Neuer Kommentar bei der Heinrich-Böll-Stiftung

Text: ‚Als Mensch mit Behinderung macht es mich zunehmend betroffen, wenn ablehnend auf die Angabe von Menschen als diesbezügliche „Waren“ reduziert wird, oder anders das eigentliche „Produkt“ dermaßen abstrahiert, dass es – zumindest für mich – keineswegs mehr erkennbar ist. Während die Sexualwissenschaft wohl Hinweise darauf gibt, dass die Nutzung entsprechender Angebote, ähnlich wie das Phänomen der Masturbation, nicht unbedingt eine Ersatzhandlung darstellt, vielleicht nicht einmal eine Alternative, sondern womöglich eher eine Ergänzung – jedenfalls Teil einer auch ansonsten gelebten Sexualität – ist.
Und in den Breitenmedien wie tagsüber dem freien Fernsehen ist Sexualität dabei mehr denn je etwas zutiefst Oberflächliches, etwas Klinisches das über Gesundheitsdispositive wenn dann höchstens sozialen Problemen usw. zuträglich wäre, als Zündstoff für plakative Konflikte, Pathologisierungen etc. taugt. Ansonsten aber, das heißt wenn sie (die Sexualität) „funktioniert“, als rechtliche Norm hingestellt, vertreten und anschließend weitergehend totgeschwiegen wird.
Ihr öffentliches Vorhandensein, zum Beispiel in der Werbung, wird zwar auch vielfach beklagt, aber das beschränkt sich für gewöhnlich wiederum auf eine bloße Feststellung, Empörung oder Entrüstung: der Sache, dem Gegenstand Sexualität, näher gekommen wird dadurch nicht. Geschweige denn dem damit ständig einhergehenden Fantasma.
Ja: die Problematisierung einer Objektivierung ist ein wesentlicher Punkt. Etwa, wenn mir als „kranken“ Behinderten persönlich deutlich gemacht wird, dass ich keine „gesunden“ Körper sehen dürfe. Das andere Geschlecht (Simone de Beauvoir) für meinen Fall sozusagen sogar noch doppelt verhüllt werden soll. Die Mehrheit vor der Minderheit.

Dennoch kreisen die Angebote um eine bestimmte Wahrnehmung sexueller Frustration und Ausgrenzung. Nur eben jene Ausgegrenzten und Frustrierten haben in diesen Debatten scheinbar keinen Platz.
Doch was wird für diese, häufig bereits zu (männlichen) Tätern stilisierten Gruppen, unternommen? Wer setzt sich für sie ein? Wer verringert oder kultiviert das Ausmaß der häufig inkriminierten „Produkte“?
Besonders problematisch ist diesbezüglich etwa ein einseitiger Begriff von „Gewalt“: so wird im Rahmen von zum Beispiel BDSM „Gewalt“ abgelehnt, als „Kollaboration“ mit verächtlich gemachten „Männerfantasien“, die Bestimmungen über jene sexuell Frustrierten und Ausgegrenzten fallen gleichzeitig jedoch keineswegs, sondern werden gefühlt im Gegenteil immer weiter ausgebaut – auch weil sich etwa hier niemand dazu bekennen wird, zu jenem Kreis von Personen zu gehören die von „Verboten“ etc. unmittelbar betroffen wären.
Gerade andere „Männer“, welche vorgeben sich mit „Frauen“ diesbezüglich solidarisieren zu wollen, schüren diesbezüglich erfahrungsgemäß oft einen nahezu unbändigen Hass, jedenfalls Massen an negativen Gefühlen, gegen jene „die es nötig hätten“ usw. usf. Als soziale Abgrenzung von Fähigen, Glücklichen, der Zufriedenen, letztlich immer von den „Gesunden“ und „Normalen“.

