Die nächste: „JLaw“, Zucht und Ordnung

Es gibt Sachen, da möchte ich meinen: die gibts nicht – trotz Gips. Doch US-Schauspielerin Jennifer Lawrence scheint mittlerweile sogar dazu übergegangen zu sein, den nächsten Schritt in Sachen „Stare Rape“ setzen zu wollen (vergleiche Verge).
Das „Photo Theft“-Sexualverbrechen. Nein, nicht nur der Diebstahl selbst, sondern auch das Betrachten des Diebesguts wäre das Verbrechen sexueller Natur.
Und Lawrence beschuldigt demnach nicht etwa einen Konzern wie Apple, bei dem dafür in ihre Privatsphäre eingebrochen wurde, sondern neben dem Dieb, die Diebin, die Öffentlichkeit, welche sich verbrecherischer Weise erdreistet die Lawrence nackt sehen zu wollen. Ja, dieselbe welche sich in diesem Esquire-Video räkelt:

Ein Schelm mit sehr viel Fantasie, der daran nichts Sexuelles ausmachen könnte. Wobei sie in einem der mutmaßlich gestohlenen Bilder etwa einen Badeanzug trägt, der wesentlich züchtiger ausgefallen ist als die Klamotten hierin: wer sollte deshalb wissen, ob ein solches Corpus Delicti nicht ein x-beliebiges Twitter-Selfie ist, sondern gleich ein Sexualverbrechen darstellt für dessen Betrachtung der Rezipient, die Rezipientin, sich „mit Scham bedecken“ sollte?
Mal ganz abgesehen davon wie sehr, eklatant und ungeheuerlich, das meinetwegen „andere“ Sexualverbrechen verharmlost. Darauf will ich im Folgenden gar nicht eingehen –

Also bloß der Sonnentanz einer weiteren Körperfaschistin?

Nicht ganz. Denn wer sich die Kommentare bei Verge durchliest, wird schnell feststellen, dass jedeR der/die von Lawrence als ultimativem „Opfer“ abweicht sofort in Richtung „Victim Blaming“ stilisiert wird, klassische TäterInnen-Opfer-Umkehrung. Denn wer ist hier die Täterin, kann diese demnach eigentlich nur mehr sein: klar, Lawrence war in dem Fall einmal das Opfer, aber Opfer eines Diebstahls (!). Und der liegt mittlerweile wohl auch schon länger zurück.
Dafür wird sie durch diese Äußerung umgehend zur Täterin an der Fantasie anderer Menschen, oder wer greift hier in die Kenntnisse, das Wissen, die Emotionalisierung und letztlich Sexualität einer fremden Masse ein? Und, siehe Esquire, über welche Doppelmoral, Interpretation? Ist es zufällig oder doch ein Patriarchat, das darüber auch immer wieder meint allein Frauenkörper schützen zu brauchen?
Erschwerend und Lawrence belastend hinzu kommt ihr wiedergegebenes Zitat „Pornografie“ betreffend: so heißt es etwa bei Verge, dass die inkriminierten Bilder (in Wahrheit sind es Fotos und Videos) als Ersatz dafür entstanden sind. Also „Pornografie“ wäre demnach alles, das die Person an welche die Bilder privat adressiert waren und mit der sie dafür in einer formal „gesunden“ Beziehung lebte, an deren Stelle möglicherweise gesehen hätte. Als gewissermaßen Ersatzhandlung. Nur das was Lawrence privat herstellte wäre demnach keine „Pornografie“ gewesen, sondern womöglich mit „gesund“.
Auch stellt sich mir die Frage, wie so eine Situation nun wahrgenommen werden würde, wäre das Diebesgut nicht eine immaterielle „Nacktheit“, sondern ein physischer Gegenstand wie etwa ein Kleidungsstück das verkauft hätte werden sollen. Wäre dann auch der potentielle Käufer, die potentielle Käuferin, ein anderer Fan von Lawrence, TäterIn? Allerdings hat sie was die Wahrnehmung von „Pornografie“ angeht sogar irgendwie recht, doch der Reihe nach.

