Kommentar zu Sandro Odak. Und dem Ersten Weltkrieg.

Bei Gamezone im Juli: „Wie wäre es, wenn wir alle mal zuhören und uns Gedanken darüber machen, um was es wirklich geht, bevor wir mit Fackeln durchs Netz ziehen und an Ü-Wagen der Fernsehanstalten pinkeln?“ Der Text mit dieser Frage ein gutes Beispiel wie so manipuliert wird, das heißt nicht nur dort.
Denn worum ging es dabei? „Wirklich“ – Weiterleitung an den altbekannten Realismus.
Auf der Gamescom vor drei Jahren? Wem wäre bei was demnach „zuzuhören“ (gewesen)?
Oder besser gefragt: wer hört in dieser Unterstellung nicht zu? Damals, lange vor einem Vorfall mit Herrn Siegismund, ging es nämlich um die zunächst einmal private Sendeanstalt RTL, also auch kein öffentlich-rechtliches Rundfunkinteresse das da wohl als hehr mitschwingt bei dem Odak-Kommentar, und einen Beitrag, in dem es mehr oder weniger hieß, dass „Gamer stinken“.
Viel mehr neue Information war daraus für „Gamer“ als soziale Gruppe und damit für all jene die sich von dieser nicht „kritisch distanzieren“, vielleicht noch in eingebildeter „Selbstkritik“ üben weil sie ja (sonst?) angeblich auch dazuzählen wären – bloß halt dann nicht wenn diese unangenehm seien -, jedenfalls kaum zu entnehmen. Auch nicht als „Vorwurf“ formuliert oder anderweitig platziert.

Es war, und auch das was darauf erwartungsgemäß juridisch-obrigkeitsmäßig folgte, ehrlich nicht sonderlich ergiebig: „Gamer“ genießen als Gruppe nunmal keinerlei Rechte. Weder in Deutschland, noch anderswo.
Sie können wohl schon froh sein, wenn sich überhaupt mal – wie in dem Fall tatsächlich geschehen – für Verunglimpfungen entschuldigt wird.
Egal ob jetzt um Actiongenres potentielle Gewaltverbrecher turnusmäßig statistisch stilisiert werden, jene die japanische Erotikas mögen deshalb auch gleich wie Pädophile zu behandeln und mindestens moralisch zu verurteilen wären, oder die videospielenden Familienväter sich im Panorama nebst „Schüler“ und „Nazis“ wiederfinden. Ich könnte dazu wieder so Fremdworte wie „Infamie“, „Perfidie“, „Denunzierungen“ und „Diffamierungen“ gebrauchen, dann könnte mir erneut vorgeworfen werden ich „wüsste“ bei deren Verwendung selber nicht was das alles zu bedeuten hätte und jegliche „Kritik“, „Meinung“ sowieso „gute Gründe“ haben – ja allein schon wegen der ganzen Zahlen, diesen „Fakten“ und so. Dennoch werden Hetze und Hassreden auch selbige bleiben, und nicht plötzlich „kritische Meisterleistungen“ werden, jedenfalls als Sachverhalte aus meiner Sicht.
Und die Siegismund-Aktion war so (anders) gesehen auch ganz sicher kein Schnellschuss aus der Hose des guten Herrn, sondern folgte nachweislich erst im Jahrestakt später. Also vor zwei Jahren: vergleiche das Video unten, den Beitrag „Facebook hat mir gerade mein RTL-Bus-Foto abgeschossen“ oder auch das Ersatzposting dafür: „Ich soll das Foto…“. Der gute Mann wird sich seine symbolische Inszenierung deshalb im Vorhinein wahrscheinlich auch gut überlegt haben, da irgendwas womöglich sogar von langer Hand geplant worden sein – selbst wenn die Gelegenheit dazu wahrscheinlich eher spontan erfolgte.

Doch welchen Eindruck suggeriert Odak demnach: erstens wird die Grundlage der Handlung beflissentlich verschwiegen, zweitens dann diese Vorwürfe an einen „Unreifen“, einen Unbedachten – sprich „Gedankenlosen“ – gerichtet, einen dumpfen „Rächer“, ohne diesen natürlich – zumindest nochmal – ausdrücklich beim Namen zu nennen. Sowie drittens letztlich ein unangemessenes Verhalten, eines das sich nicht ziemen würde, gegen „guten Geschmack“ verstoßen oder sogar sittenwidrig wäre, moniert – eine im schlimmsten Fall Ordnungsstraftat die zu ahnden ist.
Also irgendwo genau so wie viele Videospiele: nur diese mit Fäkaliensprache zu belegen, wie es der Vice-Artikel tat auf den in dem Kommentar auch wohlwollend verwiesen wird, da fehlt erneut jeglicher Bezug. Und was ist das bloß wieder für eine Form der Erinnerung?

