Boykottaufruf CyberMedia-Verlag und Offener Brief

Der deutsche Verlag. Anlässlich von „M!Games“ 258 (März 2015) 68: ‚Hiermit​ kündige ich nach weit über zehn Jahren treuer LeserInnenschaft fristgerecht mein Abonnement Ihrer Zeitschrift „M!Games“. (…)
Grund für die Kündigung ist der Artikel in Ausgabe 258 >> März 2015 auf Seite 68. Ich betrachte diesen Text, vor allem den Kommentar im Kasten von Matthias Schmid und eine der beiden Bildunterschriften (jene zu der kleineren Abbildung), als sexuell denunziatorisch und die Würde von Menschen wie mir massiv beeinträchtigend.
Wie ich als von der Unversität Graz promovierter Wissenschafter schon in meiner Dissertation anhand von vor allem Gewaltdarstellungen kritisierte, „degradieren“ weniger Videospiele sich selbst, als dass sich unliebsame Inhalte und Interessen von SpielerInnen und Kreativen an gesellschaftliche Werte und Normen anpassen sollten, und damit die Welt welche sie vorgefunden haben – sollten sie nicht Gefahr laufen von dieser normiert gedachten Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. Ihr Text macht einmal mehr deutlich deutlich, dass dies auch andere Darstellungen als traditionelle „Gewalt“ betreffen kann – wie ich zuletzt bereits in meinem Leserbrief​ vom 26. Oktober 2014 ausführte https://almrausch.wordpress.com/2014/10/26/mal-ehrlich/ .
(…)
Anders als in anderen Videospielen ist in der „Dead or Alive“-Franchise etwa traditionell kein Blut zu sehen und werden Körper auch nicht sichtbar verletzt. Stattdessen wird die Nicht-Einhaltung eines Verhüllungsgebots von Frauen moniert.
Und da der sexuelle Ausdruck des Spiels, oder seine „Sexualisierung“ falls selbst dieser nicht von sich aus anerkannt werden sollte, vermeintlich heterosexuell wäre, meint man dann offenbar, sich in besonders legitimer Weise daran stören zu können, da ja „nur“ das „kritisiert“ wird was für „normal“ gehalten wird, wie eben „pubertierende Jungs“. Wäre dies nicht der Fall, sondern würde es etwa vermeintlich nicht-heterosexuellen Ausdruck betreffen, würde der diskriminierende Charakter dieses Textes vermutlich selbst dem Autor nachvollziehbar(er) erscheinen. Die Vorbehalte sehe ich deshalb als nicht nur patriarchal, sondern auch heteronormativ motiviert an.

