und Ihr ertragt es nicht, dass es nicht nur „Indies“ gibt welche sich Euren neu gewonnen ästhetischen Interessen und veränderten Zugängen anpassen, sondern das Gros weiterhin exploitativ anstößig geblieben ist, den „Werten“ Eures linksbürgerlichen, ach so diversifizierten Neuen Biedermeiers nicht entspricht. Eurem ureigensten Wertkonservativismus und Eurer Vorstellung von „guter Politik“.
Denn Eure Aufgeschlossenheit, „Reflektion“sgabe endet unmittelbar im nächsten Menschen, der Eure Auffassungen nicht teilt. Dort beginnt nämlich bereits diese Brutalität, menschenverachtende Fremdenfeindlichkeit, Eure abscheulichen Hassreden: Ihr gebt zwar auch intellektuell vor (stattdessen oder trotzdem?) „reflexiv“ sein zu wollen und gerade deswegen ebenfalls Alternativen mit zu fordern, Eure Akzeptanz, Euer „Geist“ und „Verständnis“ endet dafür demnach aber wiederum schon im eigenen, „lieb“ gewonnen „Freundeskreis“ usw. Bei Euren gesunden und „funktionierenden“, zumindest angepasst-„integrierten“ Körpern, Eurer Schminke, Euren Flanellhemden und den Designerklamotten die Ihr für gewöhnlich trägt. Ganz einfach weil sie Euch auch passen tun. Und es ist schon schlimm genug, wenn in der Wissenschaft Eure negativen Gefühle aus diesem überaus einseitigen Journalismus vielfach geteilt werden, noch weitaus übler ist es allerdings, wenn Ihr Eure „Fundamentalkritik“ an allem das anders ist als Ihr es seid, anders denkt oder auch nur wie ein „sexuell frustriertes Kellerkind mit Asperger“ aussieht gar für „Realität“, „Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ haltet.‘

Der obige Versuch eines Facebook-Textes auf Vice erfolgte in Anlehnung an Gerd Bacher, Zwischen Zwangsbeglückung und Schwachsinn. Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in einer Medienwelt, die sich vor allem rechnen muß. In: Rundfunk-Kultur und Kultur-Rundfunk, ed. Walter Hömberg (Münster/Hamburg/London 2000) 13ff.
Ich danke Gerd Bacher (und natürlich Michael Haneke) für die unfreiwillige Inspiration.

Auch: „Zwangsbeglückung“ ist immer noch ein Euphemismus für Vergewaltigung. Denn nach Jahrzehnten sind jetzt scheinbar erstmals die geheimen, pardon „nicht-öffentlichen“, Filterlisten der Bundesrepublik Deutschland publik geworden. Und zwar eben nicht jene, welche 2009 mit allem nur erdenklichen politischen Radau noch verhindert worden waren, sondern die welche es nebenbei stillschweigend – weil eben „nicht-öffentlich“, aber von Gesetzwegen als solche auch doch schon immer in ihrer Existenz bekannt – schon immer gab.
Bloß interessierten diese anscheinend nicht, weil es dabei ja immer „nur“ um „Jugendschutz“ ging. Anders als vor fünf Jahren. Und dass sich daran auf absehbare Zeit auch wieder nichts ändern wird, davon zeugen Kommentare wie dieser von Markus Beckedahl: „Wir freuen uns, dass wir wenigstens vorher von der KjM angerufen worden sind und nicht sofort ein Verfahren eingeleitet wurde. Das war freundlich und höflich, auch wenn uns das Ergebnis des Telefonats jetzt nicht so erfreut.“
Ebenfalls Hinweise wie dieser auf der notorischen CHIP wiedergegeben, sprechen eine deutliche Sprache: „Die BPjM weist zudem auf das Risiko hin, das von der Liste ausgeht: Einige der verlinkten Webangebote können allein durch den Aufruf der entsprechenden Website strafrechtliche Ermittlungen gegen den Besucher der Seite nach sich ziehen.“
Beide Fälle von Journalismus diesbezüglich zeugen von der tatsächlich entwaffnenden Naivität, wenn es um diese „Webangebote“ geht: es wird nicht gefragt wie etwa die BPjM einer Devise „Löschen statt Sperren“ nachkommt, wie die internationale Zusammenarbeit dort eigentlich funktioniert, da herrscht offenbar Gutdünken und Wohlwollen vor. Der Paternalismus im BPjM-Hinweis verschleiert auch den seinerseitigen Verweis auf eine beinahe schon unglaubliche TäterInnen-Opfer-Umkehrung: den Hackern, JournalistInnen usw., wird also „Verbreitung von Kinderpornografie“, vorgeworfen, Dokumentationen von Straftaten welche die BPjM demnach zwar fein säuberlich in ihren Listen sortiert hat, aber doch nicht in der Lage war diese zu entfernen?
Und warum nicht? Weshalb können diese Listen gar zu existenten „Angeboten“ führen, die auf solche Verbrechen hinweisen? Oder wie kann es diese verbrecherischen Darstellungen anders überhaupt noch geben? Welche „nicht-öffentlichen“ Kenntnisse herrschen da überhaupt vor und weshalb wird dagegen nichts gemacht, wird mittels dieser autoritären Listen insgeheim unliebsames Geistesleben mitten in Europa mit den größten Verbrechen (oder deren Leugnung) in Verbindung gebracht – wenn schon nicht „gleichgestellt“?

Update: Eingangslink ausgebessert (verwies ursprünglich auf einen Artikel vom April, um Kalypso und „Rise of Venice“ als „Serious Game“ beim DCP).
Weitere Replik bei IDG: ‚Weil es halt letzten Endes ständig nicht darum geht, dass Videospiele anerkennt werden, sondern ein Videospiel „darf“ dann etwas wenn es auch sonst entsprechend angepasst sein würde.
Ja, vermutlich auch da „Spec Ops – The Line“ vielleicht etwa deshalb gerade „kritisch“ gewesen wäre, weil es SoldatInnen als „krank“ etc. dargstellt hat. Plakative „Kritik“ als Selbstgerechtigkeit.
Diese Form von „Selbstzweck“. Welche „Reflektiertheit“ usw. auch da immer nun dahinter stehen soll.
Und alles mal wieder garniert mit den ganzen altbekannten, autoritären Kunst- und Kulturbegriffen – „Kunst“ als Auszeichnung für gütige Schönheit, „Kultur“ als Normvorgaben eines Miteinanders das wiederum bloß Gleichgesinnte kennt. Alles andere das sozial nicht ins Bild passt, nicht in diese ureigene „Trope“, mitsamt ihren Genre-Konventionen etc., wie üblich ausgrenzend. Und insgesamt ein Demokratieverständnis das eben ich nur als „Schande“ empfinde.‘

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