Gegenaufklärung im Sinne der Sexualfeindlichkeit

Denn des Weiteren gibt es in Kreisen der üblichen Verdächtigen, also wohlweislich etwa jener Personengruppen die gerne taxfrei als „perverse Widerlinge“ gebrandmarkt werden, erfahrungsgemäß Indizien dafür, dass Lawrence die Bilder teilweise schon selbst zensiert hat bevor sie sie auch nur privat zur Verfügung stellte, also noch vor der Person/dem Syndikat welche sie ursprünglich verkaufen wollte, denn „pornografisch“ in einem zumindest hierzulande rechtlichen Sinn sind diese – mutmaßlich eben sogar dank Lawrence – etwa kaum. Darüber spricht Verge aber natürlich nicht, sondern empört sich vielleicht nur über all jene mit, welche sie tatsächlich gesehen haben. Und Lawrence hat gegen die Verbreitung der Bilder sowieso schon rechtliche Schritte ergriffen, so absurd das auch immer sein mag.
Es besteht auch kein Zweifel daran, dass die inkriminierten Bilder selbstbestimmt entstanden sind. Das einzige was fremdbestimmt gewesen ist war deren Verbreitung, das heißt es handelte sich auch um keine voyeuristische Spionage wie bei der ESPN-Reporterin Erin Andrews. Fremdbestimmt war allein der Einbruch in ihre Privatsphäre, der Diebstahl der Bilder (sofern immaterielle Ware überhaupt „gestohlen“ werden kann), aber das ist per Definition wohl jeder Einbruch.
Und die Lawrence-Entlastung gipfelt in einem Kommentar bei Verge sogar darin, dass es jedem frei stünde Nacktbilder von sich zu versenden. Wieder so eine bemerkenswerte Idee von sozialen Normen: also wenn mir eine x-beliebige Person ein Nacktbild von sich schickt, dann tendiere ich dazu das in jedem Fall sehr wohl als sexuelle Belästigung, wenn schon nicht Stalking, zu werten.
Zwar könnte sie (diese Person) Roulette spielen und damit mit der Chance, dass ich die Person zufällig oder mutmaßlich auch scharf finde, und so Glück mit mir haben – diese Person wird aber keine öffentliche Figur sein, die Millionen schon fantasieweise wahrscheinlich anschmachten.
Zumal ein solches Denken scheinbar ohnehin nicht vorgesehen ist: die Objektivierung einer Person darf demnach auf Zelluloid oder in Magazinen erfolgen, aber nicht in den Köpfen der Menschen stattfinden, wo sie der vorherrschenden Ideologie zufolge sofort als Objektifizierung verurteilt wird.

Bemerkenswert schließlich auch die einzige alternative Option, welche der Verge-Artikel vorstellig macht: Lawrence hätte nämlich schon begonnen an einer „Entschuldigung“ zu schreiben. Ja da stellt sich für mich ebenfalls die Frage nach deren Logik: weshalb sollte sich Lawrence auch „entschuldigen“? Nein, stattdessen wird die interessierte Öffentlichkeit beschuldigt und nicht etwa beglückwünscht, dass sie zweifellos den Blick auf einen Ausdruck, den videotechnisch kurzen, fotografisch kleinen Eindruck von einem Auschnitt erhascht hat, der ihr ansonsten zu Lebzeiten verborgen geblieben wäre.
Die diese Sexualität einerseits provozierenden, andererseits aber strikt ablehnenden Einstellungen scheinen das ideologisch keineswegs zuzulassen – so hätte sie in einer anderen, offeneren, gerechteren, demokratischeren Welt diesem Interesse auch sagen können: „genießt den unerlaubten Blick auf meinen Body solange ihr könnt, denn ich sorge schon dafür dass zumindest dessen Häufigkeit nicht zunimmt, vielleicht (aus meiner Sicht) hoffentlich eher verschwindet.“ Als Zeichen samt seiner Differenz.

Nein. Diese Reaktion erinnert mich dafür an ein besonders rigides Zitat von Natalie Portman, welche vor Jahren einmal geäußert hat, dass sie die Öffentlichkeit nicht mit Nacktheit von sich belasten möchte und selbige später (UK-„Elle“, Februar 2010) sofort mit Pädophilie und ebenfalls „Pornografie“ in Verbindung brachte.
Dabei dachte ich: wenigstens die Frau Lawrence sei umgänglich, ja sogar aufgeklärt. Cool und lässig. Nicht einmal prüde – so divers ihre bisherigen Rollen ausfielen.
Wie sich herausstellt ein schwerer Irrtum, für den ich mich nun weit eher schäme: dabei werde ich mir in Hinkunft wohl gut überlegen, ob ich mir noch einmal einen Film mit Jennifer Lawrence zu Gemüte führen werde. Ich könnte dabei schließlich auf Gedanken kommen, wegen denen selbige mich nachher eines Verbrechens bezichtigt…

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