Die Takbir-Formel und der Medien-„Jihad“

Als metaphysischen Satz gibt es wohl nichts Großartigeres als „Allahu akbar“. Der Satz kann sowohl eine innere spirituelle Versicherung sein, als auch Ausdruck einer Gewissheit von Welt in Welt hinein.
Dennoch wird seine Pervertierung in Hinblick auf reale wie physische Gewalt (massen)medial allenthalben völlig unkritisch übernommen, als Bestätigung usw. Doch keine Karikatur oder weltliche Beleidigung kann die Aussagekraft des Satzes je berühren. Ich behaupte sogar: keinE „DschihadistIn“ welche selbstreferentiell oder fremdbestimmt medial so portraitiert wird kann demnach eigentlich je dem „Dschihad“ des Satzes gefolgt sein.

Sieben Namen seien 2001 auf einer Liste zu tötender „TerroristInnen“ gestanden, sagt die US-Botschafterin in Islamabad. Nicht in „Realität“, sondern zu Beginn der vierten Staffel von „Homeland“.
Heute wären es über 2000. Das ist das Klima.

Dennoch wird erstens lieber eine Figur wie Lara Croft als „Massenmörderin“ hingestellt. Wird chauvinistisch mit etabliertem Gleichklang als „Meinung“ über deren „Selbstzweck“ oder pejorative Konstruktionen wie „lazy design“ fabuliert, gebetsmühlenartig geschwafelt – mitunter ausdrücklich weil eben nichts anderes „einfällt“ als sich über derlei Tatrollen zu stellen. Vielleicht als einziges Zugeständnis.
Nur das Opfer aller Bemühungen zu gefallen vermag. Nur eine Ohnmacht scheinbar gelten gelassen wird, nämlich jene einer Begrenzung des eigenen geistigen Horizonts in seiner grenzenlosen Bewusstlosigkeit. Eine Begrenzung die zu nichts mehr im Stande zu sein scheint außer alles zu beschimpfen, das sie selber nicht versteht oder vorgibt nicht zu verstehen imstande zu sein.

Und trotzdem gibt es zweitens jenseits polemischer Atheismen praktisch ausschließlich Bemühungen die „gute“ von der „schlechten“ Religion dahingehend abzugrenzen, werden andere Entrüstungen gesucht, nur um ja nicht die eigenen Vorstellungen von Leben und Welt, Familie und Werte, Freiheit und Sicherheit, in Frage stellen zu brauchen.
Stattdessen dominieren sublime Rechtfertigungen, eine Verurteilung einseitig wahrgenommener „Herrschaften“, die oberflächlich-denunziatorische Differenz angeblich vorbildlich „Gemäßigter“ von jenen „radikal“ unliebsamen, in moralisch menschenverachtender Überlegenheit vorgestellten, „Elementen“. Moderation von „Extremismus“, wo Ethik längst keine Reflexionstheorie mehr ist, sondern nur mehr von „Unethik“ unterschieden wird.
So ein großer Quatsch wird da erzählt, alles Unsinn welcher einzig und allein auf die eigenen Vorbehalte, Empörungen, Ab- und Ausgrenzungen basiert. Anstatt zu fragen ob die Gewalt welche Menschen anderen Menschen in Afrika oder (eurozentrisch) den Nahen und Mittleren Osten antun ganz andere Gründe und Ursachen hat, als sie Glaubensbekenntnisse und ein noch so tiefes Misstrauen gegenüber Medienfreiheit zum Ausdruck bringen könnten, wenn nach deren Migration betroffene Menschen auch in Europa marginalisiert werden, sich Ghettos bilden und diese lieber unter sich bleiben.

Der relative Frieden in „unseren“ satten Ländern bleibt für Erklärungen deshalb ausgeklammert, jede Störung, aller Bruch wird auf anderes geschoben – vielleicht nur vorgeblich „selbstkritisch“ akzentuiert – vor allem aber skandalisiert und sensationalisiert. Nur nicht „unserem“ Selbstverständis, keinem „Wir“ die Schuld gegeben, oder als (hausgemachte) Gründe dafür gesucht – wie etwa eine Situation stereotyper Trostlosigkeit, welche in den Banlieues keineswegs nur eine geografische Herkunft bedingt, sondern vor allem Klassismus.
Ungemach als Überraschung. Das Nord/Süd-Gefälle wird dafür wohltuend ebenso ausgeblendet wie die Nachwirkungen des Kolonialismus – nicht das Geringste unternommen um mehr Menschen glücklich und zufrieden zu machen.
Im Gegenteil immer nur neue FeindInnenbilder geschaffen, gesucht und gefunden, Unerwünschtes beständig lediglich verstärkt, Chancen verhindert – Leben letztlich stigmatisiert und weiterhin einzementiert. Die unmittelbar Betroffenen zu medial immer mehr Schuldigen gemacht.

Es braucht auch keinen Rückgriff auf Kategorien wie „Gut“ oder „Böse“ um gerade jene Banalität dieser ökonomischen Zwänge zu erkennen. Wenn nicht nur (Aus-)Bildung, sondern gerade auch „funktionierende“ Kontakte und die Existenz von „Netzwerken“ samt Nivellierung persönlicher Unterschiede, derlei „Gemeinsamkeiten“ und Wohlgefallen, über privaten wie beruflichen Erfolg entscheiden.
Regelrecht verfügen. Diverse Möglichkeiten die bestimmte Menschen von anderen unterscheiden.
Alles Umstände auf die kein kommunitaristisches Denken gerne Rücksicht nimmt, sondern lieber mit Vorwürfen einer „gesellschaftlichen“ Bringschuld eindeckt, zupflastert. Und anstatt diese Interessen in die Pflicht zu nehmen sind „Ego-Shooter“ ein mindestens ebenso bevorzugtes, gern beschimpftes Feindbild wie andere Bilder.

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