Neue Kommentare zur (Frankfurter allgemeinen) Menschenverachtung

Vor allem betreffend Videospiele(rInnen). Im VDVC-Forum: ‚(…) Die fehlende Veröffentlichung weist zudem auf jene Diskriminierung hin, mit welcher der Markt über entsprechend übliche Begriffe im Jugendschutz reguliert wird. Es zeigt auch die Mechanismen der Sortierung, Ab- und Ausgrenzung von diesem Markt.
Und eine wirtschaftliche Alternative dazu besteht praktisch nicht. Mit dem Ergebnis dass hier etwa (euphemistisch) über „gewalthaltige Erwachsenenspiele“ gesprochen wird, diese aus ökonomischen Gründen womöglich sogar ausgezeichnet werden (die zumindest ausgezeichnet werden dürfen, siehe DCP), ihnen (deshalb) vielleicht sogar applaudiert wird (wenn auch nicht inhaltlich), dort aber „brutale Menschenverachtung“ Fremder beschimpft.

(…)

Sorry, aber dann hat es diese „Ab-18-Spiele“ keineswegs je gegeben. Denn nicht jeder Markt hat dieselbe Entwicklung wie Deutschland durchgemacht: zwar wurde die ESRB vor zwanzig Jahren unter ähnlichen Gesichtspunkten des Filmbereichs als Referenz und mittels vergleichbarer Voraussetzungen in negativ derselben kulturellen Situation geschaffen, hier mehr „Doom“ dort mehr „Mortal Kombat“, aber nicht nur rechtlich sah die Sache schon ganz anders aus, sondern auch was die Freigaben selber angeht.
Das AO-Rating hatte ähnlich wie NC-17 (nach der Aufgabe des „X“-Ratings*) im Filmbereich zu keinem Zeitpunkt eine ökonomisch wünschenswerte Bedeutung. Vielmehr ging es um den Unterschied zwischen T und M, analog zum Filmbereich PG(nach der Spielberg-Intervention um 1985 später „-13“) und „R“.
„Ab 18“ war und ist für den nordamerikanischen Markt kein Games-Maßstab. Zumal es Spiele mit sexuellen Inhalten, die das als einzige Ausnahme der etwa in den USA garantierten Ausdrucksfreiheit doch betreffen würde, kaum gibt: genau so wie die höchsten Freigaben für herkömmliche Filme in Frankreich (und im Übrigen auch Österreich jenseits des germanisierten Videomarktes) ein „ab 16“ ist. Also das sind bitte zwei verschiedene paar Schuhe: es gibt diese übergeordnete Regulierung nach den ESRB-Vorgaben, welche die gesamte Branche ab einen gewissen internationalen Verbreitungsgrad berührt und von der Golem da berichtet (abgesehen weniger Nischen), und dann gibt es eben noch das was darüber hinaus geschieht und was in dem Fall die (zusätzlichen) deutschen Ideen beträfe.
Und diese Ideen sind jedenfalls so vielfältig und traditionell unterschiedlich, dass sie eben keine einheitliche Aussagekraft (über die Wahrnehmung im Gesamtmarkt) zulassen. Siehe diverse USK-12-Titel welche in den USA erst ab 17 sind („Risen“ http://www.esrb.org/ratings/synopsis.jsp?Certificate=27163 und Co.).

* so bekamen notorische Filme mit dieser Kennzeichnung, wie allen Voran „Midnight Cowboy“ (1969), von der MPAA später längerfristig kein „NC-17“ sondern ein „R“ verpasst und die ESRB regulierte „Manhunt“ und Co. auch nur in eine Richtung, nämlich ihrem „R“, also „M“.

