The Game Awards 2014

Geoff Keighley ist gestern Abend in Las Vegas schlussendlich wirklich die Quadratur des Kreises gelungen: zusammen mit erstaunlich viel Unterstützung von (überraschender Weise vor allem) Nintendo, Sony, Valve und Electronic Arts, einzig Microsoft glänzte produkt(ions)mäßig etwas durch Abwesenheit, wurde eine Veranstaltung geboten bei welcher der zurückgedrängte Einfluss von Interessen Games-ferner Medienkonzerne in Nordamerika erstmals deutlich zu spüren war. Umso erfreulicher, dass die dreistündige Sendung scheinbar trotzdem an Viacom verkauft werden konnte.
Videospiele sind nunmal nicht wie andere Medien und können in ihrer allein technischen Bandbreite deshalb nicht so dargestellt werden wie andere: das zu vermitteln dürfte sich Keighley zur Lebensaufgabe gemacht zu haben – und plötzlich war die Videospielwelt wirtschaftlich kein reduziertes Duell zwischen zwei Konzernen mehr, wie es auf der E3 in den letzten Jahren praktisch nur mehr der Fall schien, sondern die Marke Nintendo offenbar gleichberechtigt dabei – von „Shovel Knight“ bis „Zelda“ mindestens ebenso prominent mit Augenöffnern besetzt. Peter Moore streute Keighley dafür zurecht Rosen.
Und erstmals hatte ich damit das Gefühl, dass abseits der E3-Pressekonferenzen zumindest die kommerzielle Dimension der Ausdrucksform in all ihren Facetten berücksichtigt wurde: was die jeweiligen Plattformen angeht (von Konsolen bis mobil), vom mit „Valiant Hearts“ wenigstens angerissenen Potential eines breitenwirksamen und vom Rest der Industrie eben nicht getrennten „Serious“ im Inhalt her, aber auch kulturell. Zunächst fiel mir bereits auf, dass auf den obligatorischen „Gewalt“-Warnhinweis vor der Sendung verzichtet wurde und stattdessen, aus meiner Sicht wesentlich angemessener, von „Beleidigung“ gesprochen worden ist.
Der Seitenhieb von Tim Schafer auf sonstige, bei solchen Veranstaltungen bislang übliche Prominenz saß genauso wie wie jener bei Trey Parker in Richtung Kevin Spacey. Der Auftritt von Kiefer Sutherland (Melancholia) wirkte dafür umso ernster und ehrlicher.
Die Einspieler mit Conan O’Brien dabei wiederum wie das Echo aus einer anderen Welt, um nicht zu vergessen wo sich (leider) noch immer befunden wird – was (nicht nur) im (US-)Alltag Repräsentationen der Abgrenzung, wie halt über Anita Sarkeesian, ohnehin nicht vergessen lassen. Erstmals wurde die Videsopielindustrie so dargestellt wie auch ich sie wahrnehme: ich hätte es nicht anders gemacht und wüsste nicht wie sie in diesem Rahmen wesentlich besser ausgesehen hätte – sogar die etwas billige, dafür zum restlichen, teilminimalistischen Design passende Wetafigur hat mir gefallen. Sicher waren nur wenige Leute vor Ort und wirkten die ständigen Zurufe wie immer bezahlt, aber dafür waren sämtliche Zuspieler von einer außerordentlichen Qualität und haben in ihrer Kreativität (ich denke da etwa an den zu „EVE Online“ oder den Williams) teilweise wirklich dem offensichtlichen AMPAS-Vorbild entsprochen. Die gezielte Auswahl der präsentierenden Gäste stach so besonders heraus: da war niemand dabei, wo bei genauerer Betrachtung eine Nähe zum Gegenstand nicht abgenommen worden wäre.
Die 1:1-Kopie einer Oscarverleihung war das Konzept dennoch nicht: Keighley hielt sich, wohl die Doritosaffäre im Hinterkopf, ziemlich zurück und war etwa, obwohl der eigentliche Host, bis kurz vor Schluss nicht auf der Bühne, sondern sprach aus dem Publikum heraus. Gemäßigt sogar die Produktplatzierungen: einzig AMD fiel mir an einer Stelle auf. Selbst für körperliches Kontrastprogramm war gesorgt, als Justine Ezarik als Präsentatorin nicht allein auftrat, sondern mit einem findigen Geschäftsmann.
Von den in der Presse (und da befindet sich die aus der Branche heutzutage ja oft bereits im Gleichklang mit dem „Mainstream“) samt Publikum häufig als „unreif“ usw. mit geschmähten sonstigen YouTuber kannte ich zwar keinen einzigen, aber hatten ihren gemäß deren ZuschauerInnenzahlen sicherlich wohl verdienten Platz in der Sendung zugewiesen bekommen, ob deren Industrie-bezahlte Stellung nun gefällt oder nicht, wobei die auch dort spürbare, männliche Dominanz in der Core-Industrie nicht durch irgendwelche Vorzeigepersonen verschleiert worden ist. Es war eine Sendung die klar Anerkennung wollte, nachdem Jack Thompson die Anwaltslizenz längst entzogen worden ist, aber dafür keine Assimilation und Selbstaufgabe in Kauf nehmen, und damit eben auch meinte sich bei aller vorhandenen „Kritik“, oder sind es doch nur an mehrheitsfähigen Geschmack angepasste Beschimpfungen, für nichts rechtfertigen zu brauchen: Anerkennung sowohl für Inhalt, als auch den kommerziellen Erfolg der zweitgrößten Unterhaltungsindustrie dieser Welt.
Videospiele können zwar für alle Personen sein, sind aber zweifellos nichts für jeden Menschen. Lediglich die ebenfalls neu eingeführte Kategorie „Games for Change“ hätte damit prominenter besetzt werden können. Doch besonders erfreulich für mich persönlich war natürlich schon die erstmalige Verleihung eines Lebenswerk-Preises dort.
Da war ich die meiste Zeit selbstverständlich den Tränen nahe und bin es in freudiger Erinnerung jetzt immer noch. Auch, dass mit Neil Druckmann (The Last of Us) der wohl angesagteste Designer der Gegenwart diesen Preis verlieh. Was auch immer von dessen Werk zu halten ist: fehlt nur noch, dass ebenfalls die AIAS von der Bedeutung der Williams überzeugt werden kann und diese wenigstens nachträglich in ihre Hall of Fame aufnimmt.

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