Kommentare zu Wissen und Wissenschaft

Im VDVC-Forum: ‚Das Deutsche hat das Problem (ähnlich wie bei „Gewalt“), dass es für „Wissenschaft“ im Sinne von Forschung nur ein Wort gibt. Während „science“ eigentlich immer (potentiell) empirisch arbeitende Wissenschaften meint. Also etwa auch die Kosmologie (im Unterschied zur Theologie).
Ob es um „Natur“ (im Unterschied zu „Kultur“), oder den „Mensch“ geht (social sciences), der Gegenstand von Forschung ist gewissermaßen immer natürlich-materiell und Forschung auf keinen (immateriellen) Geist bezogen. So interessiert in der Mediennutzungs- und Wirkungsforschung etwa weniger was die Menschen über Medien denken, sondern vielmehr wie sie sich wegen ihnen verhalten, das heißt welche Auswirkungen sie hätten, wie sie sie nutzen, welchen Nutzen oder Schaden sie ihnen (und ihrer – sozialen – Umwelt) bringen.
Und ich fühle mich da etwa schonmal gar nicht angesprochen, weil ich keine „science“ sondern „studies“ betrieben habe: wie zum Beispiel in „intelligence studies“, wobei es dort etwa endlich ist „Geheimdienste“ herzuleiten. Herleitungen kann ich in den Kultur- und Geisteswissenschaften nämlich nur bedingt bringen: ich kann etwa sagen, dass die Geheimdienste aus einem Sicherheitsbedürfnis oder einer Nationsbildung heraus enstanden sind, ihnen selbst nähere ich mich dadurch aber schonmal eher weniger.
Mir gefällt im Übrigen folgendes Bonmot von mir: jemand der aus einem lärmgedämmten, klimatisierten Raum ohne Fenster ins Freie tritt um zu überprüfen wie das Wetter so ist, ist ein empirisch arbeitender Wissenschafter (…)
Im engeren Sinn wird mit „wissenschaftlich“ freilich nur die Schaffung „neuen“ Wissens gemeint sein, also Wissen das vorher tendenziell noch niemand „gewusst“ hat. Immer unter der Voraussetzung, dass „Wissen“ – im Unterschied zu Information – als von Menschen getragen verstanden wird, bzw. an Menschen gebunden ist.
Und nicht nur eine persönliche Überprüfung betrifft, wie etwa eben nach dem Wetter zu sehen, das zum Beispiel eher nur das eigene Wissen angeht. Dafür wird vorher, also noch vor „Wissenschaft“, aber etwa relevant sein, dass Einigkeit darüber besteht was „Wissen“ eigentlich ist, also etwa dass Daten nur eine Reihe von Zahlen sind und daraus erst Information wird, wenn diese in ein System gepresst (integriert) worden sind und Wissen wiederum erst aus der Interpretation eben dieser Information entsteht, also letztlich daraus was Menschen aus Information machen.
So meinte etwa Michael Pachter mal, dass es einen „original thought“, also einen originären Gedanken, nicht gibt. Und daran werden sich dann auch unsere Rechtssysteme orientieren müssen, wenn sie etwa UrheberInnenrecht usw. (IPs etc.) verhandeln: alles Denken wird letztlich systematisiert werden müssen, damit es sozusagen (erst) verhandelbar, übertragbar, zum Gegenstand einer Mitteilung wird.
(…)‘

Update 30. November: Ergänzungen – ‚(…)
Wie ich schon schrieb lässt sich „Wissen“ besser abgrenzen, zum Beispiel von „Information“. Wobei aber wiederum auch „Daten“ von „Information“ zu unterscheiden wären. Wesentlich bleibt deshalb keine abstrakte Definition, sondern was konkret unter etwa allen drei dieser Begriffen verstanden werden kann.