Nachtrag: die USK prüft(e) für gewöhnlich wenn dann ja nur das negativ was vom Ausland kommt (/kam) und da wurde die ESRB-Hürde Gesetz den Fall ja schon genommen. Die einzige Ausnahme die mir auch nur ansatzweise einfallen würde ist die nachträgliche Ablehnung des ersten „Far Cry“ damals, wegen der Ragdolls.
Und das drückt ja auch eine ganz große Besonderheit des deutschen Marktes aus, nämlich dass die hiesige Entwicklerszene im kommerziellen Bereich immer sehr angepasst war und von den rigiden Jugendschutz-Bestimmungen eigentlich überhaupt nicht betroffen.
Anders als im Filmbereich gibt es in Deutschland keinen kommerziellen Videospiel-„Untergrund“, der die USK gar bräuchte (!). Und die nicht-kommerziellen Modder etc., die sich so eben um keine Freigaben kümmern, haben mit der Industrie (wie der USK in deren Besitz) zunächst auch nichts zu tun, sondern wenn dann eher gleich mit ganz anderen (Behörden wie KJM/BPjM).‘

Update – Replik vom 21. Jänner: ‚Es werden von der (US-)Industrie einfach keine Inhalte geschaffen die (zumindest potentiell) AO wären, also etwa mit sexueller Gewalt ausgestattet, oder solchen Handlungen wie bei „Hot Coffee“ damals. Andere AO-Titel wären etwa noch das deutsche „Singles“ (mit USK-16) oder das unzensierte „Larry – Magna Cum Laude“ (USK-18, das deshalb auch nicht auf Steam sondern nur über GOG.com erhältlich ist). Beide gelten in Deutschland nicht als „jugendgefährdend“.
Irrelevant würde ich diesen Umstand keineswegs nennen, sondern eher eine Schere im Kopf die bereits bei kreativen Prozessen selbst passiert und darum auch nicht diskutiert wird, weil eben scheinbar keine Einschränkung geschieht, aktive oder direkte Zensur nicht stattfindet. Und grundsätzlich würde ich es halt mit der Situation beim Film vergleichen: viele europäische Produktionen behandeln Sexualität etwa so, dass sie mit US-Industriestandards nicht kompatibel sind oder wären (sollten sie überhaupt geprüft werden). Einigermaßen berühmt wurde vor zehn Jahren Bertoluccis „Träumer“, heute wäre etwa „Nymph()maniac“ so ein Fall. Der Unterschied ist wiederum der, dass es ähnliche Eigeninteressen einer europäischen Videospielindustrie nicht gibt, diese so auch zunehmend amerikanisiert wurde, das heißt im Zuge einer Globalisierung den ESRB-Standards angepasst (also lange nicht nur jenen Ideen wie sie bei der USK vertreten werden).
Videospiele haben jedoch den Vorteil, dass es in ihnen meist „nur“ um Darstellungen und/oder Thematisierungen (in Hinblick auf die Ratings) geht. Denn zusätzlich zu Ratings betrifft das beim Realfilm (Live Action) sonst zum Beispiel auch gewerkschaftliche Vorgaben: so verbietet eine US-SchauspielerInnengewerkschaft all ihren MitgliederInnen dem Vernehmen nach strikt, in den von ihnen überwachten Produktionen realen Sex vor der Kamera zu haben. Teilweise wurde deshalb auch schon mit Prothesen gearbeitet oder konnte ein „Indie“-Streifen wie Vincent Gallo’s „The Brown Bunny“ nur jenseits von Hollywood entstehen. Da ist „Indie“ keine Frage der (antikommerziellen) Ideologie oder meistens eher undefiniert „kreativen Freiheit“, sondern eine Notwendigkeit für konkrete, ganz bestimmte Inhalte.
Ein Film wie „Nymph()maniac“ wäre gewerkschaftlich vermutlich noch kein Problem, weil die Sexszenen ohnehin aus dem Computer stammen, aber spätestens beim Rating fallen dann wieder die allgemeinen Visualisierungen darstellerisch ins Gewicht. Und deshalb ist es auch ein Mythos, dass das Pay TV wie HBO und Co., oder „Unrated“-Filme, frei von Zensurvorgaben sind – genau so wenig wie Videospiele mit „M“-Rating und Kinofilme mit „R“.‘