Hier wird demnach gleich in mehrfacher Hinsicht mit falsch verstandener Solidarität über die Darstellung von Frauenkörpern fern Betroffener wie Kreativer und andersdenkender RezipientInnen bestimmt, zumal die in „Dead or Alive“ dargestellten „Männer“, welche sogar mit vollständig entblößtem Oberkörper auftreten (!), offenbar keineswegs (mit)gemeint sind, sondern die Vorwürfe eindeutig und ausschließlich auf die unerwünschten Darstellungen von Frauen abzielen und deren Körper einnehmen sollen. Alles Vorgänge die ich als ungeheuerlich empfinde und in keinster Weise verharmlosen oder relativieren möchte – angesichts dieser einseitigen „Meinungsäußerungen“ kann ich es aus demokratischen Gründen mit meinem Gewissen auch nicht vereinbaren zu schweigen und derlei ein weiteres Mal unwidersprochen hinnehmen.
Als Mensch mit Behinderung verurteile ich den Text schließlich nicht nur dahingehend als misogyn und sexistisch, sondern auch in Hinblick auf seine indirekte Feststellung funktionierend angebrachter Körperdarstellungen als extrem behindertenfeindlich, das heißt wenn über Kleidungsvorschriften hinaus Körperteile wie „Oberweiten“ beanstandet werden, ob als Genre-immanent für ein „Kampfspiel“, oder allgemein. Hier soll offenbar das ideologische Diktat eines Realismus erfolgen, welcher darüber bestimmt was Kleidungsvorschriften letztlich am Eindruck normierter, starker, kräftiger Körper zu „bewirken“ hätten, wobei die Doppelmoral dieser Vorwürfe anhand der praktischen Wertung von 85% nur ein weiterer Punkt ist: wie kann ein ästhetischer Inhalt samt seiner mangelhaft gedachten Repräsentation dermaßen abgelehnt werden und das Spiel im Rahmen eines „Produkttests“ dennoch eine so hohe Wertung erfahren? Die Vorwürfe erachte ich deshalb nicht nur als diskriminierend, sondern sie sind aus ökonomisch-formalen Gründen letztlich auch von nichts anderem als schlichter Heuchelei geprägt, da sie prinzipiell nicht einmal durchgehalten werden, sondern nur als weitere Opportunismen angesichts des gegenwärtigen Zeitgeists gegen derlei Ausdruck missbraucht werden – so wie etwa nach Schulmassakern perfider Weise Shooter „selbstkritisch“ für Gewaltverbrechen verantwortlich gemacht wurden, soll diesbezüglich völlig absurd sogar noch eine Verehrung (!) von Frauen auf frauenfeindliche Morddrohungen bezogen werden, nur weil Darstellungen vielleicht einen Bezug auf dieselben Körper und dortiger Konstruktionen von Vergewaltigungen etc. aufweisen: mir persönlich gefallen die meisten Frauenfiguren in „Dead or Alive“ auch nicht, dennoch toleriere ich sie zumindest – ähnlich wie ich die Gesichter der Herren Redakteure Ihrer Zeitschrift nicht beanstanden würde oder angesichts deren Präsenz mit sexuellen Unterstellungen operieren, sondern eher dazu geneigt bin sie schon allein aus humanistischen Gründen so zu akzeptieren wie sie sind.
Als Katholik empfinde ich den Artikel schließlich selbst religiös diskriminierend und im übertragenen Sinn noch mehr rassistisch, da Autosexualität und Masturbation anscheinend mit Zuhilfenahme biblischer Figuren einschüchternd diffamiert werden soll: ich bin etwa auch kein „pubertierender Junge“ und sehe überhaupt nicht wie diese Form des Journalismus sexuell ausgegrenzten Menschen helfen soll, außer dass sie durch ein entsprechendenes Normdenken samt derlei aggressiver Hassreden wie in diesem Text noch mehr marginalisiert werden.

Darüber hinaus betrachte ich ein dermaßen anderes Leben zu führen, oder in entsprechender Disposition auf die Welt gekommen zu sein, auch nicht unbedingt als Defizit, so wie es dieser Artikel durch „Unfall“ usw. zweifellos nahe legt. Woher Ihre abscheuliche Verachtung von Menschen wie mir rührt und was Sie mit Ihren TäterInnen-Opfer-Umkehrungen vermutlich nicht verstehen, ist, dass sich viele ihr Leben nicht aussuchen konnten – so zu sein wie Sie es samt Ihrer Reifedünkel etwa für „richtig“ hielten. Und Ihre Menschenverachtung geschieht eben auch indem über die Fantasie, Sexualität, den sexuellen Ausdruck und Geschlechterkonstruktionen sowohl von realen Menschen, als auch fiktionalen Figuren fremdbestimmt wird, wie etwa „pubertierender Jungs“, einem Sprechen „als Männer“ über „Frauen“, oder eben angesichts unangemessen empfundener Darstellungen von Frauen. Im Gegenteil soll diese Form vermeintlicher „Inklusion“ von Normen Vorurteile und Ausgrenzung gegenüber allen anderen Menschen so wohl erst (recht) schaffen und ein gesellschaftliches Klima zementieren, indem traditionelle Videospiele eben nicht anerkannt sind, sondern von einer normiert gedachten „Restgesellschaft“ antiemanzipatorisch „belächelt“ werden.‘

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