An Daten habe ich zum Beispiel die Zahl „28“. Diese liefert mir nämlich noch keine sinnvolle Information solange sie nicht einigermaßen (gut) systematisiert wurde: etwa als „28°“.
Und selbst dann habe ich noch keine für viel Wissen brauchbare Information, denn „°“ kann von Neuem sowohl Celsius als auch Fahrenheit bedeuten und damit eine ganz andere Temperatur meinen.
Nun zum Wissen: weiß ich jetzt zum Beispiel dass etwas „28° Celsius“ hat, dann kann das Kontext-abhängig wiederum ganz anders sein, weil Wissen an (menschliche*) Erfahrung gebunden ist. Wenn dies das Ergebnis der Messung eines menschlichen Körpers ist, dann ist dieser vielleicht tot – oder mein Thermometer kaputt. Wenn ich damit Raumtemperatur messe ist mir dort vielleicht zu warm und ich nehme ein Kleidungsstück ab (…)

* natürlich kann man sagen, dass auch Tiere „wissen“ – das hängt dann aber auch von der Frage ab ob diese vernunftbegabt sind, oder nicht. Und wie sich Wissen mit Instinkt etc. verhält.‘

Nachtrag: ‚(…) was sollen „Konstruktivistische Kritiken“ darüber hinaus mit Episteme zu tun haben? Konstruktion/Relativität hat weniger mit Erkenntnis, eigentlich ganz im Gegenteil, sondern vielmehr mit Wahrnehmung (!) zu tun. Also das was erst zu Erkenntnis führen kann und insofern ist Konstruktion/Relativität auch keine neumodische Erfindung, sondern geht bis auf Platons Höhlengleichnis zurück.
Erkenntnistheorie gab es bereits in der Antike. Wenn dann geht es hier wohl hoffentlich um Ontologie.
Wo ich studiert habe gab es ohnehin eine personelle Nähe zu Hans Albert und insofern sehe ich hier den Kritischen Rationalismus (Popper) auch missbräuchlich verwendet, da dieser Wahrnehmung falls überhaupt weit eher ganz im Sinne von Konstruktion/Relativität kritisiert, sich demzufolge sonst aber so gut wie gar nicht in eine scheinbar erwünschte Richtung dagegen geäußert hat. So was wurde schon im Positivismusstreit aus politischen Gründen unterstellt.
Demnach wüsste ich gern welcher Prof. das sein soll, der „praktisch relevante Lösungen“ im Widerspruch zu einem „Konstruktivismus“ sieht, denn noch bevor sich überhaupt an „Lösungen“ gemacht wurde, wird der vielmehr die Existenz des „Problems“ in Zweifel gezogen haben, oder zumindest auf verschiedene Sichtweisen hingewiesen, das heißt was überhaupt als „Realität“ wahrgenommen wird. (…)‘

2. Dezember: ‚(…) das Problem ist hierbei ziemlich eindeutig eine tendenzielle Vermischung von theoretischer und praktischer Philosophie.
Beide sind jedoch strikt zu trennen und gerade Poppers Falsifikation ein gutes Beispiel für das Modell einer praktischen Anwendung. In der Wissenschaftstheorie spielen auch vielmehr andere solcher Modelle eine große Rolle, wie am bekanntesten und berühmtesten zweifellos jenes mit den Paradigmen von Thomas Kuhn. Ich glaube auch nicht, dass alles andere für eine Definition von „Wissenschaftlichkeit“ relevant ist.
Du hast schließlich nach „Wissenschaft“ gefragt und da ging es in erster Linie wohl darum diese von Nicht-Wissenschaft (Unwissenschaftlichem) abzugrenzen. Dafür wird zunächst, wie ich schon ausführte, zwar auch „Wissen“ abzugrenzen sein, aber auf eine Diskussion über die Beschaffenheit der Welt, ihre Zugänge und Bedeutungen würde ich mich da erst gar nicht einlassen. Genau das meinte ich im Übrigen mit „Wahrnehmung“.