Ergänzung: ‚Ich verstehe diese Logik nicht einmal: da werden Inhalte aus „Ego-Shootern“ also beständig affirmativ interpretiert, würden Inhalte immer gutgeheißen werden (Krieg, Gewalt usw.). Aber was soll das mit der „Kindervergewaltigung“ und dem „Schwulenbashing“ dann: ist es nicht ohnehin schon klar, dass das dann ein und dasselbe an tendenzieller Verwerflichkeit wäre.
Weshalb werden diese vergleichenden Vorwürfe überhaupt noch herausgestellt? Etwa weil das (ohnehin schon) Schlimme nicht schlimm genug ist um (dagegen) herauszustreichen wie sehr das in keiner Form dargestellt, thematisiert (jedenfalls nicht in Form dieser wahrgenommenen „Spiele“) werden sollte?‘

Nachlese „DCP“ – „Deutscher Computerspielpreis
Nachtrag 21. Jänner: ab heute auch mit Artikel beim Standard. Kommentar: ‚Welche „Todesbegeisterung“? Für mich hat „Gewalt in Videospielen“ keine andere Bedeutung als „Gewalt in
Realität“. Kann sie nicht einmal haben: „Gewalt“ ist positiv entweder die Energie für eine wünschenswerte Veränderung (wie etwa sogar einem Mehr an „Sicherheit“, darum auch die vielen aktuellen Rufe nach Staatsgewalt), oder sie ist eine prinzipiell destruktive, das heißt negative Kraft die auf etwas verhindernd, unterdrückend einwirken soll.
Genau das wird hier aber ständig unterstellt, gedanklich Letzteres am Werk. Da findet eine regelrechte Bedeutungsumkehr statt – zum Beispiel eben über eine patriarchale Rede von „Verherrlichung“. Doch was würde wirklich geschehen wenn der „Herr Gewalt“ vom Interesse nach „Gutem und Schönen“ vollständig verdrängt werden würde, statt Tatrollen nur mehr die von Opfern betrachtet, eingenommen werden sollen?‘
Replik: ‚Was wäre denn sonst pädagogisch „wertvoll“? Anderen zu sagen wie sie denken sollen, welche „Werte“ ihnen zu vermitteln wären, kann es aus meiner Sicht gewissenhaft jedenfalls nicht
sein – genau so wenig wie Menschen über ihre Bereitschaft sich medial mit Gewalt auseinander zu setzen schon zu sagen wie sie (für das Leben) angeblich negativ denken würden…
Die oft als „notwendig“ empfundene „Nachrichtengewalt“ mit ihren vielfach hilflos wirkenden Lösungsansätzen möchte ich etwa auch keinem Kind zumuten. Im Gegenteil würde ich mir endlich vielmehr eine Debatte über die Mechanismen von Empörungen (egal ob PEGIDA oder „Wutbürger“) wünschen, welche in der islamischen Welt letztlich auch Menschen gegen Karikaturen auf die Straße gehen lässt.
Oder weshalb sollten nicht gerade “Gewaltspiele” Leben bejahen: was macht sonst schon auf dessen Zerbrechlichkeit aufmerksam und wie würde deren Stellenwert anders wahrgenommen werden?‘
22. Jänner. VDVC: ‚Als religiös/gläubiger Mensch möchte ich einwenden, dass das Motto „YOLO“ auch eher materialistisch, diesseitsbezogen, ist, und sich von daher die Argumentation bereits metaphysisch widerspricht. Bezeichnend bleibt, dass die Widersprüche nicht aufgenommen werden und – wie etwa hier – vielleicht auch gegenseitig abgewogen, sondern immer nur verstärkt erscheinen. Eine gegenseitige Aufschaukelung die ich schon vor zehn Jahren als typisch für jeglichen Populismus in der Sache angesehen hätte –
Ich denke deshalb, dass der FAZ-Text ein Mischmasch diverser Ressentiments ist. So sprechen die Wirkungshypothesen und der Realismus-Gedanke, wonach die Gewaltinszenierung der „Dschihadisten“ sich ja auch von realer Gewalt und deren potentieller Betroffenheit unterscheiden würde, eine andere Sprache als jene, die von „Kindervergewaltigung“ etc. spricht, wo von den Inhalten her ja offenbar immer noch eine mögliche Steigerung (ins noch mehr Negative/Abscheuliche hinein) gesehen wird.‘

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