Nur wie sah die Legalisierung von etwa „Prostitution“ als Gewerbe auch aus? Die sogenannte „Sexarbeit“ mag zwar legalisiert worden sein, die patriarchale Gewalt wurde gleichzeitig jedoch nicht abgeschafft. Es wurde praktisch nichts unternommen um eine andere Kultur diesbezüglich herzustellen, es fand keinerlei Befreiung aus kriminellen Milieus in einem institutionellen Sinne statt, keine ethische Anerkennung. Jegliche Sozialarbeit drehte sich um fortgeschrittene Viktimisierungen der Dienstleistenden. In Deutschland sind etwa zusätzlich nur einige Corporate Brothels (mehr) entstanden, welche diese Form der Prostitution in Richtung Konzernambiente, kapitalistisch verstärkt, verlagert haben. Mehr nicht.
Am allerschlimmsten und eklatantesten ist, dass es trotz der unmittelbar sozialen Dimension dieser „Sexarbeit“ dafür praktisch keine geordnete Ausbildung gibt. Und als außenstehender Historiker kann ich die Übernahme der Eigendefinition eines „Radikalfeminismus“ ebenfalls nicht nachvollziehen. Auch anderer Feminismus kann schließlich „radikal“ sein.
Die Radikalität dieses dominanten, politische Handlungsoptionen eröffnenden Feminismus besteht vielmehr in der Annahme einer Differenz von Körpern und Interessen. Ausgehend von einer „Sexualpolitik“ welche sich bereits ursprünglich solitär um weibliche Fortpflanzungsorgane drehte.
Seine Stärke liegt dafür im ökonomisch klaren Blick. Eben bei jenen Machtverhältnissen, von negativ interpretierter „Ausbeutung“ bis hin zu Verbrechen wie Menschenhandel: die patriarchale Gewalt in der real existierenden „Sexarbeit“ ist unübersehbar. Und insofern wird hier, teils widersprüchlich, über Körper identitätsstiftend bestimmt, etwa dahingehend wer ein „Mann“ oder eine „Frau“ sein dürfe – was die jeweiligen Konstruktionen performativ konstituieren würden usw.
Und insofern kann ich dem Kommentar von Dagmar Hermann auch nicht ganz folgen: ginge es tatsächlich um Nivellierungen dieser Konstrukte, um eine Beseitigung jenes menschenverachtenden Biologismus, dann würde auch „Frauen“ zugestanden werden Interessen zu verfolgen, welche bei den „Männern“ traditionell verächtlich gemacht werden sollen, oder für gewöhnlich abgelehnt werden. Nein: im Gegenteil tritt immer nur das Gute und Schöne, die Funktion, Form oder Norm von Verhalten in den Vordergrund. Eine gewisse kulturelle Sauberkeitsvorstellung, das heißt nicht nur eine legitim politische. Und entscheidend ist dabei wahrscheinlich die Ideologie des Realismus welche über allem zu schweben scheint, wonach eine „echte“ Frau oder ein „echter“ Mann halt immer noch etwas anderes wären als eine bloße Inszenierung. Menschen leider weiterhin nach ihrer Körperlichkeit beurteilt, eingeschätzt und diskriminiert werden. Denn letzteres bedeutet immer zu unterscheiden.‘

Update 24. Juli. Ergänzungen als Repliken auf „Stigma Videospiele“: ‚Es hätte “kritisch” auch von einer romantisierenden “Verharmlosung” oder gar “Infantilisierung” des zumindest potentiellen Kriegsgeräts gesprochen werden können. Stattdessen könnten solche Sachen ausnahmsweise “beim besten Willen” nicht einmal vorgeworfen werden. Immerhin.
Denn ohne eine moralisierende Dimension mit “Krieg” oder “Nazis” scheint es nunmal nicht zu gehen – egal welche deutschen Flugzeuge da in der Erinnerung wann angeblich auch immer über japanische Himmel geflogen sind… Immerhin wird ebenfalls der “Zeichentrick” nicht gleich mit einer manipulierenden Militarisierung von Kinderfantasien assoziiert, vielleicht im Gegenteil sogar selbst noch als doch eindeutig “kritisch” wahrgenommen. Die Intention des Films sehe ich, in Hinblick auf die Wissenschaftsgeschichte, als jedenfalls korrekt wiedergegeben an.
Allerdings war ich baff erstaunt als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal wirklich “Die letzten Glühwürmchen” sah. Ich dachte wegen der Rezeption dort auch, das wäre ein “Antikriegsfilm” um Leid nach sogar Atombomben. Dabei ging es nicht um nukleare Verseuchung, sondern eine Nachbarschaft samt Verwandte die Kinder einfach verhungern ließen, und der Ressourcenmangel wegen des Kriegs stellte für diese weit eher eine bloße Ausrede dar. Also wäre ich vorsichtig, denn schon “Porco Rosso” verarbeitete Geschichte überraschend.
Während so technische Details allgemein zu sperrig sein werden. Auch sind tradierte Fehler bei Währungsumrechnungen wohl einfach zu geläufig und zu wenig spezifisch für diesen Blog, während das Thema “Schleichwerbung” allein deswegen ständig gern genommen wird, weil es auch ideologisch als antikommerziell gut reinpasst.
@Skully
“Die japanische Politik” regte sich doch gar nicht auf, sondern es werden die üblichen Diskurse in Japan wiedergegeben. Und diese genannten Formen von japanischer Erinnerungskultur werden doch auch jedes Mal ausgiebig “kritisiert”, sofern sie hierzulande auch nur gelegentlich zur Sprache kommen. Nicht einmal diese deutsche Berichterstattung hatte an dem Film etwas auszusetzen, betonte die sublimen Qualitäten einer “Leitfigur” im Film, gewissermaßen die erhabene Würde eines alten Filmweisen. Wie doppeldeutig das auch immer verstanden werden kann, denn offenbar bedarf es einer Autorität wie Miyazaki um diesbezüglich etwas in Bewegung zu bringen…

