Wie war das noch mit einer Situation vor der eigenen Haustür?

Oder: wer Videospiele so schon mit „Spaß“ assoziiert… Luke Plunkett „kritisiert“ in einer Kolumne auf Kotaku die Verwendung militarisierter Polizei für etwa „Battlefield – Hardline“ von Electronic Arts. Militärische Videospielinhalte sind demnach wohl solange ok, solange sie fern der Heimat stattfinden und keine Assoziationen an die eigene Nachbarschaft wecken. In Afghanistan und Co. vielleicht.
Unverhohlen wird das in dem Artikel sogar dazugesagt, wenn scheinbar Wert auf die Festellung gelegt wird, dass dies nicht den „Irak“, sondern die USA betreffe. Nur nicht das Kriegsgerät (zurück) nach Hause tragen und dort bei der Exekutive dann vielleicht auf dumme Ideen kommen…

Da sich Videospiele neuerdings auch in Gewaltbereiche vorwagen, die bislang nur dem Film vorbehalten waren, könnte der Stein des Anstoßes zum Thema Polizeigewalt auch erst der Anfang gewesen sein. Als nächstes bieten sich angesichts von naturalistisch gezeigter Kindergewalt- („Lucius“ wird fortgesetzt!) und Slasher-Stoffen (mit Sony’s „Until Dawn“ demnächst nicht mehr nur bei den Indies, sondern auch im AAA-Bereich) weitere Opinion Pieces an, sollte es Gewaltverbrechen und politische Situationen geben, die perfid-infamer Weise sozusagen dann zu den Spielen „passen“, sich die kreativen Erzeugnisse weiterhin nach kollektiven Befindlichkeiten von Gesellschaften wie der amerikanischen zu richten hätten und dabei möglichst „wirklichkeitsfern“ bleiben sollen – sofern sie keine genehme „Politik“ dahingehend vertreten, das heißt (als) „politisch“ erwünscht sind/wahrgenommen werden/gelten. Ein wirklich ganz beachtliches Demokratieverständnis.
Oder wer stattet die Polizei mit Kriegswaffen aus? Wie sieht der Umgang damit insgesamt aus? Langsam aber sicher entwickelt sich die Wahrnehmung bei „Videospiele für alle“ damit in die Richtung klassisch-„kritischer“ Tabloids und deren Assoziationen – mit dem einzigen Unterschied dass sich diese für gewöhnlich nur nicht als „kritisch“ verstanden haben, sondern ihre einseitigen Interpretationen, Abwehrhaltungen gegen Anderes wie Fremdes und Reduktionen einfach so vortrugen. Ohne „kritischen“ Hintergedanken.

Denn ja, so kann Fremdenfeindlichkeit auch formuliert werden. Und wer eine solche Wahrnehmung der Ausdrucksform bereits in der eigenen Presse hat, braucht vermutlich ebenfalls keine andere „Medienkritik“ mehr: denn unterdessen haben sich die traditionellen MedienkritikerInnen in Deutschland wiederum ein anderes Objekt für ihren Unmut scheinbar längst ausgesucht.
Nicht die aktuelle Gamescom in Köln ist ihr antikommerzielles Ziel, sondern eine „mit Steuergeldern“ finanzierte Hamburger Veranstaltung im nächsten Monat – wie gleich auf Mediengewalt.eu sowie „BILDUNG und MEDIEN“ gemeinsam publiziert wird. Normativ-ausgrenzendem Kulturbegriff unisono inklusive, wenn in beiden schlichtweg kopiert erscheinenden Fällen die Frage nach einer „Kultur des Computerspiels“ dazugestellt wird.
Und dort scheinbar vor allem die Integration von „Minecraft“ betrifft: „Minecraft“ taucht schon länger als einer der gefühlt am meisten pathologisierten Videospiel-Titel Deutschlands auf. Als „Killerspiel“ taugt es dabei wohl weniger, weshalb der Diskurs darüber auch vernachlässigt erscheinen dürfte.

