Zum Problem der Legitimation: Widersprüche in der Gebrauchswelt

Der Komiker Kyle Bosman hat bei Viacom zuletzt einige interessante Bemerkungen gemacht. Zunächst kritisierte er „Valiant Hearts“ dafür, dass es ein „dummes Videospiel“ über den Ersten Weltkrieg sei.
Und damit hatte er auch aus meiner Sicht leider Recht: seiner Meinung nach verstrickte es sich nach einer Exposition der Charaktere gewissermaßen in Mechaniken die der Narration quasi im Wege standen, von denen es aber meinte dass sie diese, sozusagen „als Videospiel“, doch haben musste um (als solches auch) „funktionieren“ zu können usw. Aktuell kritisiert er in etwa ein „dying to belong“ bei „The Last of Us“, das angefangen von Lorbeerkränzen auf der PS4-Verpackung, der dafür aus der Film- oder Musikwelt entnommenen Bezeichnung „Remastered“, sowie einem Marketing-Gig der Zwischensequenzen aus dem Spiel sozusagen auf die „Bretter die die Welt bedeuten“ brachte.
Mittels einer Analogie aus seiner Jugend beschreibt er in dem Video eine gewisse Selbstaufgabe, welche solche Vorgänge – zumindest in Maßen – mit sich bringen. Doch ob Theater oder Film, dass sich „The Last of Us“ als Videospiel scheinbar einfach nicht gut genug vorkommt, daran ist wohl auch Kyle Bosman selbst nicht ganz unschuldig, wenn er im selben Video das Voiceover des „Tekken 7“-Trailers als „schlecht“ etc. hinstellt. Denn was will Bosman demnach haben? Doch genau das was – abgesehen davon, dass es sich in den zwei Fällen jeweils um ein westliches und ein japanisches Spiel handelt – „The Last of Us“ von anderen Ausdruckformen übernahm. Also sein Gefühl für Charakter oder gar seine Poesie, denn darum wie sich „The Last of Us“ spielt ging es ja auch dabei nicht.
Und welche Verhalten werden also abgelehnt, wie soll gesprochen werden? Sowie immer wieder: was ist die Norm eines Soll, wie sollen Videospiele „sein“?
Die noch zusätzlich inszenierten Zwischensequenzen eines „The Last of Us“ extrapolieren diese auch. Sie geben kein eigentliches Gameplay wieder, wobei genau dieses ja auch weiterhin – etwa über eine Ideologie wie die von Michael Haneke – als affirmative „Gewalt“ usw. verurteilt werden kann. Und über das Videospiel „The Last of Us“ sagt „The Last of Us“ auf einer Bühne demnach sozusagen gewissermaßen auch fast gar nichts aus.
Doch vielleicht tue ich Bosman damit etwas Unrecht, denn er akzeptiert den Ausdruck von „The Last of Us“ halt einfach als „besser“. Und natürlich ist das sein gutes Recht.

Ich erinnere mich auch noch an meine Jugend: als in den Neunzigern Fernsehproduktionen wie „Lexx“ bürgerliche Empfindungen mit Begriffen wie „Trash“ oder „Trashart“ positiv herausforderten, war das ein Rückgriff auf die populäre Gegenkultur der Sechziger Jahre, als im US-Film etwa Figuren wie Paul Morrissey oder John Waters aus Untiefen einer Verdrängung, oder sogar einem Nichts (Rückgriff auf meine Rede über „Videospiele für niemand“) hochkamen. Ähnlich wie in der europäischen „Hochkultur“ und ihrem antikommerziellen Authentizitätsduktus ein Wiener Aktionismus Gefühle dereinst durcheinander brachte, bevor er sich etwa zusehends in Wohnungen oder auf Schlösser und Gemeinplätze im Nordosten Niederösterreichs zurückzog.
Mittlerweile, bei der Rückkehr eines neuen Biedermeiers, wird „Trash“ wieder vermehrt als Beschimpfung verwendet – ähnlich wie „Pornografie“: die Geschichte des Wortes bei Morrissey scheint dabei keine Rolle mehr zu spielen, „der gute Geschmack“ regiert erneut die popkulturellen Landschaften, vielleicht nicht einmal nur literarisch* oder visuell (mit Musik kenne ich mich bekanntlich nicht aus), und auch die „Indie“-Bewegung bei den Games zeugt vor allem von einer Aneignung etablierter Sujets und Ästhetiken. Alles zusammen Hinweise, dass nicht Videospiele anerkannt werden sollen, sondern die bereits vorhandene Anerkennung von anderem sich auf das Videospiel übertragen soll, sich Videospiele also gewissermaßen assimilieren sollen. Inhaltlich thematisch, aber von Neuem ebenfalls emotional. Nur neuerliches Verwirrung-Stiften im öffentlichen Raum popkulturell eher selten, beziehungsweise – abgesehen von einer formalistischen Inklusion – erstmal nicht wieder zu erwarten.

* wenn ich mir auf Amazon.de etwa die Rezensionen von manch eingebildeter Philologie oder germanistischer Bestimmung zu Jelinek so durchlese, könnte ich den Eindruck gewinnen, dass die österreichische Nobelpreisträgerin der deutschen Sprache, ähnlich wie oft genug im Leben angeblich ich, überhaupt nicht mächtig (gewesen) wäre. Es regiert ein allgemeiner Chauvinismus, sowie zerren kulturelle Ausgrenzungen die gewissermaßen scheinbar alles aussparen wollen was nicht in ihr überaus beschränktes Welt-Wortbild passt, und das alles obwohl die Autorin kulturpessimistische Realismen und Reifedünkel, die darauf aufbauen, zumindest teilweise doch auch übernahm;

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