Kommentar zur Eröffnung der Salzburger Festspiele

Anlässlich dieser Rede des Bundespräsidenten: eine Vereinfachung und Beschönigung von Leben und Welt in Sonntagsreden wie dieser hilft nicht für mehr Gerechtigkeit oder aufrichtige Gleichbehandlung unter den Menschen zu sorgen. Am Anfang stünde dafür zunächst einmal zumindest das Zugeständnis, dass keine euphemistische „Gemeinschaft“ ohne „Gewalt“ funktionieren wird, anstatt abgelehnte Konstrukte oder negative Werturteile wie „Gewalt“ andauernd nur so weit wie nur irgendwie möglich von sich zu weisen. Ob emotional empört, mit Bedacht auf die eigene „Familie“ und „Kinder“, bezüglich „Frieden entrüstet“, oder noch unter Vorgabe einer (mutmaßlich immer wieder „männlich“ konstituierten?) Rationalität (gegen vermeintliche Fantasmen gerichtet). Das wäre wenigstens ehrlicher, angebrachter, angemessener und auch verantwortungsvoller.
Statt Vorwürfe die für sich selbst betrachtet vielleicht nichts anderes als „ideologische Polemiken“ sind. Womöglich nicht einmal ideologisch zusammenpassen, sondern eher eine Hypokrisie darstellen.
Denn wer so tut als würde „Gewalt“ keine Berechtigung haben, ob längerfristig oder sonst wie, müsste sich beim staatlichen Gewaltmonopol infolge dessen nicht nur an eine Verringerung militärischer Ausgaben wagen, sondern auch restliche Exekutive wie Polizei usw. einfach abschaffen (können), das heißt etwa schonmal alles das widersprüchlicher Weise sogar noch für die Sicherheit solcher Veranstaltungen wie der Festspieleröffnung sorgen soll. Solche „Werte“.
Denn eine horizontale Ethik mag anders in spiritueller Hinsicht wiederum Sinn machen, aber nicht in politischen Kontexten – jedenfalls nicht solange nicht „alle das gleiche“ wollen. Erst dann wird sich, etwa damit nicht „alle“ gezwungenermaßen „das gleiche“ haben wollen, an eine Verringerung derselben Gewalt gemacht werden können. Und damit vielleicht halt ebenfalls am besten bei sich selbst begonnen, den eigenen Zuschreibungen, seinen Postenvergaben usw.
Zunächst stünde jedoch die Erkenntnis, dass auch alle Demokratie, in der etwa Mehrheiten über Minderheiten bestimmen, nicht ohne Gewalt auskommen wird – vielfach sogar darauf basiert. Zumal es darin eben nicht nur einen als öffentlich „sozial“ formulierten und fundierten gesellschaftlichen Konsens geben kann, sondern auch einen erstmal privaten Konsens zwischen einzelnen Menschen gibt, dann zwischen Handelnden, Kreativen, einem deren Werken affin gegenüberstehenden Publikum usw.
Angesichts solcher Orte wie diesem Salzburg etwa auch, wer dort überhaupt wann Reden halten darf. Auch ein- und ausgeladen wird.
Oder welche (ursprünglich patriarchale) Logik hat die Ratio auch mit sich gebracht? Der Fortschrittsglaube: giftige Fabriken, Bomben und Raketen. Menschen eingespannt in Räderwerken.

Und die Etymologie historistischer Wörter wie „Tondichtung“ taugt nicht zu einer moralisierenden Kritik an Begriffen wie von Fremdheit, sondern ein Hinweis darauf wäre im Gegenteil gerade angesichts gegenwärtig offizialisierter Kultur wie den Salzburger Festspielen noch immer, und so vielleicht sogar mehr denn je, zu befragen. Was für Kunstformen wo akzeptiert werden, und welche traditionell nicht – als etwa „kommerziell“ etc. abgelehnt werden, so absurd das anhand einer vollständig durchkommerzialisierten Veranstaltungsreihe wie den Salzburger Festspielen auch sein mag. Es stellt sich vielmehr die Frage welche Ausdrucksformen an Topoi wie „Salzburg“ damit und dadurch alle ausgegrenzt werden, und wie zunehmend anachronistisch diese kulturell-mediale Situation mitsamt ihren Förderungen und Repräsentationen eigentlich ist.
Welche Didaktik, geschweige denn Pädagogik, diese vorgeblich „unsere Musik“ (Godard) ausmachen würde. Während in Lokalen wie am „Pogusch“ gegen MMA und Co. öffentlich hetzende Figuren wie Werner Schneyder an den Wänden hängen, aber für einfaches Fußvolk nicht einmal ein Tischtuch bereitet wird – die Menschenverachtung für alle die anders sind und eben nicht dort dazu gehören an diesen Orten kaum größer sein könnte. Das ist die normative Kultur, das autoritäre Gehabe, und sind die Einstellungsmerkmale welche diese gesellschaftliche Situation samt ihren Alkoholverkostungen und Inszenierungen von Tanz oder Gesang auszeichnen. Das „gute Leben“: Veranstaltungen welche hinter ihren eingebildet-bürgerlichen Fassaden, reich-„schön“-funktionierenden Körperpolitiken, von Gesundheit und Wohlstand angefangen, im Grunde oft nichts anderes sind als kapitalistische Geschäftsanbahnungen, Festigungen dieser jeweiligen Stellungen und Ausdruck einer Verankerung von Positionen die genauso gut mit dem Bild eines Schützengrabens beschrieben werden könnten.
Gräben aus denen mit Geld geschossen wird und die mit nichts anderem auch verteidigt werden. Gegen „Neid“ usw.
Und das ist keine „aggressive Verharmlosung“ etc. Zynisch bis abstrus ist vielmehr angesichts dieser gesellschaftlichen Zusammenhänge noch ständig über „Frieden“ und einen vermeintlichen „Gewaltverzicht“ zu reden, andauernd diese moralische Gewalt zum Ausdruck zu bringen und sich zum Ausgleich vielleicht noch als Zugabe zeitweise doch in die Gesellschaft von Obdachlosen zu begeben, das Gros der Armut im Land über das Jahr hindurch jedoch konsequent zu ignorieren.

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