Und eigentlich doch paradox: man möchten meinen gerade „Minecraft“ könnte ein leuchtendes Beispiel für positives Spielen sein, als sophisticated gelten – ein soziales Miteinander und unbändige Kreativität fördernd, sogar für Problemlösungen einstehend. Auch Menschen deren Körper ansonsten nicht dazu in der Lage wären, können in Minecraft schließlich ihr „Überleben“ versuchen, Holz hacken, damit Feuer machen usw.
Und das ohne von einer klar ausformulierten Fiktion dabei ständig auf die Nase gebunden zu bekommen, dass sie in ihren realen Leben doch kein bärenstarker Mann (oder flinkes kleines Mädchen) sind, und dadurch real – anders als es einem das Spiel als ungeliebte „Illusion“ vorgaukelt – benachteiligt wären. Auch ideologisch wäre es als Franchise, die, jenseits traditioneller, oft mit Rüstungsfirmen verbandelter, Konzerne, zumindest ursprünglich „unabhängig“ entstanden ist, doch genehm.
Aber nein: „Minecraft“ stattdessen lieber als Suchtproblem hinzustellen und mit exzessiver Nutzung (statistisch) zusammen zu bringen ist wohl zu verlockend, sein im Vergleich zu den „Sims“, „Skylanders“ („Guitar Hero“ früher), „Call of Duty“ und „GTA“ doch eher nur mäßig vorhandener, kommerzieller Erfolg hindert nicht, dass Markus Persson dann scheinbar als so etwas wie ein schwedischer Oligarisch hingestellt werden soll – so absurd diese Konstruktion auch immer sein mag. Denn ausschlaggebend dafür dürfte allein die Existenz eines Erfolges von „Minecraft“ als „Produkt“ gewesen sein, ein Erfolg über den einzelne Titel schließlich erfahrungsgemäß erst ausgewählt werden, während anderes – bei dem eine Verbreitung nicht sehr beanstandet werden kann – schonmal eher gar nicht gekannt wird. Und das alles ganz einfach deshalb, da ein erfolgreiches Videospielprodukt für manche offenbar schonmal gar nicht ginge… Ungeachtet seines Inhalts.

Update 14. August. Ergänzender Kommentar bei IDG: ‚Abgesehen davon wie Inhalte so interpretiert werden, nämlich immer einseitig als „gewollt“, „Spaß an der Freud“ bei jedweder Freude an Gewaltdarstellungen usw. Die ganze altbekannte Palette gegen Fiktionen, Unliebsames allgemein.
Man stelle sich vor welche Schlagzeilen darüber künftig generiert werden können, wenn sich die Videospielindustrie jetzt auch verstärkt an Sujets wie den Teeniehorror traut (siehe „Until Dawn“): tatsächlich alle Inhalte die als lebensnah und dann eben politisch nur nicht opportun verstanden werden, besser unverstanden-vorurteilsbeladen geblieben sind, müssten künftig damit in der „Kritik“ stehen, wenn sie nicht gerade Betroffenheit zum Ausdruck bringen, moralisieren sollen.
Und ein multinationaler Konzern wie Electronic Arts richtet sich hoffentlich eben nicht nur an US-Tagespolitik. Aber Hauptsache das Militär agiert in fernen Ländern (Irak, Afghanistan), oder wie?‘

16. August. Standard: ‚Diese „Kritik“ ist nun wirklich der Gipfel einer Doppelmoral. Denn solange Militär und Polizei weit weg von der eigenen „Heimat“ oder in SF-Szenarios wüten scheint ihre Integration ja ok zu sein. Wird im Kotaku-Artikel sogar dazugesagt (mit Irak, Afghanistan). Und die Industrie soll sich gefälligst nach diesem chauvinistischen Empfinden richten.
Während die Wahrnehmung von Videospielen und „Spaß“ darin demnach tatsächlich von Verdrängung geprägt ist: Hauptsache sie erinnern nicht unangenehm an Vorgänge vor der eigenen Haustür… Richtig bedenklich allerdings, wenn es mit den einheitlichen Sichtweisen schon soweit gekommen ist, dass dieser „Kritik“ selbst hier in Europa völlig unkritisch bis zustimmend begegnet wird.‘

17. August. Standard-Replik: ‚Weil Sie mit Ihrer Rede von „so ein schwachsinn… (…) ist echt nur für die unterschicht“ etwa „freundlich“ waren, oder wie? Schonmal was von Klassismus gehört?
Ich zitiere Sie im Übrigen so, weil es um EA nicht gehen wird. Da auch „Counter-Strike“ traditionell polizeilich ist, nur langsamer (kein Run & Gun), Ubisoft erst auf der letzten E3 mit seinem anderen Polizeispiel eine bessere Presse bekam (trotz Privathauserstürmung), war genehme Geiselrettung, und die Kotaku-Empörung dabei relativ leicht zu dekonstruieren ist, weil EA – zumindest bislang – vor allem Szenen gezeigt hat die unter offenem Himmel am helllichten Tag auf weitläufigen Straßenzügen spielen, allein deshalb an Missouri erinnern.‘

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