@Rob
Ich erwarte von einem Journalismus jedenfalls nicht, dass er in erster Linie eine eigene Meinung wiedergibt. Auch finde ich es überaus oberflächlich zu glauben, dass es „Werbung“ nur für bestimmte, klar abgrenzbare Produkte eines Marktes geben kann.
Das entspricht wiederum schon weit eher einer klar vertretenen Ideologie, nämlich jener des Antikommerzialismus. Oder: in der Naturheilkunde wird eine „Chemie“ diffamiert, wenn nicht schlimmeres, während „Skeptiker“ mit ihrer „Vernunft“ und „Aufklärung“ anderer Leute Glauben verächtlich machen wollen.
Nur „Werbung“ kann es auch für (politische) Konzepte geben: Konzepte wie „Sicherheit“ (zum Beispiel beim Thema „Terrorismus“), oder „Gesundheit“ (etwa bei medizinischen Themen). Oder wieso fragt niemand danach was eigentlich „Kritik“, „kritisch“, wäre?
In Sachen Körperpolitik werden immer nur funktionierende Normen berücksichtigt und vertreten, das geht bis hin auf die bloße biologische Ebene einer Existenz von einzelnen Organen oder Gliedmaßen. Außer es wird bewusst mit Betroffenheit gearbeitet, das Anderssein explizit als Thema geheuchelt. Im Charitybereich etwa vor allem zur Weihnachtszeit.
Auch in Genderfragen wird oft genug ein reiner Dualismus angenommen – zwischen geborenen, biologischen Existenzen. Während Ismen dann wiederum auf allein diese Vorstellungen aufbauen.
Ich erwarte, dass sich doch wenigstens versucht wird in andere Lagen hinein zu versetzen. Das verstünde ich dabei ebenfalls unter Empathie. Und das erwarte ich ganz einfach auch von Leuten die diesbezüglich dann vielleicht noch vorgeben sich selbst für „reflektiert“, „reif“ oder sonst was in die Richtung zu halten.
Doch stattdessen lese ich häufig lediglich Schimpftiraden, die vielleicht anderen noch „Aggression“ oder „Gewalt“ vorwerfen. Absurd.
Und da denke ich zum Beispiel an eine einseitige Kriegsberichterstattung in Hinblick auf Frieden und die Rolle von SoldatInnen die ihrem Beruf erfolgreich nachgehen wollen: wenn ich immer nur „Frieden“ und Gewaltverzicht aus der Position einer über den Dingen stehenden Beobachtung von außen im Auge habe, und damit noch dazu einem einzigen ethischen Impetus entsprechen soll, kann das in meinen Augen nichts werden, außer einseitig. Und diese Einseitigkeit kann dabei schonmal sehr grundsätzlich sein: zum Beispiel wenn keineswegs berücksichtigt wird, egal ob jetzt in der Ukraine oder im Nahostkonflikt, dass ein Konzept wie „Frieden“ ohne „Krieg“ schonmal keinerlei Sinn macht und etwa nicht gefragt wird, wer vom „Frieden“ eigentlich „profitieren“ würde, und wem dieser schadet. Da geht vieles schon sehr in Richtung George Orwell, wo es auch nur mehr „Tugenden“ gab, „doppelplusgut“, und jedes Laster, alles Negative, aus der Welt bereits verschwunden ist. Doch die Frage ist was dann noch übrig bleiben kann. Auch in Hinblick auf Kriminalität usw.‘

25. Juli. Sowie (nach einem Monat Pause) wieder beim Standard: ‚Und Sie meinen nicht, dass diese Situation der Erziehung in Ihrem sozialen Umfeld geschuldet ist? Dahingehend wen Sie alles überhaupt „kennen“ oder zu „kennen“ glauben? Ich erinnere mich etwa auch noch an meine Kindheit: sobald ich mich einer
Gesellschaft anpassen wollte übernahm ich aus dieser auch entsprechend vorherrschende Einstellungsmerkmale. Wie Homophobie etc.
Also die ganzen, vorgeblich „männlichen“ Identitätskonstrukte. Aufgrund meiner angeborenen Biologie – samt Verbote mit Puppen spielen zu dürfen usw. Pasolini hat das etwa schon in Hinblick auf den italienischen Faschismus bemerkt
Doch was geschieht hier wieder? Nichts als Ab- und Ausgrenzungen gegenüber allen Nicht-Gleichgesinnten und ihre Leben
Nur woher deren Vorurteile und Sichtweisen kommen wird wieder nicht gefragt. Wer gar auf solche Ideen kommen soll: nur die übliche sexuelle Denunziation vorgetragen, Solidariserungsbekundungen im angeblichen Geschlechter-Dualismus. Die Reporterin war übrigens Carolyn Petit.‘ Nachlese: Kotaku 2011 über menschenverachtende Reaktionen angesichts ihres Aufritts mit „L.A. Noire“. Branchen-Hetze 2013 wegen ihrer GTA-Rezension, samt einer „Petition“ gegen ihre Person: GameSpot (im Besitz von CBS) hätte sie damals, wie dereinst kolportierter Weise einen Jeff Gerstmann, deswegen entlassen sollen…

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