Der Bewältigung eines eigenen (sich mühsam erarbeitet habenden?) gesellschaftlichen Status als anerkannt werden Wollender? Welche Geschichtsauffassung/Tradierung/Wiedergabe von Diskursen und Ereignissen? Dann: was für eine TäterInnen-Opfer-Umkehr geschieht hier?
Welche Intoleranz, Nicht-Akzeptanz und welcher Nicht-Anerkennungswille des fremden Anderen? Ich gehe dafür mal kurz in die Makrohistorie zurück: zu einem vermutlich (wieder) ungeheuerlich empfunden Vergleich von mir, diesmal mit Christopher Clarks Erinnerungskultur, dessen Behandlung von Kolonialismus und Imperialismus der Deutschen und Habsburger an der Schwelle zum vorigen Centennial.

Die fotografische Aktion vom Siegismund war kaum ein terroristischer Akt und sie resultierte auch nicht in einem Weltkrieg. Dennoch blenden beide Erinnerungen schöngeistig aus, die Große in ihrem Rekurs einer historischen Diplomatie alter Männer, wo es scheinbar nichts anderes an Relevanz gab als deren „Interessen“, ebenso wie die Kleine in der Videospielpresse und Comedy-Unterhaltung einer fragmentierten Gegenwart, wo alles andere unmittelbar besser wäre als genau das: oder wie war das noch mit dem „Niveau“ eines RTL, dessen „Geist“ – autoritäre Begriffe von „Kunst“ und „Kultur“ mal gleich außen vor gelassen.
Gemeinsamkeiten ergeben sich schließlich auch in der xenophoben Grundeinstellung, der Haltung bei Werten wie „Frieden“, „Verständnis“ und „Verzicht“ – diesem „Zuhören“ von allen Seiten – ob gegenüber „serbischem Nationalismus“ oder „unreif-polternden Gamern“. Letztlich allesamt Relativierungen und Beschwichtigungen.

Ebenfalls das Bindeglied ist letztlich immer wieder die Rede von „Gewalt“ und „Aggression“. Oder einer Gefahr an denselben.
Ob die reale, welche in den metaphorischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts mündete – aufgrund bestimmter Aggressionen -, oder die symbolische – in der wiederum reale Aggressionen womöglich nur zunächst einmal einen virtuellen Ausgang finden sollten. Während alles andere das derlei Situationen konstituiert hat für gewöhnlich nicht einmal apologetisch behandelt wird, sondern etwa gleich überhaupt keine Rolle spielt.
Soll heißen: nur wer dereinst 1908 Bosnien und die Herzegowina im kolportierten „Schlafwandel“ annektiert hat, interessiert genau so wenig wie wer wann gesagt hätte dass Leute übel riechen oder zu Gewalttaten neigen, nur Gewalttätige bestimmte Games spielen würden und dann hernach vielleicht noch „süchtig“ (danach) werden. Bevor diese wiederum real Leute umbringen, vergewaltigen usw. usf.
Doch worauf beruht erneut diese Vorstellung über „Gamer“? Menschengruppen über ihren Körpergeruch einseitig negativ zu identifizieren ist zwischenmenschlich wohl eines der deutlichsten Signale, ja vielleicht sogar Kennzeichen, für Diskriminierung – nach dem Motto: „wir“ können das Andere nicht (gut) „riechen“, denn Geruch ist nicht nur in der Sexualität zweifellos oft entscheidend über Affekte. Wer jemanden nicht „riechen“ kann, der findet wen nicht sympathisch, und sei es dieses gewisse „niemand“. Ich versachliche „niemand“ für diesen Text mal ständig.

Und dann schließlich noch die Frage aus dem Odak-Titel: „Warum niemand Gamer ernstnimmt – nicht einmal ich?“ Ja wer ist dieses „ich“ das da spricht und wieso sollte es sich schonmal von allen anderen unterscheiden die da „Gamer“ nicht „ernst“ nehmen oder dies wenigstens nicht tun würden?
Oder anders formuliert: weshalb sollte „ich“ als „Gamer“ mit Sandro Odak mehr gemein haben als mit anderen „Medienkritikern“ wie Manfred Spitzer, die Menschen scheinbar auf Gehirnaktivitäten reduzieren wollen, dann noch biologistisch mit verächtlich machen (als mit den Teletubbies Tod bringende oder sonst was) und zu allem Überdruss von Neuem vielleicht noch völlig absurder Weise glauben sämtliche „Western“ wären gleich.

Diese erforschte Feststellung etwa womöglich selbst noch unter „Wissenschaft“ verorten mögen? Nahe von „Wahrheit“ – neben „Wirklichkeit“ befindlich usw. Nein.
Ich glaube ja eher, dass sich – vor allem in den „Killerspiel“-„Debatten“ die eher nur Monologe gegen eine Annahme von selbigen gewesen sind – viele vor allem vor den „Gamern“ gefürchtet haben. Und wer vor Menschen Angst hat nimmt diese doch wohl ernst.
Aber das einmal beiseite gelassen – welches Subjekt spricht hier mit welcher Gewalt eines Kollektivs: zunächst einmal dahingehend, dass ein Spaßmacher wie Siegismund einem „Ernst“ gegenüber gestellt wird, sozusagen als Gegenpol, wobei aber gerade von Danny Kaye ja die beiden Sätze überliefert sind, wonach selbst „der Dumme (…) manchmal einen gescheiten Gedanken“ hätte. Er würde sich diesen nur nicht merken.
Ich glaube ja nicht, dass es „dumme“ Menschen tatsächlich gibt, aber das ist bei Odak anscheinend bereits der erste und vielleicht sogar einzige Ausgangspunkt: er spricht von „Gepolter“ und hält damit Siegismund wahrscheinlich nicht für besonders „intelligent“, das heißt auch für laut – was mit „dumm“ (gerne ebenfalls als „Krawall“ etc.) in der Wahrnehmung häufig einhergeht. So wie ein Bernd Graff in meiner Erinnerung dereinst überall dort „Geschwurbel“ sah, was seiner Pathologisierung von Games als „Symptom“ einer „Ursache“ nicht entsprach – Hauptsache die Welt und das Leben in ihr bleibt „gut“ und „schön“. Und das wohl nicht nur von seinem „Stil“ her. Kein klares Sprechen.
Die Frage müsste deshalb vielmehr lauten: weshalb ignoriert der „Ernst“ dieses niemand (ständig)? Und mit welcher (sprachlichen) Gewalt?
Geschweige denn welches Wir einen „unseren“ Autor wie Sandro Odak dann erst schafft? Nachlese zu Vice. „Bitches, please“:

Ergänzender Kommentar auf „Kritische Medienpädagogik“: ‚Wenn Sie mit Herrn Graff eine Ausdrucksform pathologisieren, gleicht das aber schon einem Gesprächsabbruch. Zu sagen „potentiell Gewalttätige neigen zu einem bestimmten Verhalten“, sind also „solchen“ Medien gegenüber affin, als pathologisiertes „Symptom“ – dann ist das doch bitte nichts anderes als eine sprachlich selbst gewalttätige Zuschreibung in einem Ursache-Wirkung-Verhältnis.
Als sozusagen Eigen“leistung“ in dieser Gesellschaft und wie ich finde sehr interessante Form von „Kritik“. „Kritik“verständnis.

Und das ist im Übrigen eine Debatte von zehn Jahren. Graff hat nicht 2013, sondern bereits 2004 dermaßen abfällig über Inhalte geschrieben welche seinen ästhetisch autoritären Normen, audiovisuellen oder narrativen Wohlgefallen eines ideologischen Realismus oder sonst was mehr oder weniger deutlich zuwider liefen.
Oder wer wäre hier etwa noch „gesund“ für Sie? Sie verorten diese Menschen dann doch bereits längst bei der „Gewalt“ und/oder „Aggression“ und was die betroffenen Medien angeht haben sie (für sich) so doch schon beschlossen was von deren Inhalten zu halten wäre, sich ihre Vor- oder Nachurteile gebildet, lassen keine andere Interpretation mehr zu usw. Im Übrigen gehen Sie hier inhaltlich ja keineswegs auf die im Diskurs beanstandeten Medien ein: oder ersetzen Sie diese mal durch andere Begriffe wie „Literatur“ oder „Musik“ und formulieren Sie dann: „was von Musik/Literatur zu halten“ wäre…‘

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