Spätestens ab der Moderne gibt es so gut wie keine „Universalphilosophie“ mehr die beide Felder (Theorie und Praxis) gleichermaßen abackern würde und überall gute Beiträge liefern. Das spielts ganz einfach nicht mehr. Die Welt und (wieder) ihre Wahrnehmung ist dafür einfach zu komplex geworden. (…)
Und meinte ich mit meiner Verwirrung dahingehend, was „Konstruktivismus“ und „Relativismus“ da für ein Problem darstellen sollten. Denn als „Relativisten“ könnte ich schließlich auch Albert Einstein oder Charles Darwin nennen, welche vormals autoritäre Prinzipien massiv in Frage stellten. Ich kannte diesen Ismus bislang eigentlich auch nur dahingehend, wenn etwa von religiöser Seite Vorwürfe kamen (Stichwort „Wertrelativismus“).
Auch hast Du vorher schon von „Werten“ geschrieben und meine ich auch deshalb, dass hier mehr oder weniger Politik als Wissenschaftstheorie verkauft werden soll. Ein Widerspruch bei dem was über diesen Herrn Feyerabend gesagt wird, betrifft etwa bereits die „Logik“.
So wird im PDF zwar mehrmals darauf hingewiesen, dass es nicht nur eine Logik gibt, das glaubt vielleicht höchstens Mr. Spock sag ich immer, aber nicht dass das mitunter gerade eine Feststellung dessen ist was dort sonst unter „Relativismus“ fällt.
Also historisch bedeutsam wurde zwar ein Ludwig Feuerbach, aber wird sicher nicht dieser Mensch mit seinem „Relativismus“, von dem ich im Laufe meiner Beschäftigung mit Philosophie vielleicht höchstens mal eine Randnotiz vernahm.

Ich verstehe, dass Dir das PDF sehr zusagt, weil es in einer einfachen Sprache gehalten ist, wenn Du einen ersten Eindruck von der Materie gewinnen möchtest und es ist strukturell sicherlich auch gut geschrieben, aber schon der Titel dieses Kapitels „Feyerabend und die Folgen“ finde ich ziemlich absurd: mir scheint da sehr viel Zeit aufgewendet worden zu sein, das was da jeweilig unter „Konstruktivismus“ und „Relativismus“ als Bedrohung für einen „Rationalismus“ oder sonstigen Empirismus missverstanden wird, zu diffamieren. Während die Probleme welche sich daraus ergeben, bei einer Unterscheidung zwischen Episteme und Ontologie aus meiner Sicht auch nicht vorhanden sein würden – da gibt es im PDF schließlich ein eigenes Kapitel -, würde das in Hinblick auf Theorie und Praxis beachtet werden. Just my 50

Schon allein dieses Zitat „anything goes“: das ist ein toller Song von Cole Porter, den man auch bei Indiana Jones hören kann, aber auch der war bereits polemisch gemeint. Kulturpessimistisch sowieso.
Immer wieder heißt es, dass ein Gedanke an Konstruktionen (wie in Konstruktivismen üblich) und Relativität (nicht nur in der Wissenschaft, sondern vor allem auch Ethik bei Methoden) zu einem „laissez faire“, also „anything goes“, führen würde. Sorry, aber das ist ein ganz typischer, rein politisch-ideologisch motivierter Angriff der theoretischen Grundlagen mit einer bestimmten praktischen Grundlage den Boden entziehen will.
Auffallend schon wie den Glasersfeld-Zitaten dagegen in diesem PDF scheinbar keine große Gewichtung zuteil wird. Während ein Heinz von Foerster sowieso gleich ausgespart wird. Auffallend auch wie „Sprache“ als Einstellungsmerkmal übergangen wird und wenn schon denn schon etwa nicht auf Ferdinand de Saussure etc. Bezug genommen, dieser gar keine Erwähnung findet. So dass etwa meine Philosophie demnach gar nicht existieren würde.

Und wesentlich für das Denken im 20. Jahrhundert war etwa auch die Analytische Philosophie (Bertrand Russell, Ludwig Wittgenstein, die im Empirismus teilweise soweit ging dass sie ontologische Annahmen vollständig ablehnte, Rudolf Carnap, Wiener Kreis). Willst Du aber den Konstruktivismus besser verstehen, solltest Du Dich unbedingt einmal auch mit Figuren wie Heinz von Foerster http://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_von_Foerster beschäftigen. Der im PDF nicht einmal erwähnt wird und etwa nur eines von vielen Bindegliedern zur „hard science“ darstellte.‘ Das besagte PDF.

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