Ersteindruck „The Forgotten Ones“ – das wahrscheinlich schlechteste Spiel auf Steam, oder: wie kann ein Jude doch ein „Arier“ sein?

„The Forgotten Ones“ ist eine Total Conversion von „Half Life 2: Episode Two“, eine Modifikation also, die aber kürzlich als regulärer Release gratis auf Steam erschien. „The Forgotten Ones“ soll wohl ein Horrorspiel sein.
Und ist als solches nicht das erste seiner Art, auch die erste Episode von „Haunted“ oder „Haunted Memories“ ist dort als ähnlich gelagerter Titel bereits kostenlos erhältlich. Aber der Reihe nach: zunächst fällt auf, dass das Intro von „The Forgotten Ones“ visuell praktisch nur aus historischem Filmmaterial von Vernichtungslagern (!) besteht.

Das eigentliche Spiel beginnt dann damit, dass für einen Kollegen im Büroambiente einer Stadt der Lunch aus einem benachbarten Lokal geholt werden soll, bevor man nach einem gewissen Schienzel suchend nächtens aufs Land fährt. Das Intro klärte aus dem Off über diesen Herrn bereits auf: er wird als „geheime rechte Hand“ vom Mengele vorgestellt, wobei die jüdische Familie des Protagonisten als Opfer eben dieses imaginiert wird.
So weit, so eine vermeintlich einfache Nazisploitation-Rachegeschichte. Doch weit gefehlt: bald wird unklar, wer sich da eigentlich rächen soll, da mit Schienzels Butler eine dritte, dazwischen liegende Figur eingeführt wird, welche zwar Sympathien für den Protagonisten hegt, dabei aber auch mehr wie ein trauriger Geist wirkt. Als ich zum Spielen aufhörte, hatte ich jedenfalls eher den Eindruck dass sich Schienzel am Protagonisten rächen will, weil dieser ihn bei seiner Arbeit gestört hätte und das eigentliche Opfer der Butler wäre.

Abgründe der Videospielkultur

Bei Steam gibt es zwar massenweise Verrisse von der Veröffentlichung, aber kaum einer der Beiträge geht auf diese inhaltlichen Implikationen auch nur ansatzweise ein. So wird „The Forgotten Ones“ bedenklicher Weise nur als – wie üblich – „Trash“ abgetan, ohne darüber Auskunft zu geben wovon in dem Spiel eigentlich erzählt wird: das Spiel sei für Leute gemacht, heißt es, die auf „Jumpscares“ stehen würden – das scheint mittlerweilee ein neuer, abwertender Modebegriff geworden zu sein, wie dereinst „Folterporno“ für Folterhorror – um sich von einem diesbezüglich affinen Publikum abzugrenzen.
Intertextuelle Analyse? Fehlanzeige, wobei eine so geschaffene normative Situation es wohl auch schafft das gesamte, inflationäre Medium Videospiel mit der Aura des Trivialen zu umgeben. Wer soll die ganze Flut an Releases, mittlerweile Tag für Tag allein auf der Plattform Steam, wahrnehmungstechnisch auch nur ansatzweise nunmehr bändigen können?
Die exklusive Empörung richtete sich zunächst vor allem auch um die Integration eines Easter Eggs mit einem bekannten YouTuber, sowie um Collectibles mit einem mir vorher unbekannten E-Sportler namens „Stephano“. Dieses YouTube-Easter Egg wurde mittlerweile entfernt, dafür gibt es für die Sammlung um den E-Sportler jetzt sogar ein eigenes Achievement. Scheint so etwas wie ein Lionel Messi des E-Sports mal gewesen zu sein.

So weit, so oberflächlich – gebe es doch ganz andere Sachen die einem bei „The Forgotten Ones“ aufregen könnten und allesamt die Frage stellen was Valve da hochoffiziell so alles auf ihre Plattform lässt, publiziert über das mittlerweile altgediente Greenlight-System und scheinbar ohne jede Form nachdrücklicher Qualitätssicherung: mein „Ersteindruck“ endete etwa schon mit der Begegnung des ersten „Gegners“ im Spiel, einer flackernden Kreatur als Monstrosität nach etwa anderthalb Stunden, welche sich einem grauenhaft animiert in den Weg stellt und auf die offenbar, fast wirkungslos, mit einer altertümlichen Pistole geschossen werden soll: so ungefähr dürfte sich Bernd Graff gefühlt haben, als er „Doom“ spielte. Ästhetisch angewidert, von einem Videospiel persönlich beleidigt, sprachlos und betroffen zugleich gemacht.
Zwei Tage hat es gedauert, bis ich mich von der Erfahrung – die gerade mal ein paar Sekunden dauerte – jetzt wieder einigermaßen erholt habe. Nach drei Jahrzehnten das erste Videospiel von dem ich spontan das Gefühl hatte, Schmerzensgeld verlangen zu sollen. Und dabei habe ich dafür gar nichts gezahlt.
Das erste Mal schaltete ich Untertitel hinzu, nicht weil ich das Gefühl hatte einen nuschelnden Native Speaker nicht folgen zu können, sondern da der Sprecher des Englischen offenbar nicht mächtig genug war, angesichts des Textes den er da wiedergeben sollte. Nur bei dem anscheinend in Italien entstandenen, englischen Dub eines Tinto-Brass-Films, erging es mir vor vielen Jahren ähnlich.

