„Merkwürdig“, neue Gemeinplätze, oder Hohn?

Kommentar beim Standard: ‚Merkwürdig diese Clark-Rezeption – wie in der „Kleinen Zeitung“, beinahe wortwörtlich, wo die Clark-Rede völlig kritiklos 1:1 übernommen wurde. Der einzige Kommentar darin bestand sie per Bilduntertitel manipulierend scharf zu nennen
Die konservative
Apologetik eines deutschsprachigen Selbstverständnisses. Wo es dann abwechselnd etwa heißt, dass der Krieg eine „Tragödie“ oder eine „Katastrophe“ gewesen wäre, also entweder wie eine Inszenierung oder ein Naturereignis war. Allein der deutsche Überfall auf Belgien existiert in diesen plakativen Moralwahrnehmungen scheinbar überhaupt nicht mehr
Im Wortringen – wie diesem „Stolpern“, einseitige Kriegserklärungen als Hürdenläufe… Hauptsache Verbrechen und Angriffskriege brauchen nicht mehr beim Namen genannt werden – kein Wunder auch, feiert sich in „Salzburg“ schließlich doch eine ebensolche „Hochkultur“. Traditionell selbst Figuren wie Mozart vereinnahmend. Während in Wien gegen andere, fast zeitgleich, sogar ein Panzer zum Einsatz kommt.‘

Auch über die Austria Presse Agentur: auffallend wie die Relativierung einer Kriegsschuld offenbar nicht weit genug gehen kann. So würde Clark die Vorstellung einer russischen Schuld lediglich mit folgenden Worten schon „zurückweisen“: „Es ist zu viel von Schuld die Rede. Alle Länder haben ihre Eigeninteressen verfolgt und das Risiko eines Krieges auf sich genommen. Nur wollte keiner damit anfangen. Das war ja das Schreckliche: Wenn uns wer den Krieg anbietet, nehmen wir ihn an. Die Frage, wer begonnen hat, ist darum moralisch kein klares Feld.“
Eine Figur wie Franz Ferdinand sei ein „Mann des Friedens“ gewesen, die Behauptung Manfried Rauchensteiners, dass er doch kein „Pazifist“ gewesen sei, wäre eine „Differenzierung“. Also was jetzt? Bezeichnend: als Beispiel für „Kriegstreiber“ werden über Clark in dem Artikel „etwa Diplomaten mit extrem deutschlandfeindlicher Einstellung“ genannt.
Es ist auch eine Sache eine komplizierte ideologische Situation im Nationalismus auf ethische Fragen und Emotionen wie öffentlich zur Schau gestellte Begeisterung unter Menschen zu reduzieren, eine andere historisches Verständnis mit unpassenden Vergleichen und Bezugnahmen zu überdecken (wie etwa 9/11 – was soll das). Unter „Krieg“ wurde 1914 schließlich noch etwas anderes verstanden als 2014: die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts bestanden weitgehend noch nicht, die totalen Krieg zweifellos begünstigende technische Entwicklung – mitsamt der Rolle von Maschinen in ihr – ist zu berücksichtigen, geschweige denn was etwa „Dialog“, ein politisches Sprechen, 1914 kommunikationshistorisch eigentlich bedeuten konnte.

Update 31. Juli: der Standard hat obigen Kommentar von mir erstaunlicher Weise sogar entfernt. Die Reaktionen darauf habe ich nicht verfolgt, da ich keineswegs dachte dass dieser, meiner Ansicht nach eingangs äußerst gedämpft und zurückhaltend formulierte, kurze Text, großes Aufsehen erregen würde. So er denn angesichts meiner Sprache und bei meinem gewählten Stil (nicht nur in solchen Dingen) unüblicher Weise verstanden werden sollte…
Offenbar ein schwerer Irrtum. Ich weiß deshalb aber nur, dass er einige Stunden veröffentlicht blieb.
Es ist nunmal so, dass am 28. Juli bei einer „Räumung“ in Wien auch ein Panzer zum Einsatz kam – beim Kurier kann dieser, links im ersten Bild, sogar visuell erkannt werden. Ich sehe bei dem Hinweis darauf jedenfalls überhaupt kein Problem, weder eine einzige Unsachlichkeit noch sonst auch nur irgendetwas in diese Richtung, doch anscheinend ist jeder Bezug und Gedanke auf und an eine Verknüpfung von Staatsgewalt, dem Gewaltmonopol, „Recht“, dementsprechender Interessen, in Zusammenhang mit andernorts moralisierender Berichterstattung und Geschichtsbetrachtung, sowie wohlfeiler Artikulation von Betroffenheit, schon ein Problem. Zumal dann, wenn sie offenkundig Kritik an Offizialisierung und damit verbundenen Institutionalisierungen zu üben wünscht.
Auch dachte ich eigentlich, dass es allgemein bekannt wäre, dass eine Figur wie Mozart so ihre Probleme mit Obrigkeitsdenken und im Besonderen einer Autorität wie der Stadt Salzburg gehabt hat. Der Verweis darauf war sogar eher nur als Bonmot gemeint gewesen.
Doch Phänomene wie historische Kriege dürfen anscheinend nicht auf kontemporären Alltag, persönliches oder ästhetisches Empfinden bezogen werden – aus einem gewissen Selbstverständnis der „Distanz“ heraus. Nach einiger Überlegung habe ich jedoch beschlossen keinen neuerlichen Versuch einer Veröffentlichung zu unternehmen (ähnlich wie zuletzt etwa auch auf Amazon.de) und beschränke mich darauf hier gegen diese überaus einseitige Form von Erinnerungskultur (nochmal) zu protestieren. Ich finde es jedenfalls ungeheuerlich mit welcher Verachtung andersdenkende Menschen wie ich in dieser Gesellschaft „meinungsbildend“ behandelt und ausgegrenzt werden, sowie wie sich ihnen scheinbar einfach entledigt werden will, und möchte dahingehend nur mehr meine Abscheu in Gegenwart dieser Situation zum Ausdruck bringen.

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