Menschen und Handlungen. Kommentar bei Rainer Schauder

Video: ‚Weshalb sollte “Bayonetta” überhaupt “sexualisiert” sein und nicht von sich aus bereits sexuell? Ich denke im Gegenteil, dass ein “sexualisiertes” Videospiel gar nicht so leicht zu finden ist.
Spontan fällt mir bloß “Hyrule Warriors” ein, das mit einiger Begründung “The Legend of Zelda” sexualisiert hat. Allerdings mit der Einschränkung, dass es sich hierbei um ein Crossover mit “Dynasty Warriors” handelt, das wie andere Tecmo-Koei-Franchises (auch) schon immer sexuell gewesen ist.
Ein anderes Beispiel wäre noch das eines fiktiven Spiels nach Grimms Märchen, das entsprechende Bilder (im Sinne von Imagery) aufweist. Da könnte gesagt werden, dass die allermeisten popularisierten Adaptionen davon sonst – im Filmbereich etwa von Disney bis zum tschechischen Märchenfilm – “kindgerecht” und nicht sexuell waren. Also dass das sexualisiert wurde. Nur würde selbst dieses Beispiel gewissermaßen nicht stimmen, da die ursprünglichen Vorlagen sehr wohl sexuelle Konnotationen (ganz abgesehen von heftigen Gewaltdarstellungen) aufwiesen und erst ein Walt Disney den Stoff (mit) entsexualisiert hatte.
Unter “Sexualisierung” verstehe ich jedenfalls, dass Inhalte welche ideell oder traditionell nicht sexuell (gemeint) waren, wie etwa auf ihre Körperlichkeit reduzierte Darstellungen von Frauenfiguren, genau das irgendwie doch geworden sind. Ob absichtlich, oder eher über gewisse Umstände (wie etwa im Falle von “Hyrule Warriors”). Ansonsten glaube ich kann “Sexualisierung”, vor allem als Vorwurf formuliert (ähnlich wie auch der Ismus diesbezüglich, also “Sexismus”), nur darauf hinweisen, dass viele sexuelle Inhalte ganz einfach nicht erwünscht sind.
Als negativ gefährlich gedacht werden sollen etc. Siehe auch die Interpretation dieses Sarkeesian-Zitats: sie hat natürlich völlig recht und sie meint das leider auch „kritisch“, nur wüsste ich als zumindest tendenziell Betroffener nicht was daran verwerflich sein sollte und frage mich über welche Körperbilder und Eindrücke, Empfindungen sie damit eigentlich (fremd)bestimmen will. Vor allem als Mensch mit Behinderung frage ich mich das. Und „schade“ finde ich deshalb auch vor allem, wie (hier oder sonst) demzufolge über Menschen wie mich, meinen Blick und meine Sexualität, geurteilt werden soll. Wogegen der (Un-)Wert von Menschen wie mir daraufhin offenbar nicht bestünde und was ihnen somit verwehrt zu bleiben hätte. Letztlich: welche Leben?
Ich sehe etwa auch die gebetsmühlenartige Behauptung, dass Frauen ja erst sexualisiert werden müssten, so als ob sie nicht von sich aus schon sexuelle Wesen sein könnten – wie auch immer diese definiert werden, ob biologisch oder sonst wie -, als äußerst misogyn an. Zudem soll es immer nur um bestimmte “Frauenbilder” gehen, aber wie Figuren sonst dargestellt werden scheint egal.
“Wir” leben gewissermaßen in einem Zeitalter der Klage über den Sex.
Der Strassenstrich ist aus Europa schon verschwunden. Ob mit einer oft genug überaus einseitigen Rede über “Menschenwürde” oder anderer ethischer Konstruktionen: es regiert Empörung und Entrüstung. Das Interesse an Sicherheit, Gesundheit und Bewahrung vor potentiellem Schaden. Von Miley Cyrus bis zu gewöhnlicher Werbung, allenthalben wird die vermeintlich allgegenwärtige “Übersexualisierung kritisiert” bis verurteilt. Sexualität taugt positiv praktisch nur mehr zur legalistischen Abgrenzung. Allein damit gibt sich diese Gesellschaft “aufgeklärt” und “inklusiv”. Währenddessen feiert die “Pornographie” im Internet fröhliche Urständ, sperren immer mehr Swingerclubs auf. Ganz zu schweigen von diversen Gräueltaten in Mietwohnungen. So ein Mann, der etwa in “Dead or Alive” ganz oben ohne auftreten kann (dafür gabs beim fünften Teil sogar einen eigenen DLC mal), ist davon nicht betroffen, dafür greift bei den Frauen mit den Bikinis sowieso immer das patriarchale Verhüllungsgebot am Oberkörper und die Spiele gelten trotzdem mitunter als sexistisch, auch weil zwischen Begehren und Begierde bei Objekten scheinbar nicht unterschieden werden mag. Und wird das, wie jüngst bei “Onechanbara” mit Obst, findig zu umgehen versucht, taugt derlei Kreativität scheinbar trotzdem nur für noch mehr Vorwürfe – wie ich jüngst in einem Leserbrief kritisierte.
So wird sich vielfach schon unter dem Wort “Erotik” oft scheinbar etwas ganz anderes an Inhalten zumindest erhofft, als sie heutige sexuelle Videospiele repräsentieren. Und um deren Sexualität so zurückzudrängen, werden diese Konstruktionen bemüht.
Dem Vernehmen nach sogar strikt getrennt: da gibt es angemessene “Erotik in Videospielen” und den verdammten “Sexismus”. In jedem Fall herrscht Normdenken.
Leider oft auch einigermaßen verschwörungstheoretisch, wonach eben die gesamte Industrie “sexistisch” wäre. Wenn ich als Feminist an die Gehaltsscheere und Führungsetagen denke, würde das auch stimmen, nur genau das ist ja so gar nicht gemeint… Dabei denke ich ist das eine ziemlich klare TäterInnen-Opfer-Umkehrung und verhält es sich weit eher andersrum als es sich so vorgestellt wird, wonach mit diversen Reifedünkeln und Familienbildern die Sexualität anderer Leute, deren Einstellungen zum Leben, ihre Fetische usw., keineswegs akzeptiert werden wollen, ausgegrenzt werden sollen und letztlich ein nicht zu unterschätzendes Bedürfnis besteht diese als “pervers”, abscheulich oder gleich verachtenswert zu zementieren – in die Nähe diverser Verbrechen zu rücken usw. Denn “inkludiert” sollen letztlich nur alle jene werden, die sowieso schon gemeinsame Werte und Normen vertreten.
Wonach ich da auch einige Doppelmoral erkenne: so glaube ich können viele Titel gar nicht entsexualisiert genug sein, und das meine ich überhaupt nicht zynisch – denke da beispielsweise an die einmalige Verwendung des Wortes “Vergewaltigung” in der PR zu “Tomb Raider” (2013) und die exorbitant keuchende, stöhnenden Inhalte, Verletzungen der Protagonistin in diesem Spiel selbst, um nicht doch noch für diverse Fetische wie Ryona zu taugen. Vom vorrevolutionären Frankreich bis zum Viktorianismus: die Geschichte hat gezeigt, dass je mehr Sexualität untersagt oder verdeckt, wenn schon nicht verboten, wird, umso interessanter erscheint sie: denn wenn etwas nicht umzubringen ist, dann ist es, gottlob, die Sexualität der Menschen in ihren verschiedensten Formen.‘

Nachlese zum genannten DLC. Und dem Leserbrief

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