Erinnerung zum Abgewöhnen

Höchst fragwürdig auch, woher das gesamte Quellenmaterial stammt, das für dieses Spiel verwendet wurde. Auch ganz abgesehen von den KZ-Szenen im Intro.
So ist es mit allerlei bekannter klassischer Musik unterlegt, die ein Pasolini wohl als faschistisch apostrophiert hätte. Aber auch mit einer Aufnahme von „Lilli Marleen“, welche zu Beginn durch die ganze Spielwelt dröhnt. Zugepflastert ist diese erstmal mit vielen, meist völlig unpassenden, historischen Plakaten, von nicht minder fragwürdiger Herkunft, auch viel Nazipropaganda ist dabei.
Das Ambiente erinnerte mich spontan an ein von den Nazis besetztes, notdürftig germanisiertes Kuba. Irgendwie karibisch.

Dabei dürfte es sich jedoch vielmehr um Baden-Württemberg handeln, schließlich ist so was wie der Schwarzwald ganz in der Nähe. Nur heißt der, und jetzt kommts, nicht Schwarzwald, sondern „Swastika-Wald“. Das muss man sich mal vorstellen. In einem doch anzunehmenden Nachkriegsdeutschland…
Die Inspiration dafür dürfte ein gewissermaßen „politisches Naturphänomen“ gewesen sein, wozu es in der englischsprachigen Wikipedia sogar einen eigenen Artikel namens „Forest swastika“ gibt. Die deutsche kennt diese „Hakenkreuzwälder“ bezeichnender Weise gar nicht, wobei es sich entweder um zufällige Launen der Natur oder nationalsozialistische Wiederbetätigung gehandelt hat. Aufgetaucht sollen „Wälder in Hakenkreuz-Form“ übrigens im gesamten eurasischen Raum sein, von Brandenburg (letztes Jahr auf Spiegel.de, mit Bezug auf die frühen 1990er Jahre) bis Kirgisien (New York Times 2006)…
In Hinblick auf „The Forgotten Ones“ am allerschlimmsten war allerdings schon lange vorher die Erkenntnis einer Zusammenfassung der Spielhandlung für mich, welche während des Spiels in Form innerer Monologe und Erinnerungsfetzen wiedergegeben wird, sich auf der Homepage aber auch geballt wie folgt – in gebrochenem Englisch – wieder findet. Diese verdaue ich immer noch: „You are to be Grobuskna Vladinov. He was raised in Krakow, Poland but his family moved to Germany close to Swastika Forest during the second world war, his family were jewish. But Grobuskna himself is a part of the Aryan race. One morning just like any other morning, the Germans had decided to take captive all Jews. And their neighborhood got struck by the army, but since Grobuskna’s family was different from the other Jews( they were Aryans) they were taken by Schienzel, who is the secret right hand of Josef Mengele.“
Ich kann mir vorurteilsweise etwa vorstellen, dass es in mutmaßlich provinziellen Gegenden die auch andere (wie etwa katholische) antijüdische Traditionen kennen, antisemitische Milieus gibt, die dermaßen selektiv mit der Tradierung ihres Antisemitismus umgehen, dass sie zwar glauben diesen von der NS-„Rassenlehre“ trennen zu können, aber aufgrund allgemein vorhandener Ressentiments dennoch meinen „jüdische Familien“ rassistisch abgrenzen zu sollen und etwa deshalb sagen: jüdisch ja, aber dennoch auch „arisch“.
Nach allem was ich bislang in Erfahrung gebracht habe, stammt „The Forgotten Ones“ übrigens ziemlich eindeutig aus Norwegen. Selbst der Klarname seines Autors dürfte bekannt sein.

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