Der Sinn von Legenden

Hier eine Legende die ich sehr charmant finde: angeblich sollen die letzten Worte von Walt Disney ja „Kurt Russell“ gewesen sein, bevor dieser 1966 starb. Disney, von dem man politisch halten kann was man mag – hat das 20. Jahrhundert kulturell wohl so positiv beeinflusst wie kein anderer Mensch, soll „Kurt Russell“ auf einen Zettel geschrieben haben, wobei die Legende zumindest teilweise auch mit dessen – selbst legendärem – Büro verknüpft wird.
Und das ist natürlich wohlweislich alles Unsinn, zumal dann, wenn etwa klar wird, dass Disney nicht in seinem Büro sein Ende fand. Dennoch ist der bekannte Schauspieler „Kurt Russell“ schon so alt, dass er zu der Zeit tatsächlich bei Disney unter Vertrag stand.
Wobei Disney als Workaholic beschrieben wird, der sich bis zuletzt mit zukünftigen Projekten beschäftigte: kein Wunder also, dass da irgendwo auch Russell’s Name auf einem Papier zu finden war. Und die über Jahrzehnte sich gehalten habende Legende von „Kurt Russell“ im Kopf von Walt Disney macht rückblickend dahingehend sogar Sinn: zwar entwickelte und produzierte Disney weiterhin Vergnügungsparks und Zeichentrickfilme, nach der Krise in den Achtzigern wurden die abendfüllenden Animationen auch wieder erfolgreicher, doch die kurze Zeit der großen Naturfilme – welche zu den Lebzeiten von Walt Disney neben Mickey Mouse und Co. ein durchaus ebenbürtiges Aushängeschild der Company waren – war 1966 schon längst wieder vorbei. Und das Disney-Fernsehen sowie die Disney-Kinderfilme/Musicals („Mary Poppins“ erlebte Disney 1964 noch) gerade erst im Entstehen begriffen.
Tatsächlich hatte Disney im Live Action-Bereich für Realfilme mit Kindern früher keinerlei Zugang: Marken wie „Lassie“, die emotional gut zu Disney gepasst hätten und etwa eine Elizabeth Taylor berühmt machten, gehörten ganz anderen wie MGM (auch Judy Garland, Shirley Temple war bei Fox unter Vertrag) und hatten mit der Maus nichts zu tun. Erst zu der Zeit als „Kurt Russell“ aktiv wurde änderte sich das langsam. Und Kinderstars kamen langsam zur Maus hinzu.
Angefangen mit Jodie Foster in den Siebzigern, über Figuren wie Lindsay Lohan ab den Neunzigern, die später eher berüchtigt wurden, bis hin zu Miley Cyrus & Co.
Die Worte „Kurt Russell“ aus dem Geist Walt Disney’s an dessen Lebensende können demnach auch als legendäre Vision vom Ende der guten alten Zeit verstanden werden: für eine Zukunft in Fernsehen, bei den Kinderstars von heute und einer Zielgruppe wie den Tweens, die der Konzern – zumindest in ihrer am aggressivsten gesuchten Ausprägung – teilweise auch mit erfand, wobei die beiden Worte durchaus als böses Omen aufgefasst werden mögen.
Und wäre Disney erst vor ein paar Jahren gestorben, er hätte vielleicht „Marvel“ oder „Star Wars“ auf einen Zettel geschrieben. Womöglich sogar „Joss